Freiwilligenarbeit – Auslandserfahrungen für die gute Tat?

Freiwilligenarbeit bietet besonders jungen Menschen die Möglichkeit, neue Kulturen kennenzulernen und den eigenen Horizont zu erweitern. Während einige das Bedürfnis haben, Abenteuer zu erleben, haben viele den Wunsch, in sogenannten Entwicklungsländern „etwas Gutes“ zu tun. Besonders für junge Menschen, die zwischen dem Schulabschluss und Studium stehen, ist der Freiwilligendienst eine Möglichkeit, um über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Doch wie sinnvoll sind diese Angebote und wer profitiert überhaupt von Freiwilligenarbeit?

Das bekannteste staatliche Programm „Weltwärts“ wurde im Jahr 2007 entwickelt und fördert Engagement junger Erwachsene in entwicklungspolitischen Projekten. Durch Freiwilligendienste soll das Verständnis zwischen den Menschen unterschiedlicher Kulturen verbessert und ein Beitrag zu Toleranz geleistet werden. Doch Programme wie „Weltwärts“ dauern vergleichsweise lang und haben begrenzte Teilnehmer*innenzahlen und hohe Anforderungen.

Diese Marktlücke haben kommerzielle Treiber und Reiseorganisationen genutzt. Denn genau in diesem Bereich verläuft die Unterscheidung zwischen den internationalen Freiwilligendiensten und dem „Voluntourismus“. In diesem Sektor steht eine private Organisation hinter dem Projekt, wodurch kommerzielle Interessen in den Vordergrund geraten. In Reisekatalogen findet sich eine Vielzahl verschiedener Angebote, da sich der Markt weiterhin rasant entwickelt.

Nachhaltige Veränderung durch Voluntourismus?

Besonders bei kommerziellen Angeboten richtet sich die Freiwilligenarbeit stärker an den Wünschen der Freiwilligen aus und beachtet häufig nicht den eigentlichen Bedarf der lokalen Bevölkerung. Hierdurch wird ein künstliches touristisches Angebot geschaffen wie zum Beispiel der sogenannte „Waisenhaustourismus“. Es entsteht also die Gefahr, dass den Interessen und Wünschen der lokalen Bevölkerung keine Beachtung geschenkt wird. Wie sagt man so schön neoliberal: der Kunde ist eben König.

Im kommerziellen Sektor drückt sich das häufig so aus: Auslandsaufenthalte werden immer kürzer angeboten und die Arbeitszeiten der Freiwilligen flexibel gestaltet, um die Vereinbarkeit von Freizeitaktivitäten zu gewährleisten. Bei Voluntourismus-Angeboten sind die Aufnahmekriterien stark vereinfacht, meist gibt es keine Auswahlprozesse, die die Freiwilligen durchlaufen müssen. Die Freiwilligen bezahlen tausende Euro für ihre Einsätze, wodurch die Anbieter*innen in Kauf nehmen, dass diese nicht in das Projekt passen. So können sich die Freiwilligen beispielsweise für ein paar Wochen als Lehrer*in erproben, ohne Vorwissen über Lehrinhalte, Didaktik und kulturelle Unterschiede – macht sich aber immerhin super im Lebenslauf. Besonders in Projekten mit Kindern aus prekären Familienverhältnissen ist es fragwürdig, wie die Kinder von kurzen Einsätzen profitieren können. Sie müssen immer wieder neue Beziehungen zu den Freiwilligen aufbauen, die nach einigen Wochen abrupt abgebrochen werden.

Ein weiteres Problem ist die Begleitung durch Seminare. Denn bei kommerziellen Anbietern fällt diese häufig ganz weg. Freiwillige werden dadurch nicht angeregt, ihre eigene Rolle und Privilegien zu reflektieren. Stattdessen nutzen viele Anbieter im Voluntourismus armutsorientiertes Marketing. Was bedeutet das? Die lokale Bevölkerung wird zu einem passiven Hilfsempfänger stilisiert, die von dem Einsatz der weißen, hilfsbereiten Menschen des globalen Nordens profitiert. Durch diese zugewiesenen Eigenschaften reproduzieren sich neokoloniale Klischees.

Sind Freiwilligendienste wie „Weltwärts“ also eine gute Alternative zu Voluntourismus?

Ein undifferenziertes Gut-Schlecht-Denken im Segment der Freiwilligenarbeit/-dienste ist nicht sinnvoll. Auch bei staatlich geförderten Diensten wie „Weltwärts“ muss ein Blick auf die Entstehungsgeschichte und damit verbundene Machtstrukturen geworfen werden.

