Da, wo die sattgrünen Berge warteten – Eine diasporische Kriegsschau

Vorbemerkung: Der folgende Text wurde Ende September 2020 verfasst. Der Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan war zu dem Zeitpunkt ein paar Tage alt und sollte noch etwas mehr als einen Monat fortdauern. Beendet wurde er aufgrund eines Abkommens mit Russland, der für die einen wirtschaftliche Vorteile und stärkere Anbindung bedeutet, für die anderen vielmehr schieres Überleben außerhalb ihrer Heimat. Seine Folgen sind schwerwiegend (welche in Hinblick auf die Fluchtbewegung durch die Pandemie verstärkt werden) und schließen eine Fortsetzung nicht aus.

In Arzach wurde der Krieg eingeläutet. Falls du davon bisher nichts gehört hast, liegt das nicht an der Relevanz. Der Schauplatz ist eine kleine Region zwischen Armenien und Aserbaidschan, welche sich seit Jahren darüber streiten, wer ein Anrecht auf das Land hat. Aserbaidschan will, dass die armenischen Truppen aus den besetzten Gebieten verschwinden. Armenien will, dass Arzach, in dem vorwiegend Armenier*innen leben, von Aserbaidschan losgelöst wird. Wäre wohl nicht relevant genug, wenn nicht die Türkei und Russland auch involviert wären. Meine Perspektive möchte ich direkt transparent machen. Durch Verwandte und Medien ist meine Position eine „armenische“. Ich habe keinen Kontakt nach und keinen Zugang zu Aserbaidschan. Dies ist weder objektive Auseinandersetzung, noch politische Analyse, sondern privater Eindruck.

Warum schreibe ich darüber? Um in einer deutschen Kleinstadt Aufmerksamkeit auf dieses Gebiet zu lenken, um andere Aufmerksamkeit darauf zu generieren als in den Nachrichten, um eine im Ausland (und hier bedeutet Ausland Deutschland) aus reinen Informationen bestehende Realität plastischer zu machen. Ich möchte keinen Liveticker der neuesten Ereignisse bieten, dafür wird das nicht zeitnah genug veröffentlicht. Dies ist der Blick der Diaspora, der sich manchmal selbst bloß aus medialen Informationen speisen kann. Dies ist auch die Möglichkeit einer Stimmungsaufnahme. Eine Meinung kundtun, wer in diesem Streit Recht hat, möchte ich mit diesem Artikel so gut es geht vermeiden.
Seit meiner Kindheit war Arzach, damals noch als Bergkarabach, ein Thema, wenn auch kein großes. Ich wusste, dass es diesen Ort gibt, dass ein Freund meines Vaters in den 90ern von diesem Ort aus nach Deutschland emigrierte, über die Halbglatze gekämmte Haare hatte und schmerzlich über die Region und einen unlösbaren Konflikt sprach- und zwar in einem ganz anderen Dialekt als mein Vater. Doch wenn man ins Ausland aufbricht, überschatten andere Sorgen den Alltag, auch wenn der Ort nie loslässt durch ständigen Kontakt zu den Verwandten oder die unterschwellige Verheißung der Rückkehr.

Seit 2017 heißt Bergkarabach zwar offiziell Republik Arzach, es aber im Sprachgebrauch so zu nennen, ist für mich gleichzeitig auch Statement: Der armenische Name ist zurückzuführen auf eine Zeit, in der das Gebiet zum armenischen Reich gehörte. Beide Lager bestehen darauf, zuerst dort gewesen zu sein, aber beide Lager haben auch unterschiedliche Auffassungen von der Geschichte. Die Propaganda gegen die jeweils anderen ist groß, was eine Kriegsbereitschaft in der Bevölkerung natürlich anheizt.

