To All The Boys That Fuck Me Up

Schreiben ist eine einsame Sache. Klingt toll! Sie treibt uns zwischendurch zu idiotischen, desperaten Spielchen und Gedankengängen.

Brigitte Kronauer
Aus: Das schöne, Schäbige, Schwankende

Es gibt viele verschiedene Gründe, wieso ich auf einige sexistische Begegnungen nicht reagiere. Manchmal passieren Situationen so schnell und sind genauso schnell schon wieder vorüber, dass es für mich gar keine Handlungsmöglichkeit gibt. Manchmal verhindern gewisse Verhältnisse, wie z.B. bestehende Machtverhältnisse zwischen mir und der sexistisch handelnden Person, die eine Reaktion meinerseits unmöglich machen. Manchmal verlässt mich der Mut und die Angst vor blöden Reaktionen oder davor, dass mir im Moment der Konfrontation meine Argumente entfallen, macht sich breit. Manchmal fällt mir die passende Reaktion erst im Nachhinein ein und manchmal habe ich einfach keine Lust, zum x-ten Mal dasselbe Gespräch zu führen.

Deshalb habe ich begonnen, Reaktionen fiktiv zu konstruieren und aufzuschreiben. Ich möchte mir und anderen damit die Möglichkeit geben, trotz oben genannter Gründe zu handeln und – wenn auch fiktiv – etwas entgegenzusetzen. Außerdem ist es eine tolle Selbsttherapie, da ich so meine Wut ein wenig abgeben kann und auch mal Reaktionen durchspielen darf, die in der Realität total daneben wären.

Kapitel I

Eine fiktive Begegnung mit einem Kollegen, der vorgestern meine Kleidung wie folgt kommentierte: „Da sind aber saftige Orangen auf deinem Hemd“.

Ich: Das ist nun schon das zweite Mal innerhalb weniger Tage, das du meine Kleidung im Büro unangemessen kommentierst. Ich fühle mich damit nicht wohl und möchte keine weiteren solcher sexistischen Aussagen hören.

Er: Ich hab doch nur einen Witz gemacht, das ist doch kein Sexismus.

Ich: Ich sage dir, dass ich mich wegen Dir unwohl fühle und du erwiderst, dass das ja nur ein Witz gewesen sei? Wenn du der einzige bist, der deine Aussage lustig fand, dann solltest du vielleicht mal über deine Definition eines „Witzes“ nachdenken.

Er: Es tut mir Leid, wenn du dich wegen mir unwohl gefühlt hast-

Ich: Nicht „gefühlt hast“, ich fühle mich nach wie vor unwohl.

Er: -genauso unwohl fühle ich mich aber, wenn du mich einen Sexisten nennst.

Ich: Erst einmal kannst du dich gar nicht so unwohl fühlen wie ich, weil es in diesem Fall du warst, der für die unangemessene Situation gesorgt hat und ich diejenige, die nichts machen konnte, um das zu verhindern. Du hast Dir deine überlegene Situation als Redakteur gegenüber einer Praktikantin zunutze gemacht, um einen unangebrachten Kommentar abzugeben. Außerdem habe ich dich nicht als Sexisten bezeichnet, ich habe deine Aussage als sexistisch bezeichnet. Wenn es dir nicht bewusst war, dass das unter der Gürtellinie war, dann beschäftigst du dich scheinbar zu wenig mit dem Thema Sexismus. Außerdem weißt du ja jetzt, dass das sexistisch ist und vermeidest solche Aussagen ab jetzt. Du kannst ja mal drüber nachdenken, wann du vielleicht noch solche Dinge sagst oder tust, von denen du ebenfalls denkst, sie seien witzig.

Kapitel II

Eine fiktive Begegnung mit dem Transporterfahrer, der mir, als er an mir vorbei fuhr, zurief „Ey, du Schnecke!“.

Ich: Ernsthaft?!

Er: Was denn?

Ich: Schnecke? Wann leben wir denn? Junge, es ist 2019 und Frauen sind keine Schnecken, Süßen, Mäuse, Fräuleins, Schnuckis, Mädels, Perlen, Puppen, Weiber, Granaten, Schnitten, Kleinen…

Er: Das war doch nur nett gemeint, als Kompliment. Bist halt ne Schnecke.

Ich: Ok tschau.

Kapitel III

Eine fiktive Begegnung mit dem Typ, der einfach nicht aufhören wollte, im Vorbeigehen in meinen Ausschnitt zu starren. Als ich ihm in barschem Ton sagte, mein Gesicht sei weiter oben, blickte er zwar weg, lief aber kommentarlos und sich scheinbar keiner Schuld bewusst, weiter.

Ich drehe um und laufe dem Mann hinterher, bis ich ihn eingeholt habe. Dann laufe ich vor ihm her, rückwärtsgehend, und beuge mich hinunter zu seiner Hose, um ihm unverhohlen auf die Stelle zu gucken, wo sein Penis zu sein scheint.

Ich: Und? Findest du das witzig? Ist das charmant? Fühlt sich das wie ein Kompliment an? Entschuldige, ich kann einfach nicht anders. Ist ja nicht böse gemeint, das sind einfach meine weiblichen, sexuellen Triebe. Wenn ich denen nicht manchmal freien Lauf lasse, dann drehe ich irgendwann durch. Und wenn du nicht willst, dass man Dir auf den Penis guckt, solltest du vielleicht einfach mal Hosen anziehen, in denen man nicht sieht, dass sich dahinter ein Penis versteckt. Männerhosen werden halt auch immer enger und kürzer. Und dann tragt ihr die auch immer so locker auf der Hälfte des Arschs sitzend. Da kann man ja nicht nicht hingucken. Außerdem: gib‘s doch zu – im Endeffekt ziehst du dich ja so an, um Frauen zu gefallen. Du willst doch, dass wir da hin gucken. Und wenn wir‘s tun und uns nicht dafür schämen, tust du so, als wärst du entrüstet, aber insgeheim gefällt es dir. Ich verstehe schon, du musst so tun. Schließlich würden dich andere Männer ja sonst als leicht zu habenden Stecher abstempeln. Aber seien wir mal ehrlich, so unter uns: du willst es doch auch.

Kapitel IV

Eine fiktive Begegnung mit dem fremden Typ, der mir auf der Tanzfläche im Club einfach an den Arsch gepackt hat.

…und ich schlage ihm mit der Faust ins Gesicht.

Kapitel V

Eine NICHT fiktive Begegnung mit dem fremden Typ im Club, der mich, nachdem er mich mehrfach angetanzt hat und ich ihm gesagt habe, er solle sich verpissen, einfach auf den Mund geküsst hat.

Ich hole weit aus und schmettere meine Faust in sein Gesicht. Sein Kopf wird zur Seite geschmissen, die Leute um mich herum starren mich an. Meine Freunde, die alles mitbekommen haben, rufen Dinge wie: „Yeah!“ oder „Go for it!“. Kurz darauf kommt ein Türsteher und schmeißt mich aus dem Club. Als ich ihm erkläre, was passiert ist, sagt er: „Dann hättest du halt gleich zu mir kommen sollen.“

Kapitel VI

Eine fiktive Begegnung mit dem/den Typen, der/die mir auf einer Party ohne mein Wissen irgendwelche Drogen in mein Getränk gemischt haben.

Ich: Was zur Hölle ist los mit euch?? Findet ihr es witzig, wenn jemand euretwegen nicht mehr alleine laufen kann, sich die Seele aus dem Leib kotzt, sich am nächsten Tag an kaum etwas erinnert, von einem Freund nach Hause getragen werden muss, sich einen ganzen Tag lang die Augen ausheult, weil von dem Erlebnis ein Trauma davon getragen wurde und einfach nicht verstanden werden kann, wieso jemand so etwas tun sollte, wieso so etwas immer wieder passiert und dieser Person schon zum zweiten Mal in ihrem Leben?? Ist das lustig? Seht ihr irgendjemanden lachen? Was, verdammte scheiße, ist schief gelaufen, dass ihr so eine abgefuckte Aktion abzieht?? Habt ihr euch euer Gehirn so weggekokst, dass euch auch eure Moral, eure Empathie, eure Vernunft, eure Logik, eure Ethik, eure Menschlichkeit abhanden gekommen ist? Ist das wirklich, was ihr sein wollt? Meint ihr, eure Freunde und eure Familie würden euch feiern, wenn sie wüssten, dass ihr so eine Kacke veranstaltet? Ihr zerstört mit so etwas einen Teil einer Person. Ihr zerstört ihren Glauben, ihr Vertrauen, ihre Partylaune, ihre Freiheit. Wegen Menschen wie euch, müssen Frauen auf Partys und in Bars stets wachsam sein, können nie ganz loslassen, dürfen nie so feiern wie ihr.

Kapitel VII

Eine fiktive Begegnung mit dem Mann, der in der Schlange bei der Eisdiele viel zu dicht bei mir stand und immer nachgerückt ist, wenn ich versucht habe, Distanz zwischen uns zu bringen.

Ich: Jetzt reicht‘s aber mal! Können Sie mal ein bisschen Abstand halten? 

Er: Entschuldigen Sie, das habe ich gar nicht gemerkt.

Ich: Was haben Sie nicht gemerkt?

Er: Dass ich ihnen auf die Pelle gerückt bin.

Ich: Achso klar, deshalb sind Sie auch jedes Mal wieder an mich ran gerückt, wenn ich von Ihnen weg gewichen bin, obwohl der Rest der Schlange stehen geblieben ist. Das haben Sie natürlich nicht gemerkt.

Er: Nein, habe ich nicht. Ich war in Gedanken und bin einfach immer aufgerückt, wenn Sie es auch sind.

Ich: Ich war auch in Gedanken. Und zwar in Gedanken, wieso Sie so ein ekliges Arschloch sind und junge Frauen bedrängen.

Er: Jetzt werden Sie mal nicht persönlich.

Ich: Ich werde persönlich, wenn jemand meine Grenze überschreitet und das nicht mal einsehen will.

Er: Ich sehe es ja ein und es tut mir Leid, aber das war nicht beabsichtigt. Ehrlich!

Ich: Ich denke, es wäre nun einfach angebracht, wenn Sie sich entfernen würden.

Er: Ich stell mich doch jetzt nicht nochmal hinten an! 

Ein anderer Er: Ja, wieso sollte er sich woanders hinstellen, nur weil Sie ein bisschen überempfindlich sind?!

Ich: Überempfindlich?? Im Ernst? Ich sage, dass ich mich unwohl fühle und sie diffamieren meine Empfindung mit einer weiteren sexistischen Aussage?

Der zweite Er: Das war nicht sexistisch. Das muss ich mir nicht gefallen lassen.

Eine Sie: SIE müssen sich das nicht gefallen lassen, aber diese Frau muss sich gefallen lassen, dass ihr ein Kerl auf die Pelle rückt, oder was?!

Der erste Er: Wieso mischen Sie sich denn nun da ein? Sie-

Ich: Klar, eine Frau darf sich nicht einmischen, aber wenn sich ein Mann einmischt, wird ihm zugehört. Ich fasse es nicht, dass ich mich jeden scheiß Tag, mit solchen beschissenen-

Von hinter der Theke: Der Nächste bitte!

Ich: Ich hätte gerne ein Spaghetti-Eis.

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To All The Boys That Fuck Me Up – Eine literarische Mockumentary
Die Autorin möchte anonym bleiben.

Titelbild mit freundlicher Genehmigung von Helena Köster.
Das Bild wurde bei One Billion Rising 2019 in Freiburg aufgenommen.

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