„Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“ von Reni Eddo-Lodge

Das Thema Rassismus ist ein Dauerbrenner – theoretisch. Doch praktisch flammt die gesellschaftliche Debatte fast immer nur dann auf, wenn Fälle wie der George Floyds, der im Juni dieses Jahres in den USA brutal ermordet wurde, durch die Presse gehen.

Daraufhin wurden in den sozialen Netzwerken zahlreiche Anregungen zu rassismuskritischer Auseinandersetzung und Weiterbildung in Form von Buch-Tipps geteilt, unter anderem „Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“ von Reni Eddo-Lodge, „Exit Racism – Rassismuskritisch denken lernen“ von Tupoka Ogette, „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ von Alice Hasters und „Deutschland Schwarz-Weiß“ von Noah Sow. Diesen und weiteren wichtigen Beiträgen Schwarzer Autor*innen werden wir uns in einer Rezensions-Reihe widmen. Denn wenn die Debatte eines hat durchscheinen lassen, dann, dass jede*r dazu angehalten ist, sich mit dem Thema Rassismus zu beschäftigen – erst recht, wenn man nicht selbst von rassistischer Diskriminierung betroffen ist.

Weiße Privilegien erkennen

Diese These vertritt auch Reni Eddo-Lodge in ihrem 2017 erschienenen Buch „Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“. Obwohl der provokante Titel auf den ersten Blick auszudrücken scheint, dass weißen Menschen die Türen zu einer konstruktiven Auseinandersetzung mit Rassismus verschlossen werden, ist eigentlich genau das Gegenteil gemeint. Denn es sind Eddo-Lodge zufolge eben fast ausschließlich weiße Menschen, die den rassismuskritischen Diskurs umlenken oder gar blockieren, um sich nicht mit ihrem Weißsein und den damit verbundenen Privilegien auseinandersetzen zu müssen. Die sich angegriffen fühlen, wenn man sie über ihre Hautfarbe definiert und darauf hinweist, dass sie sich über viele Dinge einfach keine Gedanken machen müssen, eben weil sie weiß sind. Ausgangspunkt des Buches ist ein gleichnamiger Beitrag, den Eddo-Lodge 2014 auf ihrem Blog veröffentlichte, und in dem sie darauf eingeht, dass Gespräche mit weißen Menschen über Rassismus fast immer in Unverständnis oder gar Verleugnung enden – oft ausgedrückt durch den Satz „Ich sehe keine Hautfarben“.

Rassismus ist ein strukturelles Problem

Im ersten Kapitel des Buches geht Eddo-Lodge auf die Kolonialgeschichte Englands und die Einwanderung Schwarzer Menschen ein, die immer wieder Opfer rassistischer Ausschreitungen wurden. Doch auch, wer in erster oder zweiter Generation in England geboren wurde, wird mit rassistischen Äußerungen und Handlungen konfrontiert, denn: Rassismus ist ein strukturelles Problem, das etwa im Justiz- und Polizeiapparat zum Ausdruck kommt. Sowohl in der mangelnden strafrechtlichen Verfolgung weißer Menschen, die eine rassistisch motivierte Tat begangen haben, als auch der Verurteilung und Bestrafung Schwarzer Menschen, die oft unverhältnismäßig hart ausfällt. Aber auch im Bildungs- und Gesundheitssystem, auf dem Job- und Wohnungsmarkt, auf der Auto- oder Zugfahrt, sprich: im ganz normalen Alltag, werden Schwarze Menschen strukturell benachteiligt. Eddo-Lodge liefert so zahlreiche Belege und Beispiele für diskriminierende Abläufe, von denen weiße Menschen meist überhaupt nichts mitbekommen.

Anschaulich und informativ

Genau aus diesem Grund kommen immer wieder Schwarze Menschen zu Wort, die von ihren Alltagserfahrungen, Problemen und Konflikten in einer weißen Mehrheitsgesellschaft berichten. Eddo-Lodge ordnet diese in einen größeren Zusammenhang ein, um die strukturelle Dimension von Rassismus zu verdeutlichen. Außerdem erklärt sie anhand von Beispielen, warum zwischen Klasse und race ein dynamisches Verhältnis herrscht und die beiden Begriffe nicht getrennt voneinander gedacht werden dürfen – was im gesellschaftlichen Diskurs leider noch immer häufig der Fall ist. Auf beeindruckend pointierte Art und Weise zeichnet sie nebenbei verschiedene Teildebatten in den (sozialen) Medien nach, etwa, wenn es um den Begriff der Intersektionalität im Kontext ‚Schwarzer Feminismus‘ geht. Zudem thematisiert Eddo-Lodge im gleichnamigen Kapitel die weiße „Angst vor einem Schwarzen Planeten“ – und adressiert diese sogar in einem kurzen Gespräch mit dem rechten Politiker Nick Griffin, bei dem man sich nur an den Kopf fassen kann.

Rassismuserfahrungen sind nicht diskutabel

„Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“ hat mich vollkommen in seinen Bann gezogen und ist meiner Meinung nach ein Muss für jede*n, der*die sich mit (strukturellem) Rassismus, seinen Ursprüngen und Konsequenzen auseinandersetzen möchte. Eddo-Lodge regt mit ihrer Analyse dazu an, die eigenen (häufig unbewussten) Privilegien zu hinterfragen und macht deutlich, dass Rassismuserfahrungen leider noch immer viel zu häufig zur Diskussion stehen. Es reicht nicht, Schwarze Menschen in gesellschaftliche Prozesse zu inkludieren. Sondern es geht im Kern darum, rassistische Strukturen und Muster unserer Gesellschaft zu bekämpfen und zu dekonstruieren, so Eddo-Lodge. Und auch wenn es hauptsächlich um Rassismus in Großbritannien geht, sind sehr viele Zusammenhänge fast eins zu eins auf andere Länder, wie Deutschland beispielsweise, übertragbar – ein Grund mehr, sich damit zu befassen.


Ein Artikel von Lena Toschke
Titelbild von Clett-Kotta Verlag

Zurzeit studiert Lena Medizin in Münster, ihre Leidenschaft gilt jedoch vor allem dem Schreiben. Sie liebt Poetry Slams und beschäftigt sich viel mit Philosophie und feministischer Literatur.

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