Wie lange noch?

Ein Jahr ist seit den großen BLM-Demos vergangen. Doch der strukturelle Rassismus ist immer noch fest in der Gesellschaft verankert, während oft nur symbolische Gesten gegen ihn ausgeführt werden.

Content Note: In diesem Text werden Gewalt und Mord im Kontext von Rassismus thematisiert.

[…] You always told me ‚It takes time‘. It’s taken my father’s time, my mother’s time, my uncle’s time, my brothers’ and my sisters’ time. How much time do you want for your progress?”

– James Baldwin, US-amerikanischer Schriftsteller

39 Jahre ist es her, dass sich die 25-jährige türkische Arbeitsmigrantin und Schriftstellerin Semra Ertan öffentlich selbst anzündete – aus Protest gegen den vorherrschenden Rassismus. 16 Jahre ist es her, dass der 36-jährige Oury Jalloh unter immer noch nicht abschließend juristisch geklärten Umständen in einer Dessauer Polizeizelle verbrannte. Ein Jahr ist es her, dass der 46-jährige Afroamerikaner George Floyd ums Leben kam. Ebenso wie die 26-jährige Afroamerikanerin Breonna Taylor, die bei einem Schusswechsel zwischen der Polizei und ihrem Partner von einem Beamten erschossen wurde.

Dies sind ausgewählte Beispiele, von denen unzählige andere vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen bleiben. Die Tode George Floyds, Breonna Taylors, Oury Jallohs, Semra Ertans, zuletzt Qosay K.s und vieler anderer waren für ihre Familien und Angehörigen zwar Schicksalsschläge, aber kein Schicksal, wie es so manches Medium gerne suggeriert. Diese Bezeichnung verkennt, dass Vorfälle wie diese einer jahrhundertealten (menschengemachten) rassistischen Denktradition folgen, und bei weitem nicht durch „höhere Mächte” bestimmt werden. Denn dadurch wird der naive Irrglaube gefestigt, es handele sich hierbei lediglich um Einzelfälle, und somit verhindert, dass Rassismus endlich als strukturelles, gesamtgesellschaftliches Problem anerkannt wird. Das ist nämlich der Kern der ganzen Sache, wie antirassistische Aktivist:innen immer wieder betonen.

So schreibt die Kommunikationssoziologin Natasha A. Kelly in ihrem kürzlich erschienenen Buch „Rassismus. Strukturelle Probleme brauchen strukturelle Lösungen“ (Leseempfehlung!): „[Es ist] wichtig, sich über eine allgemeingültige Definition von Rassismus zu verständigen, die davon ausgeht, dass Rassismus strukturell ist und sich in alle Ebenen der Gesellschaft eingeschrieben hat. Erst dann können wir lösungsorientierte Maßnahmen dagegen entwickeln, die Erfolg versprechen und nicht nur symbolisch sind.“

Zurzeit spielt sich allerdings leider noch recht viel auf der symbolischen Ebene ab. Zwar werden Debatten geführt und Maßnahmen diskutiert – und manchmal tatsächlich auch ergriffen. Allerdings fehlt weißen Personen (des öffentlichen Lebens) dabei oft schlichtweg der Durchblick – und das Verantwortungsbewusstsein.

Fakt ist nämlich, dass nach wie vor hauptsächlich weiße Personen in wirtschaftlichen und politischen Machtpositionen sitzen und somit die öffentliche Debatte lenken. Und da dabei immer wieder dieselben Fehler gemacht werden, geht der Wandel zu einer anti-rassistischen Gesellschaft nur schleppend voran. Woran das Streichen des „Rasse“-Begriffs aus dem Grundgesetz im Übrigen nichts ändern würde, wie Kelly nachvollziehbar argumentiert: „Es ist […] