Body Positivity oder Eine kurze Geschichte der Body Struggles

In diesem Artikel werde ich aus meiner persönlichen Perspektive als dicke, weiße Frau über den Begriff „Body Positivity“ schreiben. Der Begriff wird sehr vielseitig verwendet und ausgelegt, sodass ich keine objektive Einordnung versuche. „Body Positivity“ ist mir zuerst auf Instagram als Hashtag begegnet. Als ich neu auf Instagram war, habe ich ziemlich bald diese Community gefunden, die durch #bodypositivity oder #bopo miteinander verknüpft ist. Über Instagram nutze ich diese Community als persönliches Empowerment – in der Form, dass ich dort Körper sehe, die mehr so aussehen wie meiner und Geschichten lese, die Berührungspunkte mit meinen eigenen Geschichten haben.

Zuerst stelle ich euch den Account einer Frau vor, die meine Definition von „Body Positivity“ für mich mitgeprägt hat und deren Buch eine gute Einführung in das Thema gibt:

Bodyposipanda- Megan Jane Crabbe 
Megan ist 24 Jahre alt, lebt in England und fällt vor Allem durch ihre pastellfarbenen Haare und Outfits auf. Auf ihrem Instagram-Account spricht sie zum Einen über sich selbst – über ihren Körper heute, ihre Erfahrung mit Anorexie und ihre Identität als dicke Frau of Colour. Außerdem kritisiert sie Mechanismen die zu „Diet Culture“ und „Body Shaming“ führen. Mit „Diet Culture“ ist der Umgang unserer Gesellschaft mit Diäten gemeint – Abnehmen wird meistens unkritisch als positiv bewertet, Gewichtsabnahme als größtmöglicher Erfolg gefeiert.  In ihrem Buch „Body Positive Power – How to stop dieting, make peace with your body and live” schreibt sie über die Auswirkungen von „Diet Culture“ auf ihr Leben und schafft eine Anleitung den eigenen Körper lieben zu lernen.

„Body Positivity“ bezeichnet eine soziale Bewegung, die für die Akzeptanz und Anerkennung aller Körper arbeitet. Dabei geht es vor allem um den individuellen Umgang mit dem eigenen Körper und das Überwinden der Erwartungen, die an Körper gestellt werden. Wenn ich Erwartungen schreibe, ist damit das Bild gemeint, welches die Gesellschaft von „schönen“ Körpern zeichnet- das Bild eines schlanken, nicht-beHinderten, muskulösen, unbehaarten, glatten, weißen Körpers ohne „Makel“ wie Hautunreinheiten, Cellulitis und Dehnungsstreifen. Dass diesem Bild in der Realität so gut wie kein Körper entspricht, ist klar. Es handelt sich dabei um ein Bild, was an vielen Stellen hergestellt wird, indem zum Beispiel in Serien und Filmen vor allem Körper gezeigt werden, die relativ nah an dieses Bild herankommen. Auch auf Plakatwänden und in Magazinen wird der Eindruck vermittelt, dass unsere Vorbilder einen nahezu „perfekten“ Körper haben, obwohl sowohl auf Netflix als auch bei Fotoshootings Körper nachträglich so bearbeitet werden, dass sie dem „Ideal“ so nah wie möglich kommen – was sie in Wirklichkeit auch nicht tun. Zudem werden an einen „idealen“ Körper, sowie an einen vermeintlich „mangelhaften“ Körper auch immer bestimmte Eigenschaften geknüpft: Wer weiß und schlank ist, ist automatisch selbstbewusst, kommunikativ, agil, motiviert und fleißig. Wer dick_fett ist und diesem Bild nicht entspricht, ist unsicher, inkompetent, unbeweglich, faul, in manchen Fällen sogar schmutzig. Diese Zuschreibungen haben nichts mit dem Charakter der Person zu tun, sie entstehen einzig aufgrund des Körpers. Das führt dazu, dass der Großteil der Menschen ihre Körper als mangelhaft wahrnehmen und einem Bild nacheifern, welches der Realität von menschlichen Körpern nicht entspricht. Aber klar wünscht mensch sich einen Körper, in den andere Fleiß, Motivation und Erfolg hineinlesen. Dabei wollen zahlreiche Firmen mit Fitness-Programmen, Diät-Produkten, Shaping-Kleidung usw. helfen. Letztendlich entsteht eine Struktur, die Menschen verunsichert und ausschließt und vor Allem großen Firmen viel Geld einbringt, die davon profitieren, dass mensch sich im eigenen Körper nicht wohl fühlt.

„Body Positivity“ bezeichnet eine soziale Bewegung, die für die Akzeptanz und Anerkennung aller Körper arbeitet.

Ein großes Thema in der Body-Positivity-Bewegung ist „Body Shaming“, womit direkte oder indirekte Beleidigungen von Körpern gemeint sind, die von dem „Ideal“ abweichen- also zum Beispiel weil jemensch zu dick oder zu dünn ist. „Body Shaming“ in den sozialen Medien stützt sich vor Allem darauf, anzunehmen dass bestimmte Körper, die von dem vermeintlich „normalen“ Bild abweichen, als „ungesund“ bezeichnet werden und damit haltlose Vermutungen über den physischen und psychischen Zustand einer Person getroffen werden, die der Realität nicht entsprechen. Solche Annahmen führen dann zum Beispiel dazu, dass sehr dünne oder dicke Menschen das Essen in der Öffentlichkeit meiden, weil sie die verurteilenden Blicke von fremden Leuten fürchten. Auch Ärzt*innenbesuche können von Vorurteilen und schlechter Behandlung geprägt sein. Dicke Frauen berichten häufig davon nicht ausreichend beraten zu werden, da ihre Beschwerden direkt in Zusammenhang mit ihrem Gewicht gebracht werden.

Die Body-Positivity-Bewegung ist aus dem „fat acceptance movement“ entstanden, das sich auf die Akzeptanz von dicken und fetten Körpern fokussiert. Die heutige Body-Positivity-Bewegung soll aber nicht nur für die Akzeptanz von verschiedenen Körperformen arbeiten, sondern auch antirassistisch, antisexistisch usw. sein. Da „Body Positivity“ immer öffentlicher besprochen wird, scheint es auf den ersten Blick langsam positive Entwicklungen zu geben: Plus-Size-Models wie Ashley Graham werden zu Superstars, in H&M Werbespots tauchen Schwarze, dicke Frauen und Frauen mit Achselhaaren auf und große Labels wie Zara werben mit Slogans wie „Love your curves“ (Liebe deine Kurven), die aus der Body-Positivity-Bewegung hervorgegangen sind.

Ich glaube schon auch, dass das positive Entwicklungen sind- trotzdem machen die meisten Kampagnen auf den zweiten Blick einen viel schlechteren Eindruck. „Body Positivity“ ist für große Marken zu einem beliebten Werbeslogan geworden und bleibt doch meist leere Versprechung. Die Models, die für Zaras „Love your curves“ Kampagne fotografiert wurden zum Beispiel, unterscheiden sich optisch nicht von den Models für andere Kampagnen, es handelt sich um zwei junge, dünne, weiße, nicht-beHinderte Frauen. Kleidung in großen Größen bietet Zara weiterhin so gut wie gar nicht an. Mit Plus-Size-Models wird langsam vor allem ein neues Schönheitsideal erschaffen, denn die meisten bekannten Plus-Size-Models sind ebenfalls weiß, muskulös, unbehaart, nicht-beHindert und haben ganz bestimmte Proportionen. Hinzu kommen das allumfassende Selbstbewusstsein und die absolute Selbstliebe, die das Image von z.B. Ashley Graham ausmachen. Ich glaube nicht, dass es das gibt. Ich glaube nicht, dass es bei „Body Positivity“ vor allem darum geht sich selbst ganz besonders schön zu finden, ich glaube eigentlich geht es eher darum sich klar zu machen warum mensch bestimmte Körper „schön“ findet und andere (und den eigenen) nicht und wer davon profitiert. Und wenn mensch das weiß, dann ist es vielleicht mega egal für „schön“ gehalten zu werden.

Anmerkungen:

Sprachlich habe ich mich am Glossar des Missy-Magazines orientiert, welches sich wiederum daran orientiert: http://feministisch-sprachhandeln.org/glossar/

dick_fett – Selbstbezeichnung von Personen, die keine normschlanken Körper bewohnen.

weiß – Kursiv und klein geschrieben, um die Konstruktion des Begriffes hervorzuheben. Es handelt sich um keine Hautfarbe, sondern um Privilegien, die mit der Hauptfarbe einhergehen.

Schwarz – groß geschrieben, Schwarz ist eine politisch gewählte Selbstbezeichnung, in Ablehnung kolonialrassistischer Bezeichnungen

People Of ColourSelbstbezeichnung von Menschen, die Rassismus erfahren

beHindert – beschreibt keinen Zustand von Menschen, sondern einen gesellschaftlicher Prozess, in welchem Menschen an gesellschaftlicher Teilhabe beHindert werden, weil sie nicht der angenommenen Norm oder Mehrzahl entsprechen

mensch/jemenschstatt man/jemand; um die generisch maskuline Form zu vermeiden

Ein Artikel von Laura Zielinski

Titelbild mit freundlicher Genehmigung von Laura Zielinski
Foto von Nora Haddada, bearbeitet von Berit Wilschnack

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