Warum es nicht heuchlerisch ist Ratschläge zu geben, die man selbst (noch) nicht befolgt

Ich hatte neulich eine kleine Offenbarung als ich über die Ratschläge, die ich anderen in Bezug auf den Umgang mit den eigenen Emotionen und persönlichen Grenzen gebe, nachdachte. Mir ist nämlich aufgefallen, dass ich mir viele dieser Ratschläge auch selber geben könnte, weil ich mich oft in einer ähnlichen Situation befinde wie die Person, die mich um Rat fragt. Dadurch rate ich also vielen meiner Freund*innen und Mitmenschen zu Verhaltensweisen, die ich selbst gar nicht einhalte. In solchen Situationen muss ich mir immer wieder anhören, dass das heuchlerisch und verlogen sei. Warum sollten sie das machen was ich ihnen sage wenn ich es doch selbst gar nicht hinkriege? Aber ist es wirklich so einfach?

Der Grund warum ich die besagten Ratschläge gebe ist, weil ich anhand meiner eigenen Situation erkannt habe, wie man eigentlich damit umgehen sollte um das Problem zu lösen. Nur weil ich es noch nicht umgesetzt habe, heißt ja nicht, dass meine Erkenntnis und somit auch mein Rat weniger wahr ist, oder? Und letztendlich ist mir aufgefallen, dass ich so gut wie immer irgendwann doch an dem Punkt komme, an dem ich meinen eigenen Rat befolge. Je nachdem worum es sich handelt dauert es manchmal ein paar Tage, manchmal Wochen, manchmal aber auch Jahre. Vielleicht muss ich diesen Rat einfach oft genug hören und intensiv darüber nachdenken, bis ich merke, dass es doch die richtige Entscheidung wäre ihm auch zu folgen.

An diesem Punkt hatte ich die Offenbarung, die eigentlich keine wirkliche Offenbarung ist, sondern sich wie eine angefühlt hat, einfach weil ich das noch nie so betrachtet habe. Und zwar ist es das Eingestehen, dass wir alle unterschiedlich sind und somit unterschiedlich lange brauchen um neue Verhaltensweisen zu erlernen und umzusetzen, vor allem wenn es dabei um Gefühle und zwischenmenschliche Beziehungen geht. Und so ist das halt auch mit den eigenen Ratschlägen. Wenn ich jemandem also zu etwas rate, das ich in dem Moment selbst nicht einhalten kann, versuche ich damit nicht heuchlerisch zu sein, sondern ich habe die Hoffnung, dass meine Erkenntnis und Ermutigung dieser Person dabei helfen können, ihr Problem schneller in den Griff zu bekommen. Denn diese Person funktioniert vielleicht ganz anders als ich. Vielleicht ist sie einfach geübter darin, neue Verhaltensmuster zu erlernen oder sie verinnerlicht bestimmte Sachen einfach schneller als ich. Vielleicht hat sie über die Perspektive, die ihr mein Rat eröffnet, noch gar nicht nachgedacht und vielleicht ist es genau das was sie in dem Moment braucht um selbst auf eine noch bessere Erkenntnis zu kommen. Vielleicht ist sie aber auch so überfordert, dass sie es gar nicht schafft, aus ihrem Gedankenkarussell zu entkommen und deshalb eine Außenperspektive braucht.

Es ist einfach zu sagen, dass man selbst etwas nicht machen möchte weil die Person, die einem dazu geraten hat das auch nicht macht. Aber es ist genau so einfach, sich einzugestehen, dass wir alle anders sind, Dinge unterschiedlich schnell begreifen und umsetzen können und wir alle voneinander lernen und profitieren können. Denn vielleicht ermutigt es auch mich dazu, etwas schneller umzusetzen, wenn ich sehe, dass meine Freund*innen Erfolg damit haben. Das nimmt mir vielleicht die Angst zu versagen. Vielleicht aber auch nicht. Und das ist auch ok. Wie dem auch sei, was ich sagen möchte ist nur: Hört nicht damit auf, den Menschen, die danach fragen, Ratschläge zu geben, auch wenn ihr euch selbst noch nicht an diese haltet. Denn damit würdet ihr auch aufhören, kritisch zu sein, Dinge zu hinterfragen, zu wachsen, zu helfen und sich an Erfolgen von anderen mitzufreuen. Damit würdet ihr aufhören, andere zu unterstützen und zu empowern. Damit würden wir aufhören, voneinander zu lernen und das wäre wirklich traurig.

Ein Artikel von Theodora Brad
Titelbild von Leonidas Kosmidis

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