Früher war Opa Zauberer

In meinem Umfeld wird davon gesprochen, dass Kinder Mama- oder Papa-Kinder seien. Ich war ein Oma-Opa-Kind. Ich habe es geliebt bei ihnen zu sein, mit ihnen in ihrem Wohnmobil zu reisen, im Garten Gemüse zu ernten und zu spielen. Zu jedem Geburtstag habe ich ein selbstgemachtes Geschenk bekommen: ein Puppenhaus, -bett, -stuhl und alles was mein Kinderherz wollte.

Irgendwann fand eine Veränderung statt. Ich wurde älter, hatte eigene Freund*innen mit denen ich Zeit teilen wollte und die Schule nahm mehr und mehr Zeit in Anspruch. Meine Oma fuhr häufiger das Auto und mein Opa, den ich sonst als sehr kontaktfreudig wahrgenommen habe, zog sich mehr und mehr zurück. Ich weiß nicht genau, ab welchem Zeitpunkt ich es wusste, aber irgendwann war klar: Mein Opa war dement.

Er fing an Dinge irgendwohin zulegen, mir von seiner Karriere als Zauberkünstler zu erzählen und irgendwann erkannte er mich nicht mehr. Die Vergesslichkeit und Verwirrung sind vermutlich die bekanntesten Symptome. Die Erkrankten können aber auch depressiv oder aggressiv werden, Halluzinationen oder Wahnvorstellungen entwickeln und Schwierigkeiten mit ihrer Sprache oder Orientierung bekommen.

Wichtig im Umgang mit Demenzerkrankten ist, dass ihre Welt immer Sinn ergibt. Dadurch, dass ihnen häufig die Unterscheidung zwischen dem Gegenwärtigen und Vergangenem schwerfällt, ist es für Außenstehende schwierig zu verstehen wie sie auf die einzelnen Inhalte kommen. Für die Erkrankten ist es hier wichtig, dass sie nicht ständig korrigiert und als „dement“ abgestempelt werden. Auch wenn sie in vielen Dingen Hilfe benötigen sind sie ja weiterhin Erwachsene. Irgendwann habe ich mit einer Freundin ihre Demenzerkrankte Großmutter besucht, um zu kontrollieren ob sie ihre Medikamente genommen hat. Als wir klingelten und fragten, bejahte sie dies. In der Wohnung selbst stellten wir fest, dass sie die Medikamente nicht genommen hatte. Sie hat uns in dem Moment nicht angelogen, sondern wusste es einfach nicht besser. Anstelle eines „Du hast sie ja doch nicht genommen!“ war unsere Reaktion „Oh, diese hier musst du auch noch nehmen.“ Es mag nur eine kleine sprachliche Feinheit sein, aber es entspannt die Situation und ihr wird nichts vorgeworfen. Kritik, Diskussionen und Vorwürfe sind für die Erkrankten zusätzlich frustrierend und demotivierend.

Wichtig für dich zu wissen ist, dass du nicht ihr Arzt bist. Deine Rolle ist es nicht sie zu heilen oder zu retten. Solltest du Erkrankte in deinem Umfeld haben, ist es wichtig zu wissen, dass sie dich nicht absichtlich anlügen und vor allem, dass du nicht alleine bist. In Deutschland leben nach der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e.V. rund 1,7 Millionen Menschen mit Demenz. Ich habe nach und nach festgestellt, dass viele Großeltern meiner Freund*innen betroffen sind. Manchmal hilft es einfach über Dinge zu lachen, auch wenn sie natürlich ziemlich traurig sind. Also hier mein Appell: sprecht gemeinsam darüber. Für uns alle war es am schwierigsten zu sehen wie eigenständige Menschen hilflos wurden. Und das gilt auch nicht nur für uns. Ich hätte an dieser Stelle noch deutlich mehr Anekdoten erzählen können, fand es meinem Opa gegenüber aber unfair, da ich mir sicher bin, dass er es nicht gewollt hätte. Gerade in der Anfangsphase seiner Krankheit, als noch deutlich mehr klare Momente waren, war es für ihn schwierig wenn er merkte, dass er hilflos war, dass er Dinge nicht mehr konnte oder viel durcheinander brachte.

Als mein Opa starb war ich gerade mitten im Abi und nach seiner Trauerfeier habe ich im Wohnzimmer meiner Großeltern Politik-Wirtschaft gelernt. Während ich versuchte irgendwas zu verstehen, habe ich überlegt ob das ihm gegenüber respektlos sei, mich dann aber dagegen entschieden. Für mich war mein Opa schon viel eher verstorben und ich hatte mich bereits in den vergangenen Monaten von ihm verabschiedet. Kurz vor seinem Tod habe ich ihn auch nicht mehr besucht. Mir war und ist wichtig, dass ich ihn als den muskulösen Mann in Erinnerung behalte, der mir heimlich Cola gegeben hat, wenn meine Oma nicht da war und mit dem ich mit einer Lupe Brandlöcher in die Gartenstühle brannte. Für mich war es genau so richtige Weg und auch jetzt, ein paar Jahre später, bin ich mit der Entscheidung zufrieden. Trauer und ihr Umgang ist und bleibt individuell. Wenn du in einer ähnlichen Situation bist, wünsche ich dir, dass du auf dich hörst und schaust, was sich für dich gut anfühlt. Lasse dich bitte von niemandem drängen oder vorschreiben, wie du trauern sollst. Für mich war das mein Weg.

Denn obwohl ich schon lange nicht mehr seine Enkelin war, bleibt er doch für immer mein Opa.

Ein Artikel von Lara Bent
Illustrationen von Martha Kleinhempel

„Ich bin Lara und mag Circus, Pflanzen, Elche und die Zahl 22. Ich kenne genau einen Witz und freue mich jedes Mal ihn erzählen zu dürfen.“

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