Zeitlos

Ich mache bald Abitur, bin 18 Jahre alt und gehe anschließend ein Jahr ins Ausland. Wenn ich mit erwachsenen Menschen über meine Pläne spreche, dann lautet deren Antwort immer in etwa so: „Da bin ich aber echt neidisch, das war DIE Zeit meines Lebens. Wie gern wäre ich nochmal so jung!“ Was genau sie damit auslösen, ist ihnen vermutlich nicht klar. 

Ich versteh nicht, warum die Zeit es immer so eilig haben muss,
dass ich am nächsten Tag die Hälfte vom Abend schon wieder vergessen habe,
weil in einer Minute schon so viel passiert, 
dass es hier an Ort und Stelle seinen Wert verliert.
Und statt dem einen besonderen Moment, 
ist es am Ende in der Erinnerung nur ein unbedeutendes Fragment.
Vielleicht erinnerst du dich noch daran, 
doch der neben dir, der weiß schon gar nicht mehr wie alles begann.

Warum gibt es keine Zeitlupentaste in unserm Leben?
Stetiges Verändern, andauerndes Wachsen, sich drehende Planeten, pausenlos und immerzu
und zwischen all dem, da stehst du, 
schaust der Eile zu, 
wie sie alle Menschen überfällt,
wie sie die geraubte Zeit fest in ihren Klauen hält.  
Mal kurz auf Stopp drücken und dein Lachen in Zeitlupe sehen,
mal ganz langsam die Pirouette vor dir drehen. 
Die Haare im Wind wehen lassen,
den Moment mit dem Herzen auffassen.

Doch Menschen versuchen mir zu sagen, wie ich mit der Zeit umgehen solle.
Folgendes versteh ich nicht, Folgendes stellt sich mir als Problem: 

Es macht mich fertig, dass die Menschen zu mir sagen: „Genieß diese Zeit, denn bald wirst du sie dir zurück wünschen“, und ich sie nur fragend angucken kann, 
weil ich definitiv nicht weiß, warum,
warum Freude, Lebenslust und Naivität vergänglich sein soll?
Diese Aussage klingt so weise und bedeutungsvoll
und trotzdem weiß ich nicht, was ich tun kann um ihr mehr Wert zu verleihen,
denn die Zeit rast und mittlerweile gehören zu dieser Phase so viele Erlebnisse, 
dass in einem Monat schon so viel passiert, 
dass ein einzelner Tag hier an Ort und Stelle seine Bedeutung verliert. 
Ist Quantität nun das richtige Mittel? 
Die Zeit meines Lebens, sag’s mir, was trägt sie für einen Titel?

Es beschäftig mich, wenn Menschen sagen, ich solle die Vergangenheit ruhen lassen, 
denn das Leben sei zu kurz um die wenige Zeit in dem, „was mal war“ zu verbringen.
Doch sind es nicht genau die Geschichten, an denen wir hängen, 
die uns zu dem drängen, wer wir jetzt und in Zukunft sind?
Ist es nicht unser belehrendes inneres Kind? 
Es sind doch nicht die banalen Erfahrungen, sondern die schweren und manchmal auch die, die wir am liebsten vergessen würden, 
die scheinbar unüberwindbaren Lebenshürden, 
die Geschichten im Papierkorb unseres Kopfes, 
kurz gesagt die Vergangenheit, 
die doch so essenziell unser Leben beschreibt.
Also warum sollte ich nicht auch mal in ihr verweilen?
Dem Hier und Jetzt eine Pause erteilen
und lange darüber nachdenken, wie Dinge vergingen und auch mal im Schmerz zu baden, 
alte Last auf meinen Rücken laden,
damit ich danach wieder weiß, warum ich heute diese Narben trage und deshalb anders handle als gestern. Und während ich heute im Gestern verweile, da kommt prompt eine weitere Anweisung aus dem Morgen: 

„Jetzt solltest du dir aber schon langsam mal klar machen, welchen Weg du gehen willst, wo du dich in zehn Jahren siehst. Du bist jetzt alt genug um das zu wissen.“, sagt die Freundin meiner Mutter zu mir. 
Und ich sehe den gesellschaftlichen Zeigefinger in der Luft, 
sehe meine innere Kluft.
Ich auf der einen Seite und meine Zukunft auf der anderen. 
Ich erkenne nicht, wie sie aussieht,
weiß nicht wo die Zeit hin flieht, 
verstehe einfach nicht, was Menschen sagen, 
sehe nur das Tal voll mit unbeantworteten Fragen.

Die Panik steigt auf, nimmt ihren erdrückenden Lauf von meinem Haaransatz bis in die letzte Spitze meines Zehennagels.
Ich dachte, gute Entscheidungen brauchen Zeit und jetzt sehe ich mich wegrennen, 
ich renne vor der Zeit davon, renne über Berge und Flüsse ohne Kompass, ohne Uhr, denn die Zeiger und Zeigefinger sind nicht das, was mein Leben definieren, 
sind nicht die Dinge, die mein Lebenslauf zieren.
Schwer zu sagen, wohin mich meine Füße tragen,
einfach weg vom Tal der Fragen.
Und im Geheimen verspreche ich mir, selbst nie einer von den Menschen zu werden, die besser wissen, was ihre Kinder tun sollten, wenn sie anfangen in der weiten Welt durchzubrennen,
wenn die Möglichkeiten in ihren Köpfen um die Wette rennen.
Denn nach dem Motto: Leben im Hier und Jetzt,
da sind die merkwürdigsten Ideen immer die Gewinner,
denn Fehler muss man machen als Lebensspiel-Beginner,
das gehört nun mal dazu und vielleicht ist das Wegrennen im Moment auch nur der Versuch 
dieser Zeit mehr Wert zu geben, mehr Zeit zu erleben,
bevor sich wieder Pflichten um mich herum legen
und ich anfange mein Leben nach materiellen Dingen auszurichten
und dabei vergesse mein Leben in Schnörkelschrift vor mir her zu dichten.

Zeit ist doch eigentlich auch nur eine Form, die sich jemand mal ausgedacht hat, weil die Sonne einen Aufgang und einen Untergang hat, 
somit reduzieren wir Zeit auf Sekunde, Minute, Stunde, Tag, Monat…
zählen Einheiten bis keine Zeit mehr bleibt.

An mir, da zieht das Meer vorbei, bin jetzt schon länger unterwegs, 
das letzte Ortsschild hab‘ ich verpasst.
Ich hab‘ das Gefühl, ich sei hier eh mittlerweile der letzte Fahrgast,
denn so viele haben den Zug bereits verlassen, 
sind bereits auf dem Weg in eine Richtung, 
vielleicht ja sogar mit einer wichtigen Verpflichtung.

Ein alter Mann hat sich gegenüber von mir niedergelassen, er ist beim unbekannten Ortsschild zugestiegen.
Narben zeichnen sein Gesicht.
Die Abendsonne spendet in unserm Abteil trübes Licht.
Der alte Mann sieht mein unglaublich schweren Wanderrucksack an.
Ein Lächeln ziert sein Gesicht 
und ich glaube, er erinnert sich daran, wie sein Lebensabenteuer damals genauso begann. 

Ein Poetry Slam Text von Paula Gaess
Titelbild von Katharina Struss, mit freundlicher Genehmigung von Paula Gaess

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