Heimat ist Fremde

„Das Meer der Libellen“ von Yvonne Adhiambo Owuor erzählt die Geschichte Ayaanas, die wegen ihrer bloßen Existenz mit Anfeindung leben muss.

Ayaana taumelt. Zwischen Tradition und moderner Welt. Pflichten und Gefühlen. Rassismen und Selbsterkenntnis.
Aufgewachsen auf der fiktiven kenianischen Insel Pate muss sie sich stets beweisen; sich wehren, gegen Vorurteile und unerlaubte Wünsche und Vorstellungen.
Der Titel „Das Meer der Libellen“ deutet an, dass die eigentliche Protagonistin der Geschichte das Meer ist, das die Suchenden verbindet, sie erdet und Antworten bereit hält, wo eine Frage mitunter nicht mal formuliert wurde. Ayaanas Verbundenheit zum Meer ist inspirierend, die Beschreibungen Ayaanas im und am Meer lösen beim Lesen Ruhe aus, Frieden.

Sie ist weder geplanter Nachwuchs, noch kennt sie ihren Vater

Die Geschichte beginnt, als Ayaana ein kleines Mädchen ist. Ihre reine Existenz mit allen Verwicklungen scheint einen Affront darzustellen. Sie ist weder geplanter Nachwuchs, noch kennt sie ihren Vater. Von den Bewohner*innen der Insel wird sie missachtet. Ihre Mutter tut alles für sie, doch sie kann ihre Tochter nicht vor den Schmerzen schützen, die ihr andere Menschen immer wieder bereiten werden.
Die Schmerzen, die Ayaana ertragen muss, haben ihren Ursprung häufig in Sexismen und Rassismen: Ayaanas Mutter hat sich “falsch“ verhalten, nicht wie eine “ehrbare“ Frau sich verhalten soll, Ayaana verkörpert ein ungehorsames Ergebnis, denn sie ist das Kind einer unverheirateten Frau ohne verfügbaren Vater und wühlt so die traditionsgebundene Kultur und Religion Pates auf.

In Kenia zählt man als Muslim*in zur Minderheit der Bevölkerung

Der Islam breitete sich in Ostafrika ab dem 8. Jahrhundert vor allem in den Küstenregionen aus, mischte sich mit der ostafrikanischen, traditionellen Kultur und wird heute als Swahili-Islam bezeichnet. In Kenia zählt man als Muslim*in zur Minderheit der Bevölkerung.
Die Insel ist abhängig vom Wohlwollen der kenianischen Regierung und ist radikalen Islamisten, Soldaten, oder einflussreichen Diplomat*innen ausgeliefert. Die Bewohner*innen klammern sich an Traditionen und an ihre Religion.

In Ayaanas Welt gibt es vor allem böse Männer

Als Ayaana jung ist, muss sie sich mit einem religiösen Extremisten auseinandersetzen, der sie von seinen Ansichten überzeugen will. Der Glaube gibt Ayaana Halt, Extremismus ist ihr als Kind fremd, verunsichert die religiöse Protagonistin.
Owuor verdeutlicht an dieser Stelle, wie wichtig diese Abstraktion ist – Extremismus und Religion sind nicht miteinander verbunden, viel mehr schwächt Extremismus die Kraft, die Glaube für jemanden haben kann.
In Ayaanas Welt gibt es vor allem böse Männer. Extremisten, Lehrer, Soldaten. Später Vergewaltiger. Ihr selbst gewählter Vater Muhidin, stellt eine seltene Ausnahme dar. Ayaana kann es kaum ertragen, als ihr klar wird, dass auch Muhidin nicht perfekt ist.

Sie flieht

Als Kind saugt Ayaana Freude und Trauer auf wie ein Schwamm, als junge Erwachsene muss sie sich häufig zurückhalten. Ein einschneidendes Erlebnis vermittelt ihr nachdrücklich Misstrauen in die Welt, erschüttert ihr Urvertrauen gegenüber ihrer Mutter.
Sie flieht davor, als sich für sie die Chance ergibt, in China zu leben und zu studieren.
Das entfremdete Pate wird in dem Moment zum Sehnsuchtsort, als China, das zur Heimat werden soll, durch seine Andersartigkeit in jeglichen Belangen, für Ayaana den Ort der Fremde verkörpert. Und mit diesem Land verbindet sie angeblich eine Vergangenheit, die ihr Taumeln zwischen den Welten und ihr anderes Aussehen erklären soll.
Ein Mädchen, das nie daran gedacht hat, die kenianische Insel Pate zu verlassen, dem sein eigenes Zuhause schon unfasslich war, kämpft sich nun durch die Metropolen Chinas. Doch egal was sie tut, immer fällt sie auf, fällt sie raus.
Sie sucht Halt bei anderen Außenseiter*innen, lernt den türkischen Studenten Koray kennen, mit dem sie ihren Glauben teilt. Sie muss feststellen, dass dies nicht bedeutet, dass man die gleichen Werte teilt. Koray will sie besitzen, kann nicht neben ihr bestehen. Er nimmt sie nicht als eigenständigen Menschen wahr oder ist so eingeschüchtert von ihr, dass er unbedingt Kontrolle über sie ausüben will.
Letztendlich personifiziert Koray genau das, was die chinesische Mehrheitsgesellschaft Ayaana antut. Auch in China wird die Protagonistin als wiedergefundener Schatz bezeichnet, als wertvoller Besitztum, der überall herumgezeigt werden soll, statt sie als eigenständigen Menschen zu akzeptieren.
Ayaanas Wahl des Studiums der Nautik ist der Versuch eines Befreiungsschlags ihrerseits. Sie will ihre eigenen Entscheidungen treffen. Dieses Studium ermöglicht ihr, das von ihr vergötterte Meer fassen zu lernen.

Der Roman beleuchtet eindrucksvoll die chinesisch-ostafrikanische Geschichte, sowie die Diskriminierung des Islams, die bis heute zum Tod von Unschuldigen führt. Vor allem erzählt er aber die Geschichte einer jungen Frau, die sich zurecht finden will in der globalisierten, modernen Welt ohne mit ihren Ursprüngen zu brechen. Es ist eine Geschichte über die Suche nach Zu Hause, Liebe, Verbundenheit.

Das Meer der Libellen
Von Yvonne Adhiambo Owuor
Erhältlich für 24€ bei dumont oder im Buchladen eures Vertrauens.

Ein Artikel von Margarete Rosenbohm

Cover: Dumont Verlag

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