Generation C

Die Generation C, das sind eigentlich sehr viele Generationen. Jedenfalls behaupte ich das einfach mal. Sie umfasst nach meiner Definition nämlich alle, die keine (Nach-)Kriegserfahrungen gemacht und nun durch Covid-19 zum ersten Mal in ihrem Leben mit einschneidenden Freiheitsbeschränkungen, verlorener Alltagsstruktur und leeren Supermarktregalen Bekanntschaft gemacht haben. Jedenfalls diejenigen unter uns, die im globalen Norden aufgewachsen sind. Häufig wurde diesen Generationen X, Y und Z ein großer Leichtsinn vorgeworfen. Eine Unfähigkeit die kleinen Dinge im Leben wertzuschätzen gepaart mit einer egoistischen Selbstwahrnehmung. Die Kritik verstärkte sich pro neuer Generation: Je größer die zeitliche Distanz zum Zweiten Weltkrieg wurde und je eher der Social-Media-Konsum zunahm, desto häufiger sollte auch die unbeschwerte Egozentrik sein. Doch die unbeschwerten Tage sind gezählt, Generation X, Y, Z verbinden sich zu einer Generation C.

Der Ernst der Lage

„Es ist ernst“ – Dass wir es mit einer noch nie dagewesenen Krise zu tun haben, die vor zwei Wochen noch kaum einer in diesem Ausmaß hat kommen sehen, wird in der Fernsehansprache von Angela Merkel sehr deutlich vermittelt. Nicht nur die Eindringlichkeit ihrer Worte, sondern auch die Tatsache, dass es sich um die erste außerplanmäßige Fernsehansprache ihrer bald 15-jährigen Kanzlerschaft handelt, unterstreichen die Dringlichkeit der Situation. Das Leben nahezu aller Menschen jeder Klasse in Deutschland ist gänzlich auf den Kopf gestellt, Zukunftspläne sind verworfen oder verschoben, Verlust verbunden mit der Disziplin zuhause zu bleiben, dominiert in aller Regel den Alltag.

Soziologisch betrachtet stellt das Social-Distancing jede und jeden Einzelnen von uns vor eine große Herausforderung. Erwiesenermaßen können soziale Netzwerke den unmittelbaren persönlichen Kontakt mit Menschen nicht vollständig ersetzen. Es gibt wenige Auswege aus der Einsamkeit und wenn es sie gibt, sind sie sicherlich nicht selten einem verzweifelten Ruf nach Liebe geschuldet, der im Nachhinein bereut werden könnte. Zwar sind Bedürfnisse unterschiedlich, sodass introvertierte Persönlichkeiten mit einer Kontaktminimierung wesentlich besser klarkommen werden als ihre extrovertierten Mitmenschen. Doch nicht nur die Einsamkeit, sondern auch die fehlende Struktur des Alltags und die Nichtabsehbarkeit eines Endes wird Viele auf kurz, Manche auf lang in ängstliche Unsicherheit stürzen.

Und seine Folgen

Doch was passiert danach? Auf Verlust folgt Wertschätzung. Wir vergessen in der Hektik des Tages, all die kleinen und großen Dinge zuvorderst wahrzunehmen und sie anschließend zu würdigen. Es sind keine Kriegszeiten, wie der französische Präsident behauptete. Aber der Verzicht der kommenden Wochen wird im anstehenden Sommer die Erleichterung einer Nachkriegszeit vermitteln. Die geschädigte Wirtschaft erlebt (hoffentlich) einen kleinen Aufschwung durch die vielen Menschen, die es genießen wieder mit einem Eis in der Hand flanieren zu können. Die sich freuen in der Innenstadt an Fremden vorbeizulaufen und in manchem Geschäft ein Schnäppchen aus dem Sommer-Sale ergattert zu haben. Sie werden anschließend in die überfüllte Straßenbahn steigen, sich wie gehabt über klebrige Böden und den schwitzigen Geruch ärgern und doch dankbar sein, sich ohne Angst mobil von A nach B zu bewegen. Wir werden Menschen treffen und den Zauber verspüren, den ein lang ersehntes Wiedersehen so häufig mit sich bringt. Diesen Sommer – mag er im Juni, im August, im Oktober oder erst im Dezember beginnen – wird keine Generation X, Y, Z sondern eine Gesellschaft mit neuer Lebenserfahrung erleben. 

So wie all die anderen Dinge, die sich nachhaltig verändern könnten, wie die erweiterten Nutzungsmöglichkeiten der Digitalisierung, der (erzwungenen) Akzeptanz von Kinderbetreuung und Beruf, der Frage nach der Solidarität in unserer Gesellschaft gegenüber Schwächeren, bietet auch der Verzicht die Chance gegebene Umstände nicht mehr als selbstverständlich wahrzunehmen. Und in diesem Sinne heißt es nur noch: Zuhause warten auf den Sommer. 

Ein Artikel von Frederike Hirt

Titelbild by Dawid Zawiła on Unsplash

Frederike sitzt derzeit wie viele von uns im Home-Office und versucht irgendwo zwischen Studieren und Schreiben ihren eigenen Weg zu finden. Ihr (Geheim-) Tipp für die Isolation: lesen.

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