Popkultur und Bürgerlichkeit – Komplett Gänsehaut von Sophie Passmann

Zwei Jahre nach der Veröffentlichung ihres Schlichtungsversuchs Alte weiße Männer veröffentlicht Autorin und Moderation Sophie Passmann nun ihren ersten Roman. Mit Komplett Gänsehaut blickt sie auf ein Millenial-Umfeld, das mit Sicherheit auch einen großen Teil ihrer Leser:innenschaft betrifft. Eine Rezension

„Wäre das hier eine gute Geschichte“, leitet der Klappentext von Sophie Passmanns neuem Buch Komplett Gänsehaut die innenliegende Anekdotenanreihung ein, „würde all dieser Kram passieren, der im echten Leben immer höchstens fast passiert.“
Die Protagonistin ihrer Geschichte ist siebenundzwanzig Jahre alt, bezieht gerade eine neue Wohnung und verbindet diesen Umzug mit Anekdoten, Reflexion und einem zynischen Blick auf sich und alle, die wie sie sind: Millenials, die sich trotz aller Bemühungen dabei entlarven, wie ihre eigenen Eltern zu werden. Die Protagonistin ist genau so sehr Sophie Passmann selbst wie ihre Leser:innen.

Zwischen dem Gefühl, sich bei jedem Umzug neu erfinden und damit auch stets erwachsener werden zu müssen, und der damit verbundenen Lächerlichkeit erzählt Sophie Passmann von Erlebnissen wie etwa der Freund:innenschaft zu einem zwölfjährigen Mädchen, das sie eines frühen Abends beim Schaukeln auf einem Spielplatz kennengelernt hat und das ihre Wohnung hässlich findet, von dem Nachbarn, der so aussieht als würde er das Spiel Scrabble besitzen und diese Erwartung mit einer anderen Version des Spiels sogar erfüllt. Auch ist da der Mann mit der Wassermelone, den sie auf einer Party kennen lernte, über den Spaß im und am Leben sprach und seither nicht vergessen kann. Begegnungen beginnen in Komplett Gänsehaut immer etwas wundersam oder aber sehr plötzlich und enden in Mutmaßungen über sich selbst.

Sich Wein trinkend selbst zu reflektieren, dem scheint sich der Freund:innenkreis innerhalb dieser Anekdotensammlung verschrieben zu haben. Jeder noch so zynische Kommentar über die Gentrifizierung des eigenen Stadtteils, die dadurch eröffneten Cafés und Pizzaläden mit extravaganten Zutaten, wird stets wieder legitimiert – schließlich sind sie, sind wir, alle Teil des Problems, indem unsere Wohnungen Altbau sein müssen, der Pizzabelag besonders fancy und die Plattensammlung auf einem guten Spieler am besten zur Geltung kommt. Und genau dort, in dieser Schnittmenge von vermeintlicher Kritik und albernem Zynismus, da ertappt sich die angenommene Leser:innenschaft selbst: Während Sophie Passmann Nebensätze in Nebensätze einwebt und Gedankengänge abschweifen, trifft sie einen alltäglichen Nerv.

Ich lese die etwa 160 Seiten sehr schnell, habe meist das Gefühl, leicht beschwipst mit einer Freundin auf einem sehr schicken Sofa in irgendeiner aufregenden Stadt zu sitzen, um darüber zu lamentieren, wie langweilig unsere Leben seien. Vieles von dem, was Sophie Passmann schreibt, kann ich nachvollziehen, einiges nervt mich. Vor allem die schlechte Laune, die ständig mitschwingt und dass jede scheinbare Reflexion nur ein Ausformulieren der eigenen Privilegien zu sein scheint. Ich lerne, dass eine vermeintliche Selbstkritik oft auch nur ein Abspulen auswendig gelernter Floskeln ist, die sowohl die Figuren in Sophie Passmanns Buch als auch ich selbst an den Tag legen. Ein großer Kritikpunkt ist für mich jedoch die Tatsache, dass an keiner Stelle gegendert wird und ein binäres Geschlechtssystem impliziert wird.

Gefreut habe ich mich hingegen über die Übersteigerten Mutmaßungen gegenüber anderer Menschen Leben: So zeichnet Sophie Passmann ein genaues Bild davon, welche Art Mensch den Zauberberg von Thomas Mann im Regal stehen hat, wer überhaupt über ein Bücherregal verfügt und wen diese fiktive Person daten würde. Schön sind auch die Momente, in denen Sophie Passmann darüber philosophiert, wie neutral das Aussehen von Körpern sein kann, wie sehr man sich in ein eigenes imaginäres Ideal und dessen Erfüllung hineinsteigern kann und wie egal das alles am Ende des Tages ist.

Komplett Gänsehaut ist eine zeitgenössische Momentaufnahme eines Bürgertums Mitte Zwanzig. Popkulturelle Referenzen, Koketterie mit der eigenen sozialen Herkunft und ein gewisses Maß an Arroganz gegenüber dem eigenen Alltag und dem Verhalten anderer bilden die Handlung dieser Geschichte.

Komplett Gänsehaut ist am 4. März im Verlag Kiepenheuer & Witsch erscheinen, kostet in der gebundenen Aufgabe 19 Euro, ist auch als E-Book und als Hörspiel verfügbar.

Autorinnenfoto: © Patrick Viebranz

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