Entwicklungspolitische Freiwilligendienste sind in einem Politikfeld angesiedelt, dass durch Kolonialismus und rassistische Annahmen entstanden ist. Früher sollten die „entwickelten“ Völker den „unterentwickelten“ Völkern im globalen Süden ihre Kultur und Religion nahebringen. Dabei wurde ihnen die Sinnhaftigkeit der eigenen Kultur abgesprochen. Die gewaltvolle koloniale Vergangenheit muss auch heute kritisch hinterfragt werden. In verschiedenen Studien wurde dokumentiert, wie Freiwilligendienste postkoloniale Strukturen und Rassismus reproduzieren oder neu erschaffen. Häufig wird davon ausgegangen, dass allein das Reisen dazu führt, dass ein Lernprozess in Gang gesetzt wird, durch den bestehende Vorurteile abgebaut werden können. Diese Prozesse finden jedoch nicht automatisch statt. Stattdessen kann Reisen ganz im Gegenteil auch zu Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfestigung von Vorurteilen führen.

Ein Freiwilligendienst ist für junge Erwachsene häufig die erste Erfahrung außerhalb der eigenen Komfortzone. Weit weg von Familie und Freunden wird eine neue Lebenswelt in einer fremden Umgebung erlebt. Dabei verspüren viele Freiwillige insbesondere in der ersten Phase die Fremdheit des Gastlandes als Herausforderung. Dadurch kann ein Prozess in Gang gesetzt wird, der eine verstärkte Grenzziehung zwischen dem „Eigenen“ und dem scheinbar „Fremden“ hervorruft. Das sogenannte „Othering“ beruht auf stereotypischen Vorannahmen und einer Festlegung auf bestimmte Merkmale der fremden Kultur. Diese Unterscheidung von „Wir“ und „die Anderen“ geht von einer Höherwertung der eigenen, und einer Abwertung der anderen Kultur aus und verfestigt damit Vorurteile und Stereotype.

Zudem stammen die Freiwilligen aus Europa und Nordamerika meist aus privilegierten Verhältnissen, sind weiß, verfügen über höhere Bildungsabschlüsse und sind daher seltener von Benachteiligung und Diskriminierung betroffen. In diesem Zusammenhang ist der Aufsatz „Unpacking the invisible Knapsack“ von Peggy Mc Intosh aus dem Jahr 1989 ein wichtiger Anhaltspunkt. In dem Artikel beschreibt die Wissenschaftlerin, dass weiße Menschen einen unsichtbaren Rucksack mit Privilegien besitzen, der sich aus ihrem Weiß sein ergibt. Diese Privilegien sollten sich Freiwillige unbedingt vor einem Auslandsaufenthalt bewusst werden.

Ein Fazit: Bietet ein Freiwilligendienst mehr Nachteile als Vorteile?

Generell soll der Artikel nicht dazu dienen, Freiwilligendiensten ihre Sinnhaftigkeit abzusprechen. Er soll dennoch dazu anregen, sich mit dem kolonialen Erbe auseinanderzusetzen und die Reflektion der eigenen Motivation und Rolle zu hinterfragen. Welche Privilegien bringe ich mit? Welche Vorurteile und Stereotype habe ich? Dadurch kann verhindert werden, dass den lokalen Bedürfnissen vor Ort keine Beachtung geschenkt wird und die „Fremdheit“ des Gastlandes zu einer verstärkten Stereotypisierung führt.

Je nachdem, ob ein staatlicher oder kommerzieller Träger hinter dem Angebot steht, unterscheidet sich die Förderung, die Dauer und die pädagogische Begleitung. Dementsprechend werden die Freiwilligen mit unterschiedlichen Voraussetzungen ins Ausland entsendet. Eine angemessene pädagogische Begleitung, in der koloniales Erbe, Rassismus und die Reflektion der eigenen Rolle angesprochen werden, kann bereits einen bedeutenden Unterschied machen. Der wichtigste Aspekt ist jedoch die Zeit. Längerfristige Aufenthalte ermöglichen den Freiwilligen, die Sprache zu erlernen, sich mit der lokalen Bevölkerung auseinanderzusetzen und kulturelle Werte und Normen kennenzulernen. Denn erst durch den kulturellen Austausch kann globales Lernen auf verschiedenen Ebenen stattfinden und ein nachhaltiger Effekt auf beiden Seiten erzielt werden.

Ein Artikel von Thea Darrelmann
Titelbild: Have Fun Do Good (Unsplash)

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