2506 und 18 Mal

Am 25.06.2018 hatten wir nun unser Abiturzeugnis in der Hand, gut gekleidet und auch irgendwo stolz und glücklich, dass jetzt endlich alles vorbei ist und wir endlich das machen können, was wir auch wirklich tun wollen. Wir wollten endlich wir selbst sein können. Doch, was dann geschah:

Du hast 2506 Mal geschlafen und 18 Mal nur geschlummert,
um das Projekt ,,Du“ zu starten
und das, was dich ausmacht
Irgendwas zwischen weltverbessernden und
weltzersetzenden Situationen,
zwischen Zukunftsträumen und
zu engen Räumen,
zwischen Arbeitsmarkt
und Supermarkt,
zwischen Bewerbung
und Verderbung,
zwischen dem, was du bist
und dem, was du sein willst

Hast du dich nie wirklich gesucht,
aber geglaubt gefunden zu haben,
in den Vorstellungen,
die andere von dir
herumtragen
und bevor du dich erklären konntest,
wurdest du erklärt

Früh wurde dir gesagt,
um ein Überlebenskünstler zu sein,
musst du dich umgestalten
und nicht wie deine eigene Kunst
verhalten,
funktionieren und
Strukturen rekonstruieren,
dich verpassen
anderen anpassen
und andere wiederum
anderen

Und so irrst du auf der Welt herum und
fragst dich mit 19,
ob du die richtigen Entscheidungen
getroffen hast
oder ob das Leben
dich getroffen hat

Du aber bist ein Prozess
und alles, was ihn ausmacht
Du hast deine imaginären Grenzen
mit Filzstiften umrahmt,
anstatt sie zu durchbrechen,
hast dich bei deinem Anblick erbrochen

Alles, was du je wolltest ist ein
bisschen mehr Schlaf
und Freiheit und
alles, was du bekamst,
war Rastlosigkeit,
zu schnelles müde werden
und gut gemeinte Ratschläge

Nimm dir Zeit für dich selbst,
sagst du dir,
aber am Ende des Tages,
nimmt die Zeit immer dich,
weil du ständig fremdbestimmt wirst,
von dir selbst
oder von anderen
und andere wiederum
von anderen

Der Mensch,
den du in Bewerbungen beschrieben hast,
bist du nun geworden

Hinter diversen Masken,
prangerst du die
Diversität des Menschens an,
aber niemals bei dir selbst
und nur bei anderen
und andere wiederum
bei anderen

Wir sind eine Kopie von dem,
was wir eigentlich wirklich sind

Und du würdest
gerne laufen und
laufen, nicht weglaufen,
sondern zu dir selbst.
Wärst gerne dein eigener Marathongegner,
aber selbst dafür,
müsstest du deine Richtung kennen

Du aber bist ein Prozess
und alles, was ihn ausmacht,
halte kurz still
in einer sich immer
schnell drehenden Welt

Schau unter deinem eigenen
bequemen Deckmantel
Studiere dich selbst,
bevor du zu studieren beginnst
Begehre dich selbst,
bevor du dein Leben begehrst
Lerne dich selbst kennen,
bevor du kennengelernt werden willst

Frage dich selbst, wer warst du,
bevor dir die Gesellschaft gesagt hat,
wie du sein sollst und
was du begehren müsstest

Du aber bist ein Prozess
und alle deine Museen sind einzigartig
und werden für immer ein Teil
von dir sein,
nur musst du endlich anfangen,
deine eignen Ausstellungen
zu besuchen

Ein Poetry Slam Text von Limo
Falls ihr Limo kontaktieren wollt, erreicht ihr sie unter limotelly@riseup.net

Titelbild mit freundlicher Genehmigung von Theodora Brad

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