Müll schmeckt.

Einige Zeit nach Ladenschluss betrete ich den Parkplatz des Supermarktes. Es ist schon dunkel und ich schalte das Rücklicht meines Fahrrads aus, um nicht zu auffällig zu sein. Dann geht’s los. Ich ziehe mir die Kopflampe über, ziehe die Einweghandschuhe an. Die erste Tonne ist gut gefüllt. Bananen, Äpfel und einige Joghurts ziehe ich heraus und stecke sie nach kurzer, prüfender Betrachtung in den Beutel. So geht es weiter, immer wieder grabe ich zwischen matschigem Fruchtsaft; ein unangenehmer Geruch steigt in die Nase, aber der Aufwand lohnt sich. Als ich das Gelände verlasse, habe ich alle Taschen voller Lebensmittel.

Was ich gerade beschrieben habe, wird Containern (engl. Dumpster Diving) genannt. Welche Produkte in welcher Qualität gefunden werden, ist von Markt zu Markt unterschiedlich. In der Regel weiß mensch nach einiger Zeit, wo es sich lohnt und wie zugänglich das Grundstück ist, in welchen Tonnen nachgeschaut werden sollte und um welche Lebensmittel es sich handelt. Hier bestimmt das Angebot die Nachfrage; und manchmal hat mensch einfach Pech und es ist nichts da oder tatsächlich das, was in Abfalltonnen gehört – Abfall. Es gibt keine Garantie, dass wirklich etwas gefunden wird.

Zudem ist im besten Fall vorher bekannt, wie die Polizei im Kiez mit „Lebensmittelretter*innen“ umgeht. Immer wieder hört mensch in den Nachrichten von Menschen, die beim Containern entdeckt, angezeigt und verurteilt wurden. Zuletzt sorgte ein Fall in Bayern für Aufsehen, da die beiden Studentinnen gegen den Gerichtsbeschluss (je 1200 Euro Geldstrafe) Revision einlegten und das Urteil nicht hinnehmen wollten. Zu ihrem letzten Prozess erschienen viele Menschen, die sich mit ihnen solidarisierten.1 Dabei geht es in den meisten Fällen neben der Frage nach dem Strafmaß, welches von Fall zu Fall unterschiedlich ausfällt, vor allem um den ethischen Aspekt. Sollten Menschen überhaupt dafür bestraft werden, wenn sie Müll entwenden?

Sich aus dem Mülleimer zu ernähren, kann verschiedene Gründe haben. Manche, wie ich, wollen Grenzen überschreiten, um sie aufzuzeigen. Aufzeigen, dass etwas falsch läuft und somit die Diskussion ums Containern und die Lebensmittelverschwendung der Konsumgesellschaft in die Öffentlichkeit tragen. Beim sozialen Mittagstisch Guter Hirt Hildesheim, einer den Tafeln ähnlichen Organisation der Kirche, frage ich, ob Fälle bekannt sind in denen Menschen aus Lebensmittelmangel containern. „Hab ich von gehört“, bekomme ich als Antwort. Im Zuge meiner Recherche wollte ich jedoch keiner betroffenen Person zu nahe treten und sie direkt damit konfrontieren.


Verpflichtende Maßnahmen wie das Verbot des Wegschmeißens von Lebensmitteln wie etwa in Tschechien gibt es nicht.


Laut einer Schätzung schmeißen Supermärkte in Deutschland pro Jahr etwa 18 Millionen Tonnen Lebensmittel weg2. Inwiefern auf diese Zahl Verlass ist, sei dahingestellt. Manchen Supermärkten gelingt es jedoch, ihren Abfall so zu reduzieren, dass beim Containern nichts mehr rum kommt. Dies schaffen sie unter anderem durch intensive Zusammenarbeit mit den Tafeln, frühzeitige Reduzierung der Waren vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums (Mhd) oder letztlich durch das Verschenken der Lebensmittel z.B. über foodsharing oder direkt im Markt3. Dies liegt jedoch in der Hand der einzelnen Marktleitungen. Verpflichtende Maßnahmen, wie das Verbot des Wegschmeißens von Lebensmitteln wie etwa in Tschechien gibt es nicht. Dort sind Unternehmen dazu verpflichtet, unverkauftes, aber noch genießbares Essen zu spenden4. In Deutschland drohen stattdessen denjenigen Strafen, die entsorgte Lebensmittel doch noch verwerten, denn…

