Warum ich stolz darauf bin an einer Stange zu tanzen

“The War between the sexes is over. We won the second when women started doing pole dancing for exercise” So die abfällige Behauptung der Figur Jacob Palmer, die Ryan Gosling in ‚Crazy Stupid Love‘ spielt. Früher ist mir dieser Satz nicht wirklich aufgefallen, doch jetzt macht mich die Aussage wütend.
Ich bin 23 Jahre alt, studiere seit 4 Jahren Kulturwissenschaften, bin Feministin und seit 2 Jahren leidenschaftliche Poledancerin. Und nein, das widerspricht sich nicht. 

Poledance entstand im frühen 20. Jahrhundert auf fahrenden Jahrmärkten in den USA. Dort tanzten leicht bekleidete Frauen zur Unterhaltung – und ja, auch zur Erregung – von Männern in Zelten. Irgendwann fingen sie an den Pfosten, der sich in der Mitte des Zeltes befand, als Requisit für ihre Tänze zu benutzen, et violà, Poledance (engl. Stangentanz) war geboren! So zumindest die Annahme, denn sehr viel Forschung zur Entstehung von Poledance gibt es leider nicht. Sicher ist jedoch, dass sich der Tanz in den 50er und 60er in Stripclubs verbreitete. Dort wurden extra dafür vorgesehene metallene Stangen auf Podeste gestellt, an denen die Performerinnen dann laszive Bewegungen, aber auch Spins (engl. Drehung) und andere Figuren an der Stange performten. Es ist also nicht zu leugnen, dass der Ursprung des Poledance zur Unterhaltung von Männern diente.

Vielleicht könnt ihr euch noch daran erinnern als Kind anderen Kindern eine “Brennnessel” gegeben zu haben? Ungefähr so fühlt sich Poledance an.

Heute gibt es viele verschiedene Arten von Poledance, die teilweise in Stripclubs, teilweise in Sportstudios, zuhause oder bei Aufführungen praktiziert werden. Es gibt Stripperstyle und Exotic Pole – welche der Ursprungsform am ähnlichsten sind – Contemporary Pole, Lyrical Pole oder Polefitness, um nur ein paar zu erwähnen. Eine Poledance-Stange ist zwischen 40 und 50 mm breit und meist aus Chrom, wobei es inzwischen auch andere Beschichtungen gibt, die mehr “Grip“ (engl. Griffigkeit) versprechen. Grip ist übrigens auch der Grund weshalb die meisten Poledancer*innen nur Unterwäsche tragen. Bei den meisten Figuren muss man sich mit aller Kraft gegen die Stange pressen, um nicht herunterzufallen und das funktioniert am besten mit nackter Haut.
Und ich kann euch sagen, es ist das beste Gefühl der Welt, wenn man das erste Mal kopfüber hängt ohne sich mit den Händen festhalten zu müssen! Dieses Glücksgefühl hilft einem manchmal auch über den Schmerz hinweg, den so ein Trick meist auslöst. Denn Poledance ist definitiv nichts für schmerzempfindliche Menschen oder jene, die Probleme mit blauen Flecken haben. Vielleicht könnt ihr euch noch daran erinnern als Kind anderen Kindern eine “Brennnessel” gegeben zu haben? Das ist, wenn man den Unterarm des anderen mit den Händen nebeneinander ganz fest packt und dann in entgegengesetzte Richtungen dreht. Ungefähr so fühlt sich Poledance an. Hinzu kommen die blauen Flecken, die mehr oder weniger unvermeidbar sind, da man sich ja mit ganzer Muskelkraft gegen die Stange drückt und diese dann eben auch Spuren hinterlässt. Aber keine Sorge, die Haut, und auch das Muskelgewebe gewöhnen sich mit der Zeit daran, irgendwann tut es weniger weh und man kriegt Hornhaut an den strapaziertesten Stellen. Still finding it sexy?!

Es ist nicht das Stigma hinter Poledance, das gebrochen werden muss. Es steckt ein viel größeres Problem dahinter: Es heißt Slutshaming.

Poledance ist so viel mehr als ’nur ein sexualisierter Tanz‘. Es fordert Kraft, Ausdauer, Flexibilität und Körperkontrolle, egal ob man das im Stripclub, einem Sportstudio oder zu Hause praktiziert. Seitdem ich Poledance mache habe ich ein anderes Verhältnis zu meinem Körper. Ich möchte nicht behaupten, dass ich mich nie unwohl fühle oder unzufrieden mit meinem Aussehen bin, das tut, denke ich, jede*r von Zeit zu Zeit, aber ich habe gelernt meinen Körper dafür zu lieben was er kann und leistet und nicht zwangsläufig dafür wie er aussieht.

Als ich meinen Eltern zu Beginn meines Erasmussemesters in England erzählt habe, dass ich der Polefitness Society, einem universitären Verein, in dem Poledance unterrichtet wird, beitreten würde, waren sie erstmal skeptisch. Und meine Brüder haben Witze gemacht. Inzwischen zeigen meine Eltern bei jeder Gelegenheit stolz Videos von mir herum und mein großer Bruder, der schon immer unheimlich sportlich war, meinte letztens anerkennend: ”Das ist echt krass was du da machst”.
Poledance ist ein Sport, der inzwischen sogar im Gespräch für Olympia steht, und dennoch wird er noch immer stark stigmatisiert. 

Im Gespräch über meinen Instagram Account, auf dem ich sehr viel Poledance Content teile, hat mich ein Typ mal gefragt, ob ich denn keine Angst hätte, dass das jemand ’sexy‘ finden könnte. Wieso sollte ich Angst davor haben als ’sexy‘ wahrgenommen zu werden? Und wieso wäre das etwas schlimmes? Ich möchte nicht als Sexobjekt wahrgenommen werden, möchte nicht darauf reduziert werden. Aber ‚Sexynes‘ an sich ist nichts Verwerfliches oder etwas, das man vermeiden müsste. Wir müssen aufhören den weiblichen Körper als etwas von Natur aus sexuelles wahrzunehmen und es zu verpönen, wenn er entblößt wird. Es ist nicht das Stigma hinter Poledance, das gebrochen werden muss. Es steckt ein viel größeres Problem dahinter: Es heißt Slutshaming. Und es muss aufhören.

Manche Poledancer*innen tanzen in High Heels. Manche Poledancer*innen tanzen überhaupt nicht.

Poledance ist eine der wenigen Sportarten, die von Frauen* groß gemacht wurden. Doch anstatt stolz darauf zu sein, versuchen selbst Poledancer*innen sich vom Striptease, nicht nur ästhetisch zu distanzieren. Man behauptet Poledance würde aus China oder Indien kommen, weil dort ähnliche Stangen-Akrobatik praktiziert wird. Diese Sportarten scheinen gesellschaftlich akzeptierbarer da sie keinen anzüglichen, sexuellen Hintergrund haben. Und ja, es stimmt, dass Poledance, Chinese Pole und Mallakhamp musterähnlich sind, aber sie haben keine gemeinsame Geschichte. Und ich finde es traurig die chinesische oder indische Stangenakrobatik, die traditionell von Männern praktiziert wird, als den Ursprung von Poledance zu bezeichnen, weil die Frauen, die es eigentlich erfunden haben sich dabei ausgezogen haben. Es waren Stripperinnen, die den Tanz erfunden haben, weiterentwickelt und in die Welt getragen haben. Stripperinnen waren die ersten Pole-Lehrerinnen und sie eröffneten die ersten Studios. Jede Frau* sollte stolz auf diese Errungenschaft sein und Stripperinnen verdienen Anerkennung dafür und auch für ihren Job.

Poledance ist ein Sport. Manche Poledancer*innen sind Stripper*innen. Manche nicht. Manche Poledancer*innen tanzen in High Heels. Manche Poledancer*innen tanzen überhaupt nicht. Manche Poledancer*innnen können einen Human Flag. Manche Poledancer*innen sind Feminist*innen.
Aber alle Poledancer*innen sind wundervolle, sich durch die Lüfte schwingende Einhörner (na gut, vielleicht auch nur Menschen) und ich bin stolz darauf zu dieser Community zu gehören.

Deshalb, liebes “Crazy Stupid Love” Produktionsteam: No, war is not over. It has only just begun and poledancers will kick your ass!

Ein Artikel von Clara Kaltenbacher

Titelbild mit freundlicher Genehmigung von Clara Kaltenbacher

Für mehr Poledance-Content follow _claire.de.lune_ auf Instagram.

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