Kurz zum Problem, dass sich für mich selbst in Zahlen, territorialem Hin und Her und immer weiteren Fragen und Verlinkungen verstrickt.
Das Gebiet, von Beginn an in polyethnischer Zusammensetzung, hat stets einen Wandel erlebt. Sein „Besitz“ wurde ab dem 7.Jahrhundert zwischen armenischen, muslimischen und russischen Eroberern und Rückeroberern hin- und herjongliert. Nachdem die Region von der sowjetischen Großmacht einverleibt wurde, spuckte sie sie nach ihrem Zerfall auf aserbaidschanischer Seite wieder aus. Man bekriegte sich 1991-1994, was den geringen Anteil an Aserbaidschaner*innen in Arzach erklärt, da viele geflohen sind, es ist seither unter armenischer Kontrolle und Armenier*innen machen nun 99,7 Prozent der Bevölkerung aus. Dass Arzach in den 1990ern seine Unabhängigkeit verkündete, wurde von Armenien nicht anerkannt, um den Konflikt nicht weiter zu verschärfen. Also untersteht es nicht den aserbaidschanischen Gesetzen. Sollte die armenische Seite die Kontrolle verlieren, werde Arzach das gleiche Schicksal zuteil, so mein Vater, wie der Autonomen Republik Nachitschewan. Auch diese Streitigkeit wurde von Stalin als Territorialmaster und Großgrundbesitzer zugunsten von Aserbaidschan (eigentlich zugunsten von Atatürk, eigentlich zugunsten von Stalin) entschieden. Im Laufe der Zeit gab es eine Abwanderung beinahe aller Armenier*innen.

Mein Vater meint mit diesem Vergleich übrigens auch eine ausmerzende* Verfolgung der in Arzach lebenden Armenier*innen. Das klingt heftig, ist aber das Produkt latent mitschwingender armenischer Vergangenheit und wenn man sich verfolgte Minderheiten wie Kurd*innen und Jesid*innen in Syrien und der Türkei anschaut, nicht abwegig. Man muss nicht einmal so weit gehen: allein der letzte Skandal um AfD-Sprecher Christian Lüth und sein Bedürfnis nach „Vergasung“ zeigt, dass auch entsprechende Machthabende in Deutschland ein solches Potenzial bergen. Es geht in diesem Fall aber mitunter um die Angst vor mittelbarer Auslöschung in Form armenischer Kulturgüter.
*Buzz- und Triggerwort Genozid; Teil eines Alphabets, dass armenische Kinder als Trauma erben.

Das kollektive Gefühl: Armenien scheint umgeben von Feindlich-Gesinnten. Als ich das erste Mal mit elf Jahren dort war, fragte ich mit Blick auf den Ararat, Sehnsuchtsort und ewiges Bildmotiv armenischer Künstler*innen, ob wir dort hinaufwandern könnten. Es wurde gelacht und erklärt, dass dieser Berg, der so greifbar nah scheint, und es einmal war, nicht ferner hätte sein können.

Seit 1993 sind die Grenzen aufgrund des Karabachkonflikts und der türkischen Solidarität mit dem Aserbaidschan geschlossen. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass man den Berg so oder so nur mit spezieller Erlaubnis besteigen kann. So baumelt er als ewiger Hohn vor der Nase so vieler, die ihn bei klarem Wetter und einer sonst sehr flachen Landschaft gut im Blick haben und für die er oft aus religiöser Sicht eine große Bedeutung hat, da hier die Arche Noahs gestrandet sein soll. Soviel zur türkischen Grenze, die Anfang des letzten Jahrhunderts innerhalb von 5 Jahren soviel näher gerückt ist. Die Grenze zu Aserbaidschan sitzt lockerer auf der akut brennenden Erde. Wobei die Türkei auch in dieser Geschichte eine nicht unwesentliche Rolle spielt und dem Aserbaidschan militärische Unterstützung zusichert, und Taten folgen lässt.

Den teils unangenehm aufdringlichen Nationalismus so mancher Armenier*innen erkläre ich mir mit Trauma, Trotz und Überlebenswillen des kleinen Knirpses zwischen Nachbarn, die keinen Bock auf ihn haben. Ihm wird aber auch keine Ruhe gelassen, was jetzt geschieht, wirkt dramatisch ausgedrückt auch wie eine Kampfansage an die Demokratie. Die Revolution im Jahr 2018 war für viele ein hoffnungsvoller Umbruch – gerade eben die Autokraten entfernt, um von den nächsten angegriffen zu werden. Mit der Regierungsübernahme Paschinjans, zuvor oppositioneller Journalist, und seiner revolutionären Mitstreiter*innen hat sich in vielerlei Hinsicht langsam einiges getan, politisch Gefangene wurden freigelassen, Machthabende enteignet, eine unabhängige Justiz eingeführt, der Pressefreiheit geht’s jetzt besser. Auf der anderen Seite das säkulare Aserbaidschan, das als muslimisch geprägter Staat mit guten Verhältnissen zu Israel selbst eine Sonderstellung im Südkaukasus einnimmt.

Sie machen auch in Sachen Geschichtsschreibung beide ihr Ding. Wer soll zwischen den emotionalisierten und tendenziösen Meinungen zur historischen Situation des Ortes durchblicken, wenn das Narrativ so sehr variiert? Im Chaos der Recherche bekomme ich auch eine neue Perspektive auf meine eigene Beeinflussung – und vonseiten des Vaters den Vorwurf, im Artikel nicht genug Stellung zu beziehen. Und gilt es das überhaupt zu vermeiden?

2017 sind Eltern und Schwester dann zum ersten Mal nach Arzach gefahren. Alle hätten ein „inoffizielles“ Visum beantragen müssen -ein loser Wisch- , außer meinem armenischpässigen Vater. Unbedacht sind sie losgefahren. Die Grenzkontrolle: eine kleine Hütte, ein Zimmerchen – das war der Zoll. Meine Mutter machte ein Foto von dem Berg dahinter, unten besagte Hütte. Sofort kamen armenische Grenzbeamte und sorgten dafür, dass sie das Foto umgehend löschte. Vielleicht eine Spionin, die ukrainische Mutter mit visalosem Pass? In den 90ern kämpften unter anderem ukrainische Söldner aufseiten von Aserbaidschan (das im Gegensatz zu Armenien Geld hat, denn es verkauft Öl), vielleicht war das nicht mal nur aus ökonomischen Gründen, ist doch ihr immerwährender Oppressor Russland Armeniens Nr. 1 Supporter. Dass dabei Russland an Armenien als auch an Aserbaidschan Waffen verkauft, ist kein Geheimnis. Und dass Russland bisher nicht eingreift, könnte daran liegen, dass der vertragliche Schutz sich nur auf Armenien selbst bezieht, wovon das unabhängige Arzach ausgeschlossen ist.

Jedes Mal, wenn ein weiterer männlicher Verwandter bald die Volljährigkeit erreicht, ist die Sorge in der Familie groß, wenn davon berichtet wird, dass auch er im kommenden Jahr eingezogen werden würde. Die Angst, eingewoben in den schwelenden Konflikt um Bergkarabach, der jederzeit groß ausbrechen könnte – jetzt ist es soweit. Bei Menschen, die nach 2000 geboren wurden, assoziiere ich unwillkürlich für kurze Zeit Baby, in den Nachrichten wird Name und Geburtsjahr der toten Soldaten vorgelesen, viele 2001 geboren. Derweil in Deutschland können männliche Jugendliche der armenischen Diaspora froh sein, wenn sie überhaupt keine Papiere haben, denn dieser prekäre Umstand bedeutet immerhin, dass sie nicht in den Krieg geschickt werden.

Nachtrag: Ein Zustand der Unschlüssigkeit hat sich mir bewahrt, immer wenn ich die Lage einzuschätzen versuche, auch wenn meine Ambitionen einer vermeintlichen Gleichbewertung beider Seiten in der Zwischenzeit stark zurückgegangen sind und ich eine klare Solidarisierung mit der armenischen Seite einfordere. Da die historische und aktuelle Stellung im Konflikt und ihre Intentionen eben nicht gleichwertig sind, und vor allem, weil sich die Gefahr eines erneuten Genozids abzeichnet.

Ein Text von Mariam Nazaryan
Titelbild: Mariam Nazaryan

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