Meine Essstörung und mein Veganismus.

Der folgende Artikel ist Teil einer zweiteiligen Reihe zum Thema „Essstörungen“ von Paula Charlotte. Den anderen Artikel zum Thema findest du hier.

Ich habe begonnen, mich vegan zu ernähren, als mein damaliger Freund sich trennte. Zu dem Zeitpunkt war ich gerade 19, knapp 20 Jahre alt, hing noch mitten in der Essstörung, die ich mir nur so ganz bruchstückhaft eingestand. Nach der Trennung ging es mir beschissen, ich beschloss, ich bräuchte ein Alltagsprojekt, um mich abzulenken – wurde vegan. Das war mega. Der Tierrechtsaspekt lag mir am Herzen, aber vor allem: Ich beschäftigte mich 24/7 nur mit dem Thema Essen.

Was darf ich essen und was nicht, wie koche ich gesund. Irgendwann kam ich auf die Idee, auch noch auf Gluten zu verzichten. Ich fühlte mich besser (nach wie vor vertrete ich die Meinung, dass Milchprodukte mir nicht gut tun btw), verzichtete viel auf weißes Mehl und und und. Das Bild meiner Essstörung veränderte sich, mal trieb ich sehr viel Sport, mal übergab ich mich, mal aß ich zu wenig oder fastete. Alles in einem Rahmen, in dem es gesellschaftlich „anerkannt war“ – health lifestyle halt.

Dass dem Ganzen aber etwas viel Düstereres zu Grunde lag, nämlich Selbstabwertung, Wertlosigkeit, das Gefühl nicht genug zu sein – das erkannte ich erst Jahre später, als ich mit einer Freundin meiner Mutter sprach, die Kinder-und Jugendtherapeutin ist und selber jahrelang an einer Essstörung litt. Denn irgendwann kam ich an den Punkt, an dem ich nicht mehr konnte. Ich wusste, ich schaffe es nicht alleine, weitermachen konnte ich auch nicht mehr einfach so, mein Körper war restlos erschöpft, meine Psyche ebenfalls. Also sprach ich mit meiner Mutter. Sie fiel aus allen Wolken, gab mir aber den entscheidenden Tipp. Denn ihre Freundin riet mir letztendlich zur Reha, die ich dann mit meinem Therapeuten zusammen beantragte. Und eben jene Freundin klärte mich auch darüber auf, dass sie schon länger ahnte, was ich erst dann realisierte: Wie lange und tief das Verhalten und die toxischen Gedanken schon da waren. Denn sie kennt mich seit früher Pubertät und erklärte mir dann, dass Veganismus oft ein Tarnmantel ist für restriktives Essverhalten in einer Essstörung – und dass ich erst wieder lernen müsse, „normal“ zu essen, auf meinen Körper zu hören, ohne mir von vornherein etwas zu verbieten, um wieder gesund zu werden.

In jenem Sommer verbrachte ich einige Wochen bei meinem Vater, saß den ganzen Tag im Garten und schrieb. Das Heilsamste daran war, dass ich die Verantwortung für das Essen völlig abgab, einfach weil ich zu erschöpft war, um weiter zu kämpfen. Mein Vater frühstückte mit mir und kochte Abendessen, ich aß (bis auf Fleisch) was er mir vorsetzte. Auch auf Reha aß ich vegetarisch und lernte, darauf zu hören, was mein Körper gerade wirklich wollte  – Müsli oder Brot, Brötchen? Zwei oder eins? Käse oder doch nur Gemüse? Ich lernte mein Sättigungsgefühl kennen, welches mir durch Restriktion und Essattacken völlig abhanden gekommen war und lernte, nicht mehr darauf zu achten, wieviel und was die Menschen um mich herum aßen.

Seitdem ernähre ich mich vegetarisch, möchte aber Schritt für Schritt Milchprodukte reduzieren – weil ich spüre, dass meine Verdauung damit teilweise Probleme hat. Aber alles langsam, in Ruhe, ohne Zwang. Denn auch wenn man kein gestörtes Essverhalten mehr zeigt und auch die Gedanken zu einem großen Teil nicht mehr toxisch sind, besteht die Gefahr eines Rückfalls immer.
Also, Stay safe, achtet auf euch.
Love, Paula

Anmerkung: Das hier ist meine Geschichte, meine individuelle Erfahrung. Die Motivation, sich vegan zu ernähren kann sehr unterschiedlich sein und nicht jeder Mensch ist deswegen gleich essgestört. Die Wahrscheinlichkeit, dass Veganismus eine weitere Restriktionsform ist, ist allerdings bei Menschen, die an einer Essstörung leiden, relativ hoch. 

Ein Text von Paula Charlotte

Paula Charlotte Kittelmann ist M.Sc. Psychologin in Leipzig. Sie schreibt als Autorin und Redakteurin über intersektionalen Feminismus mit Fokus auf Körperakzeptanz und psychische Erkrankungen/mentale Gesundheit.
Mehr von Paula findet ihr auf paulacharlotte.de

Bildquelle: Haley Lawrence on Unsplash (unter CCO Lizenz)

2 Kommentare zu „Meine Essstörung und mein Veganismus.

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  1. Hallo Paula,

    ein wirklich bewegender und sympathisch ehrlicher Beitrag ;).
    Ich denke, gerade auf dem Weg der Genesung ist es in erster Linie wichtig auf sich und die Bedürfnisse seines Körpers zu achten. Denn gerade das hat man im Rahmen einer Essstörung ja oftmals verlernt.
    Früher ging es mir genauso. Anorexie und Bulimie waren lange Zeit Begleiter meines Lebens. Begonnen hatte es in meiner Jugend mit 13. Und auch heute merke ich teilweise, dass sie noch in manchen Aspekten da ist.
    So war ich einige Jahre der Tiere wegen Veganer, habe mich aber im Mai diesen Jahres dazu entschieden mich auch ab und an vegetarisch zu ernähren, mir mal Käse und Süßigkeiten von damals zu erlauben. Um nicht wieder zu hungern, und auf die Stimme zu hören, die mir sagt ich solle verzichten, dürfe dieses oder jenes nicht und abzunehmen würde Kontrolle bedeuten.
    Es geht nicht um die Art wie wir essen, ob vegan oder vegetarisch. Es ist in erster Linie eine Krankheit, die psychische Stärke zur Überwindung erfordert.

    Ich wünsche dir ganz viel Kraft und positive Energie auf deinem Weg zur Genesung ;).

    Lg Cordula

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