Über Catcalling und Geilheit

Unter Catcalling versteht man per Definition laut Urban Dictionary unhöfliche, sexuelle Bemerkungen von Männern gegenüber vorbeigehenden Frauen auf der Straße. In der Regel betreffen „cat calls“ den Körper einer Frau entweder im Gesamten oder nur ein bestimmtes Merkmal. Catcalling – ein Verhalten, dem also in erster Linie die Damen der Schöpfung ausgesetzt sind und bei dem der aktive Part im Gegenzug hauptsächlich Männern zugeschrieben wird. Dabei kennt Catcalling weder räumliche noch sprachliche Grenzen: Auf offener Straße ein „Hey Süße“, in der Bar ein „Lächle doch mal, steht dir bestimmt viel besser.“ oder auch aus dem Auto heraus ganz lässig ein „Geiler Arsch!“ rufen – manche Herrschaften sind sich einfach für nichts zu fein. Die Bloggerin Vreni Jäckle hat sich bereits in einem Artikel über diese offene Bekundung der männlichen Geilheit ausgelassen.

Die meisten Frauen werden sich in der ein oder anderen Situation schon wiedergefunden haben: Im Club wird man von hinten von einem Penis angeschubbert (was auch liebevoll als „antanzen“ betitelt wird), man wird von oben bis unten angestarrt und wenn Blicke ausziehen könnten, stünde man plötzlich nackt da. Ganz zufällig hat man im überfüllten Bus oder einer Partylocation Hände am Hintern oder an den Brüsten. Vreni schreibt dazu: Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich fremde Hände an meinem Po hatte, einfach so. Ohne, dass ich signalisiert hätte, dass ich das gutfinden könnte. Denn Mann ist geil auf Sex und ist dafür auf der Suchenach einem geeigneten Spielobjekt. Während ich das tippe, könnte mirbeinahe schlecht werden, einfach weil dieses Gefühl, dass jemand etwasmit deinem Körper macht, das du nicht willst, unfassbar widerlich ist.

Laut Paragraf 3 Abs. 4 des AGG wird sexuelle Belästigung als unerwünschtes, sexuell bestimmtes Verhalten definiert, das bewirkt, dass die Würde der betreffenden Person verletzt wird. Dazu gehören auch vermeintlich beiläufige Äußerungen, Gesten, Blicke und körperliche Berührungen. Wo wir schon beim Punkt sind: Jemand, der einen solchen Akt, der definitiv im sexualisierten Kontext steht, verharmlost, hat keinen Respekt vor der Integrität anderer Körper. Warum erdreisten sich nur so viele, andere ungefragt mit ihrer Geilheit zu belästigen? Ich kann nicht mehr zählen, wie oft mir auf Grund meines Septum-Rings von völlig Fremden mitgeteilt wurde: „Wenn du meine Freundin wärst, würde ich dich an deinem Nasenring an der Leine führen.“ Dabei habe ich mich mit meinem ‚Gegenüber‘ weder davor unterhalten, noch nach seiner Meinung zu meinem Körper gefragt. Noch schöner war es, als mir in Beisein meines Vaters mitgeteilt wurde: „Wenn dein Papa jetzt nicht hier wäre, würde ich dich fragen, wo du sonst noch Löcher hast – aber ich will ja keinen Ärger bekommen!“

Da wird also die Autorität der bloßen Anwesenheit meines Vaters eher respektiert, als meine Würde. Weil er mein Vater ist und ich im Kontext die zu beschützende Tochter? Oder weil mein Vater ein Mann ist? Vermutlich beides – mal abgesehen davon, dass die Formulierung antönt wie „Ich bin ja kein Rassist, aber…“.

Was passiert, wenn Frau den Spieß umdreht und selbst aktiv «cat called», hat Alina Hoppe, Praktikantin bei EDITION F, ausprobiert. In ihrem Selbstversuch läuft sie durch die Straßen und sucht sich männliche Versuchskaninchen, die sie hemmungslos catcallen kann. Die Reaktionen sind überraschenderweise nicht überraschend. Perplexe bis empörte Gesichter, negative und ablehnende Reaktionen, die von zurückhaltend bis sauer rangieren. „Ja, ich hatte den Eindruck, abgestempelt zu werden – denn Frauen machen sowas ja eigentlich nicht.“, schreibt Alina. Dass man dabei (und generell) nicht alle Männer und Frauen über einen Kamm scheren darf, ist klar. Dennoch offenbart sich sehr deutlich, wie festgefahren Genderstereotypen in unserer Gesellschaft sind. Während Catcalling bei Männern (von Männern und Frauen gleicherweise) oft als missglückter Flirtversuch abgetan wird, schockiert es die meisten, wenn Catcalls den Mund einer Frau verlassen. Niemand käme auf die absurde Idee über einen Mann, der belästigt wurde, zu sagen „Naja, selbst schuld, wenn sein Tanktop so freizügig ist…“ – wohingegen Sätze wie dieser fast schon standardmäßig fallen, wenn eine Frau (im besten Fall) belästigt wird. Das Schlimmste daran ist, dass eben solche Aussagen oft von anderen Frauen getroffen werden. Und der Knackpunkt ist: Männer akzeptieren Catcalling nicht, Frauen oftmals schon – selbst, wenn sie es durch Ignorieren tun.

Die Holländerin Noa Jansma hat dem jedoch beispielhaft entgegengesetzt: Auf Instagram postete sie vergangenes Jahr unter @dearcatcallers Selfies von sich – und ihren wenig charmanten Verehrern. Damit setzt sie ein Zeichen: Catcalling ist kein Kompliment, sondern sexuelle Belästigung. Niemand – unabhängig des Geschlechts – muss und sollte derartige Aufmerksamkeit still über sich ergehen lassen.

Ein Artikel von Isabelle Micul
Erstveröffentlicht bei gintonictogo

Foto: © Diana Warkentin

Ein Kommentar zu „Über Catcalling und Geilheit

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