Die Frau an der Spitze

Stellungnahme der Autorin zum Begriff „Frau“
In meinen Texten geht es um Frauenfeindlichkeit in unserer Gesellschaft, weshalb ich auch von Frauen reden möchte. Dieser Begriff bezeichnet auch ohne Sternchen sämtliche Menschen, die
sich als Frauen identifizieren, unabhängig ihrer Geschlechtsorgane.
Den Erfahrungen von Menschen, die sich nicht als Frauen identifizieren, aber auch aufgrund ihrer Geschlechtsidentität diskriminiert werden, können meine Texte nicht gerecht werden. Sie erzählen von den Erfahrungen, die im Allgemeinen alle Personen machen, die sich als Frauen identifizieren und/ oder in der Öffentlichkeit als weiblich gelesen werden; sowie den gesellschaftlichen Normen, die diesen Personen aufgrund der Geschlechtsidentität „Frau“ aufgezwungen werden.


Sie ist nicht
Die Frau an deiner Seite
Sie ist
Die Frau über dir

Sie ist die Frau, die hier
Das Sagen hat, und ist das nicht einfach
Sagenhaft?
Dass sie es schafft, diese Spitzenposition zu erreichen
Sie hat auch viel dafür gearbeitet, das weißt du schon
Aber trotzdem betrachtest du ihren Erfolg mit Argwohn

Denn ist sie nicht eigentlich nur ein Produkt
Der Frauenquote?
Eins dieser Gebote der politischen Korrektheit
Das Frauen unverdient solche Positionen verleiht
In einer Zeit
Wo die Geschlechter doch längst gleichberechtigt sind, dass weiß doch jedes Kind
Schließlich werden die ja auch
Von Frauen aufgezogen
Den Glauben an Geschlechtergleichheit haben die heutzutage doch alle schon mit der
Muttermilch aufgesogen

Und dann werden sie heute auch noch so fortschrittlich erzogen
Sie sehen, dass Mama nun nicht mehr nur Hausfrau sein muss, nein sie darf zusätzlich sogar
arbeiten!
Und dass, zum Verdruss mancher Männer, sogar in allen Berufen
Doch eine Frau in wirklich hoher Position muss man, zugegebenermaßen, meist erstmal
suchen
Aber liegt das nicht nur daran, dass diese eine Frau das nun Mal einfach nicht kann
Oder das zumindest selbst glaubt
Irgendwie komisch, dass jede brillante Frau, die ich kenne, sich so wenig zutraut

Und was ist mit der Frau, die an der Spitze sitzt?
Niemand glaubt mir, dass sie nicht die Lösung des Problems ist
Doch Frauen sind nicht gleichberechtigt, weil wir einigen den Weg nach ganz oben gönnen,
Frauen sind erst gleichberechtigt, wenn alle von ihnen diesen Weg auch betreten können

Und das ihnen dies nicht verwehrt wird, weil sie mal zu wenig oder zu viel tragen
Weil sie zickig sind, wenn sie etwas Kritisches sagen
Und unmanierlich, wenn sie es wagen, sich wie ein Mann zu verhalten
Nein, wir als Gesellschaft mögen unsere Frauen immer noch lieber verhalten
Zart und freundlich,
zurückhaltend, auf ewig die Bühne für Männer gestaltend
Die es immer besser wissen
Oder dies zumindest meinen

Wie oft erklären Männer mir die Welt
Nur weil ihnen diese Rolle oder einfach der Klang ihrer eigenen Stimme dabei so gefällt

Denn so sind Männer nun einmal,
sie sind laut und präsent,
sie legen gerne und effizient
Hand an, wenn es sich um Autos oder meinen Arsch handelt
Aber nicht so sehr bei der Hausarbeit.
Sie sind immer gut in Physik und Mathematik,
sie müssen viel Fleisch essen,
aber sie müssen vor allem viel dürfen, und
„boys will be boys“ hört sich für mich irgendwie an wie “us girls are just their toys”

Spielzeugpüppchen in einer Männerwelt
Immer so hergerichtet, dass es dem imaginären Mann, der uns begegnen könnte, gefällt
Ihr wisst schon, der Eine, Mr. Right, von dem alle Mädchen träumen
Und der sie vergessen lässt, wie falsch es ist, dass sie in der Selbstaufgabe um seines Willens
ihr eigenes Leben versäumen.
Im Internet höre ich dazu übrigens immer wieder den Satz „not all men are like that“
Aber die Wahrheit ist „all women suffer from all the men who are like that“

Die Frau an der Spitze ist nicht die Frau an deiner Seite,
und das ist richtig so.
Sie soll ein einsames Exempel statuieren, sie soll eine Ausnahme bleiben,
sie soll zeigen, wie gut wir Frauen doch behandeln
und dass wir es ihnen zeitweilen sogar erlauben, an ihre Gleichberechtigung zu glauben.
So verdecken wir ihre Augen, wenn sie vor den fertig gemalten Rollenbildern stehen,
damit sie bloß nicht die Ungerechtigkeit darin sehen.
Niemals dürfen sie wieder so deutlich wie früher die Enge des restriktiven Frauenbildes
spüren, und niemals dürfen sie wieder eine Revolution gegen die vielen Männer an der
Spitze anführen.

Wer aber ist überhaupt die Frau an der Spitze?
Niemand weiß es, wir kennen sie als Mensch nicht,
wir kennen nur ihre Rolle der Karrierefrau,
die erfüllt sie mit Perfektion und wird dadurch für uns unmenschlich.
Doch das muss sie, denn um ganz oben zu bleiben,
darf sie nie mehr als diese glatte Oberfläche zeigen,
muss ihre Fehler und Probleme verschweigen.
Sie muss ein Vorreiter sein, und als solcher ist sie immer allein –
Aber was bringt dieses Opfer? Sie schaut zurück, und erkennt, dass aus ihrem Erfolg kein
leichterer Weg nach oben für andere Frauen erfolgt.
Denn erst wenn die Gesellschaft, und nicht die Frau selbst, sich verändert und anpasst, wird
die Spitze auch für uns zu einem festen Platz.


Teil 3 einer dreiteiligen Poetry Slam-Text-Reihe von Lily Sabath
Teil 1 findet ihr hier, Teil 2 hier.

Titelbild mit freundlicher Genehmigung von Maja Wilker
Instagram: @majawilkerfotografie

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