„Rescue the Rescuer“ – Menschen retten ist nicht illegal

Im August diesen Jahres wurden drei Mitglieder*innen der griechischen NGO ERCI (Emergency Response Centre International) von den griechischen Behörden auf Lesbos verhaftet. Die Vorwürfe: Menschenschmuggel, Spionage und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung. Unter ihnen Sarah Mardini, die selber aus Syrien floh und 2015 mit einem Schlauchboot auch auf Lesbos ankam. Aufgrund der Ausmaße der Anschuldigungen sitzen alle drei nun schon seit über 50 Tagen in Untersuchungshaft, welche im schlimmsten Fall bis zu 18 Monate andauern könnte. Ohne Anklage und Verhandlung! Angesichts der laufenden Ermittlungen sah sich ERCI gezwungen, sämtliche Operationen bis auf Weiteres zu beenden. 

Nun haben ehemalige Freiwillige in Kooperation mit den Familien der Verhafteten eine Solidaritätskampagne unter dem Hashtag #FreeHumanitarians gestartet und fordern ihre sofortige Freilassung. Denn alles was die drei gemacht haben, ist Menschenleben zu retten. Nacht für Nacht haben sie an der Südwestküste von Lesbos Ausschau gehalten. Ausschau nach Flüchtlingsbooten, mit denen Geflüchtete immer noch tagtäglich versuchen, die griechische Insel vom 10 km entfernten türkischen Festland zu erreichen.

43704619_237297540478301_8642135650285387776_nIch (Béla Hackenberg, 20-jähriger Berliner) habe von Dezember 2017 bis März 2018 selber als freiwilliger Helfer mit zwei der angeschuldigten Freiwilligen gearbeitet und möchte mit der Schilderung eines meiner Erlebnisse auf Lesbos dazu beitragen, greifbar zu machen, dass unsere Arbeit unter keinen Umständen auch nur ansatzweise kriminell war.

Die Nacht zum 17. Januar war eine kalte Nacht und ein Gemisch aus Nieselregen, Gischt und starke Böen peitschte mir ins Gesicht. Es war ziemlich genau drei Uhr früh und ich stand mit einem weiteren Freiwilligen an einem Aussichtspunkt von dem aus wir eine fast 180 Grad weite Sicht über das Mittelmeer hatten. Normalerweise sind die Lichter des türkischen Festlandes von dort aus deutlich sichtbar, an diesem Abend jedoch waren sie nur vage erahnbar. Mit bloßen Augen und Ferngläsern suchten wir alle paar Minuten den Horizont ab und hielten Ausschau nach möglichen Schlauchbooten, welche sich, durch unregelmäßig aufflackernde Lichter von Smartphone-Taschenlampen erkennbar machen.  

Licht am Horizont

Zuerst schien es mir etwas Unwirkliches zu sein, etwas was sich meine Augen nur einbilden, um meinem Gehirn einen Streich zu spielen. Aber dann wurde es immer deutlicher: Ein schwaches Licht flammte mehrmals, nicht einmal 500 Meter entfernt von uns, im Wasser auf. Als ich realisierte, dass es sich bei diesem Licht um ein Boot handeln könnte, war ich zunächst komplett überfordert. Die ganze Zeit lang hältst du nach etwas Ausschau, wovon du gar nicht genau weißt, wie es in Realität aussieht und dann ist es einfach da. 

In meinem Kopf gingen 1000 verschiedene Dinge gleichzeitig vor und es dauerte einen Moment, bis ich klar denken konnte. Von der Kraft der Wellen getragen, bewegte sich das Boot unglaublich rasch in Richtung Küste. Wir fuhren so schnell es ging zu der ungefähren Stelle, an dem das Boot auf die Küste treffen würde, sendeten den Pin unseres Standortes via Whatsapp an unsere Kolleg*innen und rannten aus dem Auto. In nicht einmal 50 Meter Entfernung sahen wir das Boot auf uns zukommen. 

Diesen Augenblick werde ich niemals vergessen und ich bekomme auch jetzt beim Schreiben erneut Gänsehaut. Ich erinnere mich an die große Anzahl von Menschen, zusammengequetscht in diesem mini kleinen Schlauchboot. Ich erinnere mich an das Meer, welches sie manchmal bis zu einem halben Meter in die Luft hinauf katapultierte und dann wieder herab ließ. Das Schicksal lag wie eine dunkle Wolke über ihnen. Jeder Moment der Überfahrt hätte darüber entscheiden können, auf einen Schlag sämtliche Menschenleben in diesem Boot auszulöschen.

Wir rannten auf die Stelle zu, an der das Boot ungefähr die Küste erreichen würde. Zum Glück war der Bereich der Küste relativ leicht zugänglich und es gab nur wenige große, spitze Steine, welche das Gefahrenrisiko der Landung deutlich erhöht hätten. 43823373_1131857153627937_3761893281118552064_nFreiwillige zweier anderer „Search and Rescue“-NGO’s waren auch vor Ort und somit konnten wir uns gegenseitig helfen das Boot zu stabilisieren, es gegen die Kraft der Wellen zu schützen und damit beginnen, den Menschen aus dem Boot heraus zu helfen. Kinder haben dabei immer die höchste Priorität, obgleich es unheimlich wichtig ist, sie nicht von ihren Müttern zu trennen, da diese dadurch in Panik geraten könnten. Als wir alle an Land gebracht hatten, traf glücklicherweise auch der Rest unseres Teams ein. Die Ärzte konnten sich um Erkrankte kümmern und die anderen Freiwilligen versorgten die restlichen Ankömmlinge mit Wärmedecken, Socken, Mützen und Wasser. Die Situation beruhigte sich zunehmend, der Gesundheitszustand aller war stabil. Nach einer guten halben Stunde kam ein Bus, der die geflüchteten Menschen zu der zentralen Registrierungsstelle fuhr.  

Ich brauchte mehrere Tage, um dieses Ereignis zu verarbeiten und die Erinnerungen haben sich mittlerweile fest in mein Gedächtnis eingebrannt. Nach dieser Nacht gab es zahlreiche weitere “Boatlandings” auf Lesbos, an welchen wir von ERCI zum Großteil beteiligt waren und aktiv geholfen haben, Menschen zu versorgen und sie sicher an Land zu bringen. Während meiner Zeit auf Lesbos wurde mir immer mehr bewusst, wie viel Menschen bereit sind zu tun, um den Krieg und die Verfolgung in ihrer Heimat hinter sich zu lassen und wie verzweifelt sie nach jeder Möglichkeit suchen, eine bessere Zukunft für sich und ihre Familie zu schaffen. 

Mein alltäglichen Sorgen schienen mir auf einmal unglaublich trivial und nichtig. Fragen wie: “Was soll ich nächstes Jahr studieren?” “Wohin will ich im Sommer verreisen?” standen nun der Frage gegenüber:  “Werden die geflüchteten Menschen und ihre Kinder die heutige Überfahrt überleben?”

Solidaritätsdemo 20. Oktober in Berlin

In meinen Augen zeigen sich die EU sowie nationale Regierungen absolut unfähig/unwillig, das Sterben im Mittelmeer zu verhindern. Anstatt die Situation zu lösen, lassen sie sie durch eine zunehmende Kriminalisierung von humanitärer Hilfe nur weiter eskalieren (siehe Sea-Watch, Lifeline etc.). Nicht-europäische Menschenleben werden als billige Ressource gesehen und ein Verlust solcher wiegt anscheinend nicht besonders schwer. 

Gegen diese bodenlose Ungerechtigkeit muss die europäische Zivilbevölkerung vorgehen. 

Aus diesem Grund wird es am 20. Oktober in Berlin eine von ehemaligen Freiwilligen organisierte Demonstration unter dem Motto “Rescue the Rescuer” geben! Das Ziel der Demo ist es, sich mit Sarah, Sean und Nassos zu solidarisieren, Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken und die griechische Regierung, sowie die EU damit unter Druck zu setzen. Der Protest startet um 13 Uhr am Alexanderplatz, am Neptunbrunnen und wird anschliessend zum Brandenburger Tor laufen, mit abschließender Kundgebung und Bühnenprogramm.

#FreeHumanitarians1

Solidarisiert euch mit Menschen, die dafür verhaftet werden, andere Menschen zu retten!

Kommt zahlreich, seid bunt, seid laut und bringt eure Familie und Freund*innen mit.

Lasst uns ein Zeichen setzen gegen die Kriminalisierung von humanitärer Hilfe!

Ein Artikel von Béla Hackenberg

Bilder mit der freundlicher Genehmigung von Béla Hackenberg

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