Wenn mensch beim Containern erwischt wird, ist das erst mal sehr unangenehm. Die meisten meiner Freund*innen meinen, sie würden, falls es sie mal trifft, versuchen mit der Polizei zu reden, sie zu überzeugen, weil sie sich moralisch im Recht wüssten. Als mich die Polizei einmal aufgriff, hatte ich nicht die Möglichkeit, mich zu äußern. Die Beamt*innen waren überzeugt, ich wollte in den Laden einbrechen, sie durchsuchten mich komplett, meine Freund*innen und ich wurden anderthalb Stunden festgehalten. Nachdem wir unsere Personalien abgegeben hatten, durften wir schließlich gehen. Rechtliche Konsequenzen gab es keine, da keine Anzeige gegen uns erstattet wurde. Ich habe ein paar solcher Geschichten gehört, bei denen die Polizei Menschen gehen ließ, manchmal dürfen sie sogar das Essen behalten. Trotzdem kommt es in den meisten Fällen, in denen letzten Endes tatsächlich Anzeige der Marktleitung oder Staatsanwaltschaft erstattet und der Fall dann vor Gericht verhandelt wird zu Verurteilungen wie Geldstrafen oder Sozialstunden, weil Containern kriminalisiert ist. Denn vom Eigentumsbegriff wird auch Müll geschützt5, sodass beim Entwenden jeglicher Form von Müll der Tatbestand des Diebstahls greift. Hinzu kommen die Umstände der Tat. Knackt mensch ein Schloss oder überwindet einen Zaun, um an die Tonnen zu kommen, kann zusätzlich Hausfriedensbruch zum Straftatbestand werden. Wichtig ist daher zu wissen, welche Supermärkte eine coole Leitung haben. Manchmal erlaubt diese von sich aus, dass mensch abends vorbeikommt, um sich die Reste abzuholen. „Dann müssen wir nicht so viel für die Müllabfuhr zahlen“, sagt der Angestellte eines bekannten Großhandels.


Noch nie hat wer davon gehört, dass Menschen von containertem Essen krank geworden sind.


Aber warum schmeißen Unternehmen ihre Produkte weg, wenn sie noch genießbar sind? Ich frage dazu Herrn Wächter, Marktleiter eines bekannten Großhandels in Hildesheim. Er erklärt mir, es gäbe immer einen klaren Grund. Zum einen handle es sich in den meisten Fällen um Produkte, die das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten hätten. Zudem gäbe es Fälle, in denen Warenrückrufe durch Metallteilchen oder Chemikalien in den Lebensmitteln begründet seien. Dies lande dann in dem Müll, aus dem ich das Essen hole. Mir scheint das plausibel und ich weiß nicht, was ich erwidern soll. Bei meinen Freund*innen und in Internetforen frage ich nach. Noch nie hat wer davon gehört, dass Menschen von containertem Essen krank geworden sind (Hast du von so was gehört? Dann schreib gerne an .divers). Selbstverständlich gilt das Essen vor dem Verzehr gründlich zu reinigen (z.B. mit Essig und heißem Wasser) und im Zweifelsfall lieber doch entsorgen.

Die beiden Studentinnen aus Bayern wurden letzten Endes zu acht Stunden Sozialarbeit bei der Tafel und 225 Euro Strafe auf Bewährung verurteilt.6 Die Marktleitung hatte die Strafanzeige auf öffentlichen Druck hin zurückgezogen, die Staatsanwaltschaft beharrte jedoch darauf. Am Beispiel Containern wird klar, wo die Lücken des freien Marktes in Deutschland liegen. Der Staat will nicht eingreifen, keine Verbote oder Sanktionen gegen Lebensmittelverschwendung erheben; doch nur wenige – in diesem Falle – Marktleitungen scheinen sich der Verantwortung bewusst zu sein, die ihnen persönlich dadurch zufällt. Im Überfluss zwischen glänzenden Mangos aus Übersee oder frischer Milch aus den Eutern unwürdig gehaltener Kühe bleibt für Wertschätzung nur wenig Platz. Daher finde ich, wie viele Andere in den Mülleimern deutscher Supermärkte genießbares Essen.
Gerne werde ich darauf verzichten zu containern, sobald es keinen Anlass mehr dazu gibt.

Weiteres:
Hier gelangt Ihr zu einer Petition von foodsharing und Deutsche Umwelthilfe e.V. gegen das Wegschmeißen von Lebensmitteln. Da stehen zudem noch ein paar interessante Zahlen drin.

Quellen:
1 https://www.sueddeutsche.de/bayern/containern-studentinnen-gericht-1.4309763 (Abruf: 11.02.19)
2 Ebd.
3 https://www.gmx.net/magazine/panorama/verschenken-bayerischer-supermarkt-lebensmittel-kostenlos-33561312 (Abruf: 13.02.19)
4 https://www.epochtimes.de/politik/europa/tschechien-supermaerkte-muessen-unverkaufte-lebensmittel-spenden-sonst-droht-eine-geldstrafe-a2757293.html (Abruf: 11.02.19)
5Daher ist das Entwenden von Sperrmüll ebenfalls illegal, weiß nur niemensch
6https://www.sueddeutsche.de/bayern/containern-studentinnen-gericht-1.4309763

Ein Artikel von Henrik Hinze

Titelbild mit freundlicher Genehmigung von Henrik Hinze

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