Der wichtigste LGBTQIA+-Manga geht in die letzte Runde: „Wer bist du zur blauen Stunde?“

Unsere Autorin Simone Bauer hat eine Schwäche für alte Männer, die miteinander tanzen. Und dafür, zur eigenen Queerness zu stehen! Darum feiert sie das Finale des Mangas „Wer bist du zur blauen Stunde?“.

Am 28. April erschien im Carlsen Verlag der vierte und letzte Band der Reihe „Wer bist du zur blauen Stunde?“. Der Band kommt schon einmal ein bisschen dicker als seine Vorgänger daher, denn es gilt einiges zu erzählen. Was verbirgt sich hinter der mysteriösen Frau Jemand? Welche Geschichte hat der ältere Herr Tschaiko mitzuteilen? Wie wird die Sache zwischen Tasuku und Touma Tsubaki ausgehen, nun, da Tasu ihm seine Liebe gestanden hat? Und was ist überhaupt mit Misora los …?

Dennoch sei gesagt: Man braucht eigentlich keine Vorkenntnisse, um den Band zu lesen. Denn Ausgabe für Ausgabe behandelt Einzelschicksale. So rückt die Hauptfigur, der Zehntklässler Tasu, einmal mehr in den Hintergrund. Nun ist eben endlich Tschaiko dran. Fans der Serie werden den plötzlichen Redefluss des älteren Herrn zwar irritierend finden – oder die Tatsache, dass er Smileys über den japanischen Nachrichtendienst Line verschickt. Doch das, was er zu erzählen hat, läutet auch gleich einen weiteren Themenschwerpunkt ein: Tod. Denn er ist dreißig Jahre mit seinem Seichiro zusammen … und dieser hat nun Krebs im Endstadium.

„Wer bist du zur blauen Stunde?“ ist nicht nur deswegen so revolutionär, weil sich eigentlich jeder Buchstabe der LGBTQIA+-Community mit einer Figur identifizieren kann. Für japanische Manga ist es überaus ungewöhnlich, dass beispielsweise das Wort „homosexuell“ so selbstverständlich ausgesprochen wird. Zwar gibt es einen riesigen Markt an Geschichten über sich liebende Männer, diese zielen aber auf ein cis-weibliches Publikum ab und werden von cis-weiblichen Mangaka geschrieben. Sie haben wenig mit dem echten Leben queerer Japaner*innen zu tun. Authentischer sind da zwar durchaus die wenigen Manga, die sich um frauenliebende Frauen drehen – doch mehr als ein „aber wir sind doch beide Mädchen!“ thematisiert niemals die Konstellation. Erwachsene, queere Figuren, die mit Coming-out und Homophobie zu kämpfen haben, findet man kaum. Und auch, wenn es vielleicht auch mal ganz erfrischend ist, nicht immer über diese Themen zu lesen, und man stattdessen möglicherweise einfach nur lesbische Superheldinnen genießen möchte (siehe: Sailor Neptune und Sailor Uranus bei „Sailor Moon“), so sind realitätsnahe Szenarien einfach wichtig. Als Vorbild.

Ich erzähle es den Menschen wie und wann ich es will. Das ist für mich … das ist für uns enorm wichtig.“

Yuhki Kamatani – Zeichner*in des Mangas

Mangaka Yuhki Kamatani bezeichnet sich selbst als asexuell und x-gender (das japanische nonbinary). Daher wird nun Asexualität zum ersten Mal thematisiert. Hatte man schon vorher das Gefühl, dass Frau Jemand, der die Lounge gehört, asexuell ist, so bekommt man es nun in einem Flashback aus ihrem Mund tatsächlich zu hören. Sie hat den „Katzentreff“ im schönen Meeresstädtchen Onomichi ins Leben gerufen. Das meint nicht nur die süßen Kätzchen, die häufig durch die Panels schlendern, sondern vor allem die Mitglieder der LGBTQIA+-Gemeinschaft. Sie haben hier einen Platz gefunden, sie selbst sein zu können. Zusammen schmücken sie in Band 4 unter anderem einen Weihnachtsbaum, denn das Fest der Liebe steht bevor – in Japan ist das wirklich mehr ein Tag für Liebende als für die Familie.

Darüber hinaus steht ebenfalls die Hochzeit der schwarzhaarigen Saki und der blonden Haruko ins Haus. Und alle helfen zusammen! Gegebenenfalls ja eine gute Gelegenheit, dass Saki sich vor ihren Eltern outet? Die Irritation ihres Vaters wird mit den Fluten des Meeres unterlegt. Überhaupt, „Wer bist du zur blauen Stunde?“ profitiert von einer reichhaltigen Illustration. Immer wieder hat die Serie in verschiedensten Szenen beeindruckt, in diesem Band tut sie es mit der Illustration von Frau Jemands Worten zur Frage: „Braucht Sexualität Kategorien?“ Tasu begreift, dass man Sexualität nicht einordnen muss. Und er begreift noch viel mehr. Und darum ist „Wer bist du zur blauen Stunde?“ auch ein so mächtiges Leseerlebnis.

Ein Artikel von Simone Bauer
Titelbild und Cover: Carlsen Verlag


Das Buch sowie alle drei vorherigen Teile der Serie gibt’s im Online-Shop des Carlsen Verlag für 12€


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Simone Bauer (cis/weiblich) debütierte 2011 im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag und hat seitdem sechs Romane veröffentlicht, zuletzt 2018 „Butterflies – Die Göttin wird sich erheben“ mit einer Baby Butch in der Hauptrolle. Sie veröffentlichte zudem Kurzgeschichten bei verschiedenen Verlagshäusern und arbeitet als Journalistin für Online, Print und Radio, unter anderem für die MISSY. Ihrer Leidenschaft, über japanische LGBT- und Popkultur zu schreiben, geht sie bei den Magazinen des Raptor Verlags nach.

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