Widerstand gegen Narrative

Ronya Othmann erzählt in ihrem Debütroman „Die Sommer“ eine Familiengeschichte zwischen bayrischen Vororten und kurdischen Dörfern, zwischen Auslöschung und Erinnerung. Im Interview erklärt sie, was die deutsche Mehrheitsgesellschaft nicht weiß und was eine Romantisierung der Heimat für Ezid*innen praktisch unmöglich macht.

Wie ist der Roman entstanden? War womöglich Ihr Text Vierundsiebzig, der auch eingewebt ist, ein Ausgangspunkt?

OTHMANN: Nein, der Text Vierundsiebzig ist neuer. Den Roman habe ich 2014 angefangen, mit Kurzgeschichten, in denen die Figur der Leyla öfter aufgetaucht ist. Mit der Figur fing alles an, aber auch ein bisschen mit mir. Denn alles was Leyla kennt, kenne ich auch. Es hat angefangen, als diese Welt vor dem Verschwinden bedroht wurde. Ich führte intensive Gespräche mit meinem Vater. Und ich habe viel recherchiert, um Dinge und Geschehnisse besser einordnen zu können.

Die Gewichtung der Geschichte des Vaters, bzw. die Vereinung der beiden Geschichten, fand ich beim Lesen interessant. Wie kam es dazu, dass Sie das Ich-Erzählen der Figur des Vaters zugeordnet haben und Leyla der 3. Person?

OTHMANN:Ich wollte Distanz zu Leyla haben, und meine Figur beobachten: Wie sie reagiert, wie sie sich durch alle möglichen Dinge bewegt. Leyla bekommt Geschichten aus der Ich-Perspektive erzählt. Und mich hat besonders das Transgenerationale interessiert. Zum Beispiel, dass der Vater, der nie studieren durfte, sehr viele Erwartungen an Leyla hat. Und auch: Was macht es mit einer Familie, wenn sie fliehen muss? Was wird an die Kinder weitergegeben, wenn der Vater gefoltert wurde? Und ich war dann wiederum diejenige, die Leylas Geschichte erzählt.

Was hat es mit diesem Element des Geschichtenerzählens auf sich?

OTHMANN: Einerseits geht es darum, sich ganz genau zu erinnern, an einen Ort, an den man nicht mehr hin kann. Durch Krieg , Vertreibung und Genozid wurde ezidisches Leben zerstört. Die Erinnerung ist alles, was man noch hat. Es gibt politische Umschreibungen. Zum Beispiel erinnert in der Türkei nichts und niemand an Kurd*innen, oder auch Armenier*innen, sie sind wie gelöscht. Friedhöfe werden zerstört, Sprache wird verboten. Niemand erzählt davon, wer vorher dort gelebt hat. Das ist das Narrativ, das die Türkei oder auch das syrische Regime setzt. Anhand dieser einen Geschichte kann ich also auch politische Geschichte erzählen.

Sie haben sich an hoch komplexen politischen und historischen Ereignissen abgearbeitet. Ist „Die Sommer“ ein Buch für Menschen, die sich schon auskennen?

OTHMANN: Beim Lektorat habe ich gemerkt, dass manches verwirrend war. Ich wollte nicht zu viel erklären, aber wenn ich gar nichts erklären würde, wäre es unverständlich. Es ist so: Für Ezid*innen und Kurd*innen sind bestimmte Dinge Grundwissen. Für mich ist zum Beispiel der 3. August, an dem der Genozid in Shingal begann, so ein Tag. Ich kann kein Jahr an diesem Tag vorbeigehen, an dem ich nicht daran erinnert würde. Viele Orte und Daten sind besetzt, vieles über die Region und ihre kulturellen Zusammenhänge weiß man einfach. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft weiß oder wusste vieles davon nicht, zum Beispiel auch, dass im Nahen Osten viele Christen und andere Minderheiten leben. Ich habe das Buch aber nicht für ein bestimmtes Publikum geschrieben. Ich glaube, Menschen werden es unterschiedlich lesen, je nach ihrem Hintergrund.

Das Ende hat mich überrascht. Um hier nicht zu spoilern: Haben Sie dazu recherchiert? Stand es schon länger fest?

OTHMANN: Ich habe mich gefragt: Worauf läuft der Roman gezwungenermaßen hinaus? Als dieser Genozid passiert ist, habe ich mich gefragt: Was macht man in Deutschland, wo man nur zuschauen kann und muss? Dieses Zuschauen ist auch grausam.

Es tauchen viele Formen des Widerstands auf: lauter und kämpferischer, aber auch weicher und leiser. Ist auch Schreiben ein Akt des Widerstands?

OTHMANN: Ja, das würde ich schon sagen: Wenn man Geschichten erzählt, die selten erzählt werden. Das ist nur eine Geschichte, die ganz spezifisch ist. Vor allem ist es keine Heldinnengeschichte, ich wollte keine Heldin haben. Leyla führt kein typisch deutsches, aber auch kein traditionell ezidisches Leben. Das ist auch ein Widerstand gegen Narrative.

Leyla bewegt sich zwischen den Welten. In Deutschland begegnet ihr Rassismus, das ezidische Dorf wird fast schon romantisch beschrieben, aber auch dort gibt es Ablehnung.

OTHMANN: Bei Leyla war mir wichtig, dass sie ihre Herkunft nicht romantisiert. Meist ist es so, dass man mit Migrationshintergrund im Herkunftsland zur Mehrheitsgesellschaft gehört, das ist bei Ezid*innen nicht der Fall. Eine Romantisierung ist nicht möglich, da das Herkunftsland, in dem Fall Syrien, feindlich ist. Es gibt aber auch Syrer*innen, die ähnliche Erfahrungen machen. Es ist ein riesiger Unterschied, ob du mit dem Regime gut gestellt bist oder zum Beispiel dein Onkel im Gefängnis ist.

Sie schreiben sehr unterschiedlich: Lyrik, politische Kolumnen, Roman. In welchem Verhältnis stehen diese Schreibformen? Gehen sie ineinander über?

OTHMANN: Beim Romanschreiben geht es mir vor allem darum, eine Geschichte zu erzählen, bei meiner Lyrik arbeite ich mehr mit der Sprache und ihrem Rhythmus und Klang. Bei meiner journalistischen Arbeit geht es mir eher um eine politische Analyse und Meinung. Ich brauche alle verschiedenen Arten des Schreibens! Durch die Romanrecherche habe ich viel Wissen angehäuft – davon ist dann auch vieles in die Kolumne geflossen. Und die Lyrik war irgendwie schon immer da.

Die Szenen, in denen Ignoranz und performative political correctness von Weißen auftauchen, haben sich mir eingeprägt. Welche Positionen, welchen Blick wünschen Sie sich im komplexen Themenfeld Nahen Osten, den Sie bisher vielleicht noch nicht so von weißen Linken beobachten?

OTHMANN: Grundsätzlich finde ich, man sollte die Finger von Romantisierung, Projektionen und Ideologisierungen lassen. Ich finde, man sollte sich mit der Thematik beschäftigen. Sie ist nicht weit weg: Täter und Opfer sind oft in Deutschland, Konflikte des Nahen Ostens finden auch hier statt, Deutschland ist nicht unparteiisch. Der erste Prozess weltweit, wo der Genozid an den Ezid*innen verhandelt wird, findet in Frankfurt statt. Auch deswegen finde ich es wichtig, dass man sich dafür interessiert.Was ich mir auch wünschen würde, das man migrantische Communities und BIPoC nicht homogenisiert, da gibt es auch ganz verschiedene Realitäten. Auch Kurd*innen sind keine homogene Gruppe.

Wie geht es jetzt weiter? Finden Lesungen trotz Corona statt?

OTHMANN: Ja tun sie, ich freue mich sehr auf die Lesungen! Ansonsten schreibe ich gerade hauptsächlich Gedichte.

„Die Sommer“ von Ronya Othmann ist beim Hanser Verlag für 22€ erhältlich.

Interview: Jule Waizenegger
Bilder mit freundlicher Genehmigung des Hanser Verlags
Portrait: Cihan Cakmak

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