Liebe, was ist das schon?

Eine Rezension zu „Der Ursprung der Liebe“ von Liv Strömquist

Ist Liebe bloß ein gesellschaftliches Konstrukt? Sind Liebesbeziehungen wirklich so geil? Warum finden wir Fremdgehen eigentlich so schlimm? Und ist die Idee der romantischen Liebe, wie wir sie aus Filmen und Büchern kennen, heutzutage überhaupt noch tragfähig?

Es sind unbequeme Fragen, die die schwedische Politikwissenschaftlerin und Radiomoderatorin Liv Strömquist in ihrer 2018 erschienenen Graphic Novel „Der Ursprung der Liebe“ aufwirft. Schließlich sind wir im Idealfall alle mit dem Gefühl groß geworden, geliebt zu werden und haben unbewusst die Erwartung entwickelt, ebenfalls zu lieben – meistens im Kontext einer (romantischen) Zweierbeziehung. Das ist erst einmal auch nicht verwerflich, wären da nicht diverse Hindernisse im Weg, die es uns praktisch unmöglich machen, unvoreingenommen an die ganze Sache heranzugehen. Auf liebevolle Art und Weise illustriert und mit zahlreichen Zitaten und Quellen gespickt, verhandelt „Der Ursprung der Liebe“ nicht nur das (gescheiterte) Liebesleben bekannter Persönlichkeiten wie Diana und Charles, Britney Spears oder Whitney Houston, sondern spricht nebenbei zahlreiche Themen an, über die noch immer viel zu wenig gesprochen wird.

Liebe als Versprechen absoluten Glücks?

In unterschiedlich langen, in sich abgeschlossenen Comics erzählt Strömquist eine „Liebesgeschichte“, nämlich die Geschichte der Liebes selbst oder besser gesagt: viele kleine Teilgeschichten. Dabei entlarvt sie auf gewohnt sarkastische Art und Weise gedankliche Fallstricke in Bezug auf heteronormative Liebesbeziehungen – mit einer großen Portion Feminismus, wohlgemerkt. Von der kindlichen Früherziehung, die das Rollenbild der empathischen, zugewandten Frau und des unabhängigen, selbstständigen Mannes festigt über die Frage, warum männliche Comedians mit frauenfeindlichen Alltagswitzen Unsummen verdienen bis hin zu toxischen Beziehungen, deren Hauptmerkmal emotionaler Missbrauch ist: Liebe hat eben auch viele negative oder zumindest sehr problematische Facetten, die Strömquist gnadenlos auseinandernimmt. Nehmen wir die „Männer-Pflege-WM“ beispielsweise, die ähnlich wie in „Die unsäglichsten Lover der Weltgeschichte“ aus Strömquists nachfolgender Graphic Novel „I’m every woman“ zeigt, dass der Laden ohne Frauen einfach nicht läuft (siehe Corona, räusper). Gleichzeitig wird betont, dass die umgekehrte Situation – Männer kümmern sich um ihre altersschwachen oder schwerkranken Frauen – eher eine Ausnahme darstellt. Die Frage, warum das so ist, stellt sich nach den vorangegangenen Seiten nicht mehr.

Der Fremdgeh-Komplex

Besonders groß zieht Strömquist das Thema Fremdgehen auf, indem sie sich fragt, woher diese Restriktion eigentlich kommt und sozusagen der Empörung bzw. Kränkung auf den Grund geht. Denn diese Reaktion hat ihren Ursprung noch in einer Zeit, in der Frauenrechte ein Fremdwort und Sex die einzige „Handelsware“ von Frauen war, da hauptsächlich Männer Ruhm und gesellschaftliches Ansehen genossen. Und in der die meisten Frauen, waren sie dann erst einmal verheiratet, jegliche Selbstbestimmung aufgeben mussten, da die Männer halt das Sagen hatten (Stichwort: sexuelles Eigentumsrecht). Kein Wunder, dass die weibliche Sexualität noch heute häufig kontrolliert oder gar unterdrückt wird: Wir haben es einfach nicht anders gelernt (und mit „wir“ meine ich sowohl „männlich“ als auch „weiblich“ sozialisierte Personen). Aber damit nicht genug, denn schließlich haben nicht nur Männer, sondern auch Frauen zumeist einen Fremdgeh-Komplex. Woran das letztendlich liegt, beschreibt Strömquist auf amüsante Art und Weise, indem sie Liebe mit einer privaten „Mini-Religion“ vergleicht – aber das müsst ihr schon selbst sehen. Diese Geschichte war auf jeden Fall mein Favorite, weil sie unglaublich viele Verhaltensweisen und ihre Entstehung aufzeigt, die im Zusammenhang mit Beziehungen häufig als selbstverständlich angesehen werden. Und das, obwohl sie oftmals ziemlich abgedreht sind, wie unter anderem durch das historische Beispiel polyandrischer Beziehungen (gerne mal googeln) verdeutlicht wird.

Liebe, was ist das eigentlich?

Strömquists Comics sind ein wahres Wechselbad der Gefühle: Ich jedenfalls schwanke die ganze Zeit zwischen Dauergrinsen und einem Anflug von Verbitterung, wenn ich sie lese – so auch bei dieser Graphic Novel. Denn die Thematik ist zwar humoristisch verpackt, aber das macht sie eben auch umso tragischer. Genauso wie an Vergleichen, die auf den ersten Blick vielleicht ein wenig lächerlich oder gar absurd erscheinen (Liebesbeziehungen vs. Religion), doch etwas dran ist, wenn man genauer darüber nachdenkt. Letztendlich ist „Der Ursprung der Liebe“ eine Sammlung verschiedener Gedanken und Positionen zum Thema Liebe, die auf unterhaltsame und zugleich provokante Art und Weise dazu anregen, seine eigenen Glaubenssätze und Verhaltensweisen in Bezug auf Liebesbeziehungen zu hinterfragen. Sicher: Es sind zum Teil sehr verallgemeinernde Aussagen, die Strömquist bzw. eine von ihr indirekt zitierte Person trifft. So zum Beispiel die, dass Männer feste Beziehungen und emotionale Bindungen zumeist eher ablehnen, oder Frauen sich ständig um das Wohlbefinden ihrer Partner Gedanken machen. Allerdings brauchen wir manchmal genau diese Verallgemeinerungen und Übertreibungen, um auf Missstände aufmerksam zu machen und einen feministischen Diskurs zu entfachen. Und so stellt Strömquist abschließend mit den Worten der Schriftstellerin bell hooks fest: „Wo Macht ist, kann es keine Liebe geben“. Bäm! Wenn das nicht zum Nachdenken anregt.

„Der Ursprung der Liebe“ von Liv Strömquist gibt es für 20€ beim Avant Verlag.

Ein Artikel von Lena Toschke

Bilder mit freundlicher Genehmigung des Avant Verlags

Zurzeit studiert Lena Medizin in Münster, ihre Leidenschaft gilt jedoch vor allem dem Schreiben. Sie liebt Poetry Slams und beschäftigt sich viel mit Philosophie und feministischer Literatur.

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