Ich bin Linus. Der war ich schon immer.

Der studierte Germanist Linus Giese hat mehrere Texte für den Tagesspiegel, die taz und das Onlinemagazin VICE verfasst. Seit 2017 arbeitet er als Blogger, Journalist und Buchhändler in Berlin, während er auf buzzaldrins.de über Literatur und auf ichbinslinus.de über seine Transition schreibt. Wer sich mit ihm vernetzen möchte, findet auf diesen Seiten Kontaktmöglichkeiten. In „Ich bin Linus – Wie ich der Mann wurde, der ich schon immer war“ kondensiert er sein Leben als trans Mann zu einem Buch.

„Ihr seid gut, so wie ihr seid!“ – Mit diesen Worten widmet Linus Giese sein Buch allen trans Menschen und erzählt in meist sehr kurzen Abschnitten seine persönliche Geschichte. Doch dieses Buch ist nicht allein für trans Menschen geschrieben: Es handelt von unserer Gesellschaft und geht somit alle etwas an. Immer ehrlich, immer nahbar erzählt Linus von der Unterstützung, die er zunehmend durch Freund*innen, aber auch durch fremde Menschen erfährt, und beschreibt sein erstarkendes Selbstwertgefühl. Von den Schattenseiten berichtet er ebenfalls sehr offen. Von Einsamkeit und Zweifeln, von Hasskommentaren und Stalking, von Bedrohung am Arbeitsplatz und sogar bei ihm zu Hause. Gerade dieser Teil ist sehr bewegend und intensiv. Linus schafft es, die Leser*innen bei sehr intimen bis übergriffigen Situationen mitzunehmen und das beschämende Gefühl eindrücklich zu vermitteln, das er dabei empfunden haben muss. Das schnürt immer wieder die Kehle zu, daher an dieser Stelle eine kleine Triggerwarnung: Wer so etwas nicht gut lesen kann, sollte die entsprechenden Passagen überblättern. Allerdings gewinnt das Buch gerade dadurch an Stärke, dass die dunklen mit den hellen Seiten des Lebens kombiniert werden. Und auch der Schreibprozess selbst spiegelt Linus‘ positive sowie negative Erfahrungen wider – denn der Autor schrieb aus Angst davor, erneut bis nach Hause verfolgt zu werden, kein Wort in seiner eigenen Wohnung. Stattdessen wanderte er auf der Suche nach seinem Selbst von Couch zu Couch und blieb dadurch unauffindbar. Diese Suche ist noch lange nicht zu Ende – vermutlich ist sie es nie. Aber spätestens seit seiner Buchpremiere in der Berliner Buchhandlung ocelot strahlt Linus Zuversicht aus. Denn er weiß eins:

Ich breche Geschlechterrollen auf – schon allein dadurch, dass ich Sätze sage wie: Auch Männer können schwanger werden. Auch Männer können ihre Tage bekommen. Es gibt auch Männer, die eine Vagina haben.

Aus: „Ich bin Linus“ von Linus Giese

Indem er diese Tatsachen ausspricht, trägt er seinen Teil dazu bei, cis-heteronormative Gesellschaftsstrukturen zu verändern. Simone de Beauvoirs berühmter Satz „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“ hieße dementsprechend „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird als Baby geboren und befindet sich in einem lebenslangen Entwicklungsprozess“. Es ist an der Zeit, diese abgeänderte Variante im kollektiven Gedächtnis zu verankern. Dieses Anliegen bezieht sämtliche Minoritäten mit ein. Denn obwohl der Autor mit seinem Buch zum persönlichen Befreiungsschlag ausholt, gelingt es ihm, immer wieder einen Bogen zu spannen zur BIPOC- und LGBTQIA-Community und sich somit kritisch mit eigenen Privilegien auseinanderzusetzen und auch andere Machtstrukturen wie beispielsweise Ableismus mitzudenken. Das passiert leider immer noch viel zu selten und ist daher besonders hervorzuheben!

Überhaupt spricht Linus in seinem Buch so viele wichtige Dinge an: Wie es sich anfühlt, wenn dein Zuhause nicht dein Zuhause ist, wie befreiend es sein kann, deinen Namen zum ersten Mal laut auszusprechen, wie gut es tut, deinen eigenen Weg zu gehen – so nimmt er seine Leser*innen mit in sein Innerstes. Diese authentischen Erfahrungen sind empowernd für alle, die sich in ähnlichen Situationen befinden oder befunden haben. Und sie sind wahnsinnig berührend. Wenn Linus erzählt, er habe Angst, dass ihn vielleicht nie im Leben jemand begehrenswert finden könnte, ist seine innere Zerrissenheit greifbar. Dass er sich aus diesem Grund an den intimsten Stellen berühren lässt, weil er nur schwer aus seinem Kopf kriegen kann, dass ihm scheinbar nichts Besseres zustünde, ist unerträglich. Und doch gibt er nicht klein bei. Im Gegenteil, er schreit es in die Welt hinaus:

Ich möchte mir kein Geschlecht erobern, ich möchte Männlichkeit komplett vernichten und mit meinen eigenen Vorstellungen, Wünschen und Bedürfnissen ersetzen.

Aus: „Ich bin Linus“ von Linus Giese

Einer von vielen Schritten ist mit diesem Buch vollbracht. Diese schiere Kraftanstrengung hat für Linus nichts mit Mut zu tun – für ihn ist sie überlebensnotwendig. Er wehrt sich gegen Bodyshaming und empfiehlt queere Vorbilder, Bücher und Serien, die als Inspirationsquelle genutzt werden können.

„Ich bin Linus“ ist vielleicht kein literarisch ausgefeiltes Buch, die fragmentartigen, an eine Essay-Sammlung erinnernden Kapitel wirken teilweise wie Tagebucheinträge. Aber gerade dadurch erlangen sie eine Unmittelbarkeit, die den Autor noch verletzlicher, angreifbarer und somit menschlich machen. Es sind Texte wie aus dem Leben gegriffen. Aus dem Leben eines trans Mannes. Und genau darum geht es.

Was wünschenswert gewesen wäre, ist eine Bibliografie, in der die tollen Quellen noch mal genau benannt und auch zitierte Studien angegeben werden, um zum Nachlesen anzuregen – aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Und auch das könnte als Schwäche des Buchs gelesen werden: Der Autor widerspricht sich immer mal wieder. Er will nicht von trans Personen im Allgemeinen sprechen und benutzt dann hin und wieder ein „wir“, er möchte nicht inspirierend sein und sagt gegen Ende des Buchs, er wisse noch nicht, ob er schon so weit sei, aber irgendwann wäre er gerne ein Vorbild für Jugendliche. Wie gesagt, das könnte als Schwäche betrachtet werden – es könnte aber auch bedeuten, dass hier Gedankenprozesse und -karusselle erkennbar werden, die so oder so ähnlich alle (queeren) Menschen nach und nach durchlaufen können. Wir lernen immer dazu, das passiert nicht von heute auf morgen. Unsicherheiten sind okay, wir verwerfen auch mal einen Gedanken und der Austausch darüber ist wichtig – er sollte aber nicht dazu dienen, eine (trans) Person mit den intimsten Fragen zu löchern, als scheinbar wandelndes Lexikon zu missbrauchen und sie somit zu tokenisieren. Informiert euch! Vieles kann ganz leicht recherchiert werden – „Ich bin Linus“ ist ein guter Start hierfür, kommt das Buch den interessierten Leser*innen gegen Ende doch mit glossarartigen, erläuternden Kapiteln entgegen. Wer sich also schon immer gefragt hat, was Deadnaming oder cis Gender bedeutet, here you go. Und Linus erklärt auch, wieso es problematisch ist, das (gut gemeinte) Gendersternchen an „Mann“ und „Frau“ zu hängen.

Das Grundgefühl seiner Kindheit beschreibt Linus Giese mit dem verstörenden Song „Wrong“ von Depeche Mode. Vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen für „Enjoy the silence“? Frei nach dem Motto „All [you] ever wanted, all [you] ever needed, is here in [your] arms“. Du bist gut, so wie du bist, Linus!

Eine Rezension von Vera Brand

„Ich bin Linus – Wie ich der Mann wurde, der ich schon immer war“ von Linus Giese gibt es bei Rowohlt für 15€ als Paperback oder für 9,99€ als E-Book. Natürlich könnt ihr das Buch auch bequem in der Buchhandlung eures Vertrauens kaufen.

Vera hat in Saarbrücken, Metz und Luxemburg Stadt Französische Kulturwissenschaft und Interkulturelle Kommunikation sowie Literatur-, Kultur- und Sprachgeschichte des deutschsprachigen Raums studiert. Auf Instagram bloggt sie als @littaffine über queere und intersektional-feministische Literatur und ist der Literaturbranche auch sonst als Lektorin sehr verbunden.

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