Rassismus an Schulen und was heißt eigentlich POC?

In meiner Schulzeit hatte ich viele rassistische Lehrer*innen, aber damals war mir noch nicht bewusst, dass sie wirklich rassistisch waren. Wie viele andere verband ich das Wort Rassismus mit schlimmen Gewalttaten, über die ich in Geschichtsbüchern las. Auch mit solchen, über die in den Nachrichten gesprochen wurde. Obwohl selbst dort selten bis nie das Wort „Rassismus“ benutzt wurde, wusste ich: DAS ist Rassismus. Über alles, was mir in meinem Alltag so begegnete, konnte ich mich zwar aufregen und vieles verletzte mich auch, jedoch hatte ich immer das Gefühl ich hätte ja noch „Glück gehabt“.

Denn schließlich wurde ich nie in der U-Bahn von Nazis angegriffen oder hatte aufgrund meiner Hautfarbe schonmal in einer Situation richtige Angst verspüren müssen. Rassismus verband ich also immer mit den ganz schlimmen Sachen, die außerhalb meines Alltags stattfanden, aber ich verband es nicht wirklich mit meinem Biologielehrer, der öfter als nötig im Unterricht meine Hautfarbe oder Haare ansprach, immer in „gut gemeinten Witzen“ verpackt.

„Am Ende der Projektwoche wurde ich dennoch in die erste Reihe gestellt, als wir vor der ganzen Schule einen Afrikanischen Tanz vorführten.“

Oder mit meinem Theaterlehrer, der in der Projektwoche das Thema „Afrika“ auf zwei verschiedene Volkstänze und viel Gerede über geflüchtete Menschen und Scheinehen in Europa herunterbrach. Als fast einzige Schwarze Person in meiner Klasse fühlte ich mich während der ganzen Projektwoche so unwohl, dass ich dachte ich bekäme noch Magengeschwüre. Ich diskutierte auch viel mit meinem Lehrer über die unvollständige Darstellung von „Afrika“, die er uns darbot, aber am Ende der Projektwoche wurde ich dennoch in die erste Reihe gestellt, als wir vor der ganzen Schule einen „Afrikanischen Tanz“ vorführten, obwohl ich bei den Proben extra schlecht getanzt hatte.
Auch verband ich das Wort Rassismus nicht mit meiner Deutschlehrerin, die seit dem allerersten Tag der Oberstufe meine türkisch-deutsche Freundin B. grundsätzlich schlechter benotete. Wenn B. mündlich oder schriftlich einen Fehler machte, der auch jeder anderen Person hätte unterlaufen können, bezog sie dies stets darauf, dass bei B. Zuhause ja nur Türkisch gesprochen wurde und behandelte sie sehr von oben herab.

„Der Begriff POC wird benutzt um Menschen verschiedener Hintergründe zu solidarisieren, die in ihrem Alltag in einer weißen Mehrheitsgesellschaft Rassismus erfahren.“

Aber obwohl mir und vielen anderen Mitschüler*innen in all solchen Situationen unbehaglich wurde und wir spürten, dass wir oder andere ungerecht behandelt wurden, wussten wir oft nicht, wie wir in solchen Situationen effektiv agieren konnten. Als POC´s waren wir deutlich in der Unterzahl an meiner Schule und niemand hatte die Energie und die Argumente, die es benötigt hätte, um sich gegen eine Autoritätsperson wie einen Lehrer oder eine Lehrerin und eine Klasse voller Jugendlicher zu stellen, die nie selbst Rassismus erfahren hatten und es auch nie tun würden.

Den Begriff POC habe ich erst nach meiner Schulzeit kennengelernt. POC steht für People of Color oder in der Einzahl: Person of Color. Es ist eine politische Selbstbezeichnung, die erstmals im 18. Jahrhundert in den karibischen Kolonien Frankreichs auftauchte. Der Begriff wird benutzt um Menschen verschiedener Hintergründe zu solidarisieren, die in ihrem Alltag in einer weißen Mehrheitsgesellschaft Rassismus erfahren. Ich persönlich definiere mich gerne als Person of Color, da hinter diesem Begriff keine diskriminierende Fremdbezeichnung steht, sondern er eher als Selbstbezeichnung genutzt wird.

Heutzutage wird der Begriff POC in Deutschland vor allem in akademischen Zusammenhängen oft benutzt und auch viele Universitäten haben POC-Gruppen, in denen sich Studierende of color gemeinsam über ihre Rassismuserfahrungen austauschen und in ihren Hochschulen politisch aktiv werden.

Ein Artikel von Yamundao Bah

Titelbild mit freundlicher Genehmigung von Van-Lam Trinh

2 Kommentare zu „Rassismus an Schulen und was heißt eigentlich POC?

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  1. Es tut mir sehr leid, dass du solche Erfahrungen machen musstest und vielleicht immer noch musst. An meiner Schule werden meine MitschülerInnen (ich selber habe eine weiße Hautfarbe) zum Glück meist nicht heruntergemacht. Das liegt vielleicht auch daran, dass es an unserer Schule sehr viele SchülerInnen mit einer dunkleren Hautfarbe gibt oder deren Eltern nicht in Deutschland geboren worden sind. Bei uns wird man nicht über Hautfarbe oder Herkunft definiert, was das Leben einfacher macht. Ich wünsche dir, dass du inzwischen auch so eine Gemeinschaft hast.

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