Roma, Mexico-City

Mit dem Film Roma wird endgültig deutlich, dass Netflix auch tolle Kinofilme machen kann.

Das indigene Kindermädchen Cleo (Yalitza Aparicio) schmiegt sich an den Jüngsten der vier Kinder, als sie abends mit der Familie fernsieht. Er legt seinen kleinen Arm freundschaftlich um ihre Schultern und beginnt zu zetern, als Cleo aufstehen soll, um dem Vater einen Tee zu machen.

Cleo lebt mit derweißen Familie aus der oberen Mittelschicht im wohlhabenden, titelgebenden Stadtteil Roma der Mexikanischen Hauptstadt. Der Vater glänzt vor allem durch seine Abwesenheit, als Arzt ist er zunächst ständig im Krankenhaus, später auf einer vermeintlichen Konferenz in Quebec, von der er nicht mehr zurückkehren wird. Doch auch die Mutter Sofia ist anfangs nicht oft zu Hause. Einige Rollen sind klar verteilt, andere wechseln ständig. Die Kinder wachsen auf mit Cleo als Ersatzmutter und bester Freundin, die nebenbei noch den ganzen Haushalt schmeißen muss. Als Cleo schwanger wird und sich der Vater des Kindes aus dem Staub macht, nähern sie und Sofia sich an, werden trotz der Klassenunterschiede zu Komplizinnen. Die Hintergrundhandlung bildet die linke Studentenbewegung Anfang der Siebzigerjahre, die in einer blutigen Eskalation von paramilitärischen Gruppen zerschlagen wird.

An der Situation, dass die — fast ausnahmslos weiße — reiche Bevölkerung Mexikos, arme indigene Kindermädchen, Köchinnen und Reinigungskräfte für klägliche Löhne beschäftigt, hat sich bis heute nicht viel geändert. Dem Film gelingt das Kunststück, diese Überreste kolonialer Machtstrukturen offenzulegen und zu problematisieren, ohne dabei zu eindimensional vorzugehen. Die rührende Beziehung zwischen Cleo, den Kindern und später auch deren Mutter, sorgt dafür, dass hier nicht nur schwarzweiße Fronten gezeigt werden, die der komplexen Realität nicht gerecht würden.

Regisseur Alfonso Cuarón (Y tu Mama también, Gravity) wollte einen Film über die Erinnerungen seiner Kindheit drehen. Mit der Entscheidung, das Kindermädchen Cleo zur Protagonistin zu machen, gibt er denjenigen eine Stimme, die oft keine haben. 

Roma ist im 65-Millimeter-Format gedreht und somit für die große Leinwand gemacht. Trotzdem lief er nur kurze Zeit in ausgewählten Kinos und war anschließend nur noch auf Netflix verfügbar. Der Film begeistert mit traumhaften Bildern sowie langen Kamerafahrten und erzählt unaufgeregt und dabei trotzdem beeindruckend. Jede Szene, jede Geräuschkulisse ist voll von Mexikanischem Lebensgefühl und berührender Erinnerung. Vielleicht ist dies auch der Grund, warum der Film vielerorts in Mexiko als langweilig kritisiert wurde. Man meint, hier den typischen Malinchsimo vieler Mexikaner*innen zu erkennen: eine Art kollektiver sozialer Komplex, durch den aus dem Ausland stammenden Dingen stets eine größere Bedeutung zugewiesen wird, als den Mexikanischen Pendants. Dabei ist kaum zu verkennen, welch enorme Rolle der Film spielen dürfte, beispielsweise für den Diversitätsdiskurs in Hollywood. 

International konnte Roma durchaus begeistern: Goldener Löwe in Venedig, Golden Globe für den besten fremdsprachigen Film und zehn Oscar-Nominierungen. In Mexikos Medien sind PoC immer noch drastisch unterrepräsentiert, obwohl über 20% der Mexikanischen Bevölkerung sich als indigen identifiziert. Die wenigen Auftritte, die es gibt, sind leider oftmals von Vorurteilen überladen.

Hauptdarstellerin Aparicio war die erste indigene Frau, auf dem Cover der Vogue sowie die erste Indigene, die eine Oscarnominierung erhielt. Natürlich ist es bezeichnend, dass es so lange gedauert hat und nun ausgerechnet ein weißer Mann aus der Mexikanischen Oberschicht diesen Film gemacht hat. Trotzdem ist es ein kleiner Schritt in eine vielfältige Zukunft und die positive Rezeption zeigt, dass heute auch Filme, die Geschichten jenseits des privilegierten Mainstreams erzählen, erfolgreich sein können.

Der Film ist nach wie vor auf Netflix verfügbar. 

Ein Artikel von Felix Geiser
Titelbild mit freundlicher Genehmigung von Felix Geiser

Das Titelbild wurde im Zentrum von Mexico-City aufgenommen, die Straße heißt Eje-Central. Zu sehen ist ein Kino, das etwa zur vorletzten Jahrhundertwende gebaut wurde und dann in den 80ern zum Pornokino umgewandelt wurde. Heute wird es von der Stadt als Arthaus-Kino betrieben. Es heißt Cine Teresa und ist nur wenige Blocks von dem (ähnlich aussehenden) Kino, welches im Film vorkommt entfernt.

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