US-Wahlen: Pech vs. Schwefel?

Heute wird über die Zukunft der USA entschieden. Unsere Redaktionsmitglieder Theo und Jule diskutieren über die zwei Präsidentschaftskandidaten, die Wahl während einer Pandemie und vieles mehr – und bleiben dabei 100-mal sachlicher als jedes TV-Duell.

TRUMP
T: Ganz ehrlich…ich weiß nicht was ich noch zu dieser extrem gefährlichen Witzfigur sagen könnte, was nicht eh schon gesagt wurde und was nicht eh schon klar ist. Deswegen bringe ich es mit einem brand new, original und definitiv nicht schon oft gehörtem Slogan kurz und knackig auf dem Punkt: F*ck Trump!

J: Yes, da schließe ich mich an.

JOE BIDEN UND KAMALA HARRIS
J: So richtig progressiv ist Biden ja nicht. Er tritt so gemäßigt wie nur möglich auf, wahrscheinlich auch, um Trump wenig Angriffsfläche zu bieten. Aber spätestens nach dem ultra-schlimmen ersten TV-Duell zwischen den beiden ist klar, dass Biden es nicht wirklich schafft, gute Konter zu geben und vor allem nicht, sich von Trumps Niveau abzuheben. Das war nur noch ein chaotisches Hickhack zwischen zwei alten, weißen Männern.

T: Irgendwie verstehe ich immer noch nicht so ganz warum Biden überhaupt das Rennen um die Kandidatur für die Demokrat*innen gewonnen hat. Die anderen Kandidat*innen waren ziemlich divers aufgestellt und es gab einige sehr progressive unter ihnen, die wesentlich besser geeignet wären. Doch scheinbar hat Biden damit gepunktet, dass er schon länger „bekannt“ war und die Menschen somit mehr davon mitbekommen haben was er alles schon erreicht hat und wie er so drauf ist. Und, dass er auch ein alter, weißer Mann ist, ist natürlich auch kein Zufall. Die Amerikaner*innen (und definitiv nicht nur sie, sondern die meisten westlichen Länder) scheinen sich nur sehr schwer von alten, weißen Männern in mächtigen Positionen trennen zu können. Nicht, dass noch neue Perspektiven und Möglichkeiten überhandnehmen! Tss tss tss…

J: Was Kamala Harris angeht, bin ich auch noch skeptisch. Wenigstens ist sie kein alter, weißer Mann, aber als Staatsanwältin hat sie sehr viele Menschen für sehr lange Zeit ins Gefängnis gesteckt und sich sogar aktiv gegen die Abschaffung der Todesstrafe in Kalifornien eingesetzt. Zwar hat es den Anschein, als versuche sie gerade, ihre Law-and-Order Vergangenheit abzulegen, aber eine grundlegende Kritik am verrotteten, rassistischen Justizsystem wird man von ihr vermutlich nie bekommen – eine Schwarze abolitionistische Befreiungsfigur sieht anders aus.

T: Man sollte definitiv kritisch bleiben und ihre Intentionen und Handlungen hinterfragen. Dass sie in der Vergangenheit fragwürdige Entscheidungen getroffen hat, ist klar. Doch sie scheint ja ihre Richtung zu ändern und ich hoffe sehr, dass sie das meint, was sie sagt. Sie ist auf jeden Fall sehr kompetent und als Bidens Vice President war sie definitiv die richtige Entscheidung.

DER STATUS QUO
J: Biden ist für mich alles andere als ein perfekter Kandidat, aber für mich gilt die Faustregel: Niemand ist so schlimm wie Trump. Klar ist, dass Obama, Hillary Clinton und eben auch Biden Dreck am Stecken haben. Von Drohnenkriegen in Afghanistan über neoliberale Ansichten und E-Mail-Affären ist da vieles dabei. Am Status Quo würde Biden als Präsident vermutlich nur schwächlich rütteln.

T: Dem stimme ich absolut zu! Am Satus Quo wird sich kaum was ändern, solange sich nicht das ganze System ändert. Ich meine, was ist das bitte auch für eine Demokratie, in der die Bürger*innen alle vier Jahre die Wahl zwischen nur zwei Parteien haben? So geht es gefühlt immer zwei Schritte vor und einen zurück. Höchstens acht Jahre lang haben die einen Zeit was aufzubauen, was dann von den anderen nach der nächsten Wahl meistens wieder zunichte gemacht wird. Und das immer auf Kosten von marginalisierten Menschen.

DIE AMERIKANISCHE „DEMOKRATIE“
J: Auch wenn Biden die USA nicht eine 180° Wendung vollführen lassen wird, brächte er als Präsident vermutlich weniger Menschen in direkte Lebensgefahr. Trump bedroht Indigene, lässt ICE (Immigration and Customs Enforcement – eine Polizei- und Zollbehörde des Ministeriums für Innere Sicherheit der USA)  an der Grenze zu Mexiko Kinder in Käfige sperren, kritisiert Proteste gegen Polizeigewalt, leugnet den Klimawandel und bezeichnet white supremacists als „very fine people“.

T: Ich gebe dir wieder vollkommen Recht. Ganz ehrlich, mittlerweile muss ich jedes Mal fast kotzen, wenn ich so eine Auflistung von Trumps Versagen sehe und diese hier ist ja nicht mal ein kleiner Bruchteil von allem was er schon versaut hat. Und mal ganz kurz…wie absurd ist es denn bitte, dass wir wirklich darüber nachdenken müssen wer „weniger Menschen in Lebensgefahr“ bringt und, dass das ein Kriterium dafür ist, ob diese Person Präsident eines der mächtigsten und reichsten Länder der Welt wird oder nicht, wenn doch eigentlich seine Aufgabe darin bestehen sollte ABSOLUT NIEMANDEN in Lebensgefahr zu bringen???

J: Da hast du Recht. Es ist krass traurig, das so gegenüberstellen zu müssen. Das ist sozusagen der letzte Strohhalm, an den sich die Argumentation, warum alle (die dazu in der Lage sind) wählen gehen sollten, klammert.

DIE „PROGRESSIVEN“ LINKEN
J: Kostenlose Uni und Krankenversicherung für alle – das ist für uns ja völlig normal. Wenn das aber Linke in den USA vorschlagen, werden sie als verrückte, radikale Kommunisten abgestempelt. Wobei ich sowieso dafür bin, „radikal“ positiv zu reclaimen. Als Sanders bei den Vorwahlen im Frühjahr seine Kampagne beendete, war ich richtig traurig. Was denkst du, lag es am geringen Klassenbewusstsein der US-Amerikaner oder daran, dass er keine von Milliardären finanzierte Kampagne hatte?

T: Yes zu „radikal“ positiv reclaimen!! Und ich war auch richtig sad als Bernie und auch als Elizabeth Warren raus waren. Aber es hat mich nicht überrascht. Sowohl Sanders, als auch Warren sind viel zu „weit“ für die amerikanische Gesellschaft. (Zu dieser „Kategorie“ gehört natürlich auch Alexandria Ocasio-Cortez, die aber noch zu jung ist um für die US Wahlen zu kandidieren.) Die ist dafür noch nicht bereit und dabei spielt das geringe Klassenbewusstsein definitiv eine entscheidende Rolle. Doch nicht nur das, sondern auch generell eine krasse Verinnerlichung neokapitalistischer Ideale, die geprägt von rassistischen und diskriminierenden Strukturen sind. Und mal ganz ehrlich…welcher Milliardär hätte bitte Bernie finanziert, wenn er mit seinen Idealen und Vorhaben deren „Existenz“ „bedroht“?

WAHLEN IN ZEITEN VON CORONA
J: Was ich richtig besorgniserregend finde, ist Trumps Umgang mit der Wahl. Schon im Vorhinein hat er Wahlergebnisse und die Briefwahl angezweifelt – obwohl er selbst per Brief wählt! Das könnte den Weg dafür ebnen, dass er im Fall seiner Niederlage das Ergebnis einfach nicht anerkennt und seine Anhänger werden es ihm gleichtun. Und das alles, wo die Wahl in einer Pandemie sowieso schon kompliziert ist.

T: Trumps Umgang mit der Wahl ist nicht nur besorgniserregend, sondern straight up erschreckend und schockierend. Es ist keine neue Taktik, die er da verwendet. Die Republikaner*innen sind ja bekannt dafür alles anzuzweifeln, was ihnen schaden würde und auch dafür sich höchst fragwürdige Möglichkeiten der Wahlmanipulation auszudenken, um Demokrat*innen gezielt vom Wählen abzuhalten. Es ist aber die Art und Weise wie Trump das macht. Er versucht gar nicht subtil zu sein. Er haut einfach alles raus. Und die Welt kann dabei zusehen wie er seine Anhänger*innen manipuliert und wie die Republikaner*innen alles hinnehmen was er sagt und ihn verbissen unterstützen. Ah ja und falls er tatsächlich verlieren sollte, wird er das Ergebnis seiner Niederlage definitiv nicht akzeptieren. Das hat er mehrmals sehr deutlich gesagt. Und selbst wenn er es nicht gesagt hätte…nachdem wir 4 Jahre lang die Shitshow, die er als Präsidentschaft betitelt, mitverfolgt haben, sollte es mehr als klar sein, dass wir es hier nicht mit einem Mann mit Anstand, Würde und Verstand zu tun haben. Und ich wage zu bezweifeln, dass es um seine Anhänger*innen anders aussieht. Sorry, not sorry.

J: Richtig toll ist die hohe Wahlbeteiligung dieses Jahr. Ich hoffe einfach stark darauf, dass auch all die Menschen, die mit den Optionen unzufrieden sind, an die Urne gehen, um denjenigen Kandidaten zu wählen, der wenigstens nicht Nazis lobt, auf aggressivste Weise Immigration behindert und kriminalisiert und Desinfektionsmittel-Spritzen als Corona Maßnahme vorschlägt.

T: Und da ist sie wieder! Eine weitere Auflistung von Trumps Versagen…*kotz*…Aber ja! Die hohe Wahlbeteiligung ist extrem vielversprechend und ein gutes Anzeichen einerseits dafür, dass die Menschen entscheidende Unterschiede zwischen den beiden großen Parteien anerkennen, andererseits dafür, dass sie die Corona Pandemie ernstnehmen und sich durch „early voting“ besser schützen wollen und auch dafür, dass sie der Meinung sind, die Entscheidung dieser Wahl werde einen tiefgreifenden Effekt auf die Zukunft der USA haben. Let’s hope it does!

AUSSICHT FÜR DIE ZUKUNFT
T: Ich möchte gerade wirklich nichts anders lieber, als hoffnungsvoll und optimistisch zu sein, aber ich kann es einfach nicht. Momentan entwickelt sich so viel in eine extrem gefährliche und beängstigende Richtung und das nicht nur in den USA, sondern weltweit. Auch hier bei uns, in Deutschland, in Europa. So viele Dinge müssen sich grundlegend verändern, damit wir einer fairen Zukunft überhaupt ein Stück näherkommen. Ganze gesellschaftliche Systeme müssten komplett umgeworfen und neugedacht werden. Und wenn dieser Wandel nicht auf „demokratischer“ Weise zu Stande kommt, wird er irgendwann wohl oder übel auf gewaltsame Weise gefordert. Und ich befürchte, dass es in den USA gerade danach aussieht, als fehle nur noch ein letzter Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Und dieser letzte Tropfen könnte der Ausgang dieser Wahl sein.

J: Naja, die Gewalt kommt ja erstmal von oben. Wenn friedliche Bewegungen und Proteste überhaupt nichts bewirken, werden Menschen wütend. Gleichzeitig bewaffnet Trump die Polizei immer mehr und hat auch schon in der Vergangenheit Militärkräfte auf Demonstrierende losgelassen. Es könnte also tatsächlich zu einer Eskalation kommen, da stimme ich dir auf jeden Fall zu.

Ein Artikel von Theodora Brad und Jule Waizenegger
Bild: Sean Ferigan / Unsplash

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