Wenn Sprache nicht reicht und doch ein Anfang ist – Der Debütroman „Open Water“ von Caleb Azumah Nelson

Es gibt Bücher, die sich anfühlen wie eine lang ersehnte Umarmung, von der man aber nicht wusste, dass man sie wirklich braucht. Der Debütroman „Open Water“ von Caleb Azumah Nelson ist so ein Buch. Im Fokus des Debüts des Britisch-Ghanaischen Autors stehen zwei Schwarze Künstler:innen, welche in London leben und lieben. Sie ist Tänzerin, er Fotograf. Die beiden lernen sich auf einer Party eines gemeinsamen Freundes kennen und sofort entsteht etwas zwischen ihnen. Dieses „Etwas“ baut sich über die 145 Seiten des Romans immer weiter auf und lässt uns erahnen, was es bedeuten kann, sich jemandem komplett zu öffnen – oder eben nicht.

Das Buch verhandelt Fragen rund um Identität, um das Verloren-Sein und was es für die beiden Protagonist:innen des Romans bedeutet, Schwarz zu sein – und auch, was es heute bedeutet, ein Schwarzer Mann in Großbritannien zu sein. Mit einer Wortgewalt, die noch lange nach Ende des Buches nachhallt, erzählt Caleb Azumah Nelson von der Suche nach sich selbst in einer Stadt, die einem ganz nahe und dann wieder weit weg ist. Von der Suche nach Zugehörigkeit, nach Freiheit und Glück und nach Geborgenheit. 

Das Buch fragt danach, was es für einen Schwarzen Mann bedeutet, frei zu sein, was es bedeutet, verletzlich zu sein und was es bedeutet, zu lieben – in vielen, verschiedenen Formen. Das Buch verhandelt in sich selbst immer wieder, dass es für bestimmte Gefühle keine Sprache gibt. Dabei schafft es der Autor sehr gut, eine neue Sprache zu entwickeln, die uns ganz nah an den Protagonisten heranführt, an seine Gefühlswelt und an seine, teils schmerzlichen, Erfahrungen als Schwarzer Mann. Gleichzeitig gibt es immer wieder Momente des Glücks, der Freude, des Ankommens, an denen wir als Leser:innen teilnehmen dürfen. 

Das Besondere ist nicht nur die poetische Sprachgewandtheit, sondern auch die unendlichen Verweise auf die Arbeit von verschiedenen Schwarzen Künstler:innen. So lernen wir während des Lesens verschiedene Schwarze Musiker:innen und Künstler:innen und ihre Werke kennen (das nachschlagen lohnt sich). Von Kendrick Lamar über Frank Ocean hin zu James Baldwins „If Beale Street Could Talk“, Zadie Smith, Chancellor Williams und Kelsey Lu oder der Film „Moonlight“ – auf den vielen Seiten gibt es einiges zu entdecken und man möchte am liebsten jeden Namen nachschlagen.

Ein Debütroman, welchen ich euch sehr ans Herz legen möchte. Aktuell ist das Buch unter dem Titel „Open Water“ zu erhalten. Ich hoffe, dass es auch bald eine deutsche Übersetzung geben wird und bin mir sicher, dass wir auch in Zukunft noch viel von diesem jungen Autor hören werden. Und wer schonmal in die Mood des Buches eintauchen will, dem empfehle ich diese wunderbare Playlist, welche voll mit Songs ist, die den Autor beim Schreiben seines Buches inspiriert haben.

Caleb Azumah Nelson ist ein Britisch-Ghanaischer Autor und Fotograf. Er lebt in London und gewann unter anderem den „People’s Choice Prize“. Open Water ist sein Debütroman.

Foto: © Stuart Simpson, Penguin Books

Eine Rezension von Lea Terlau
Titelbild von Lea Terlau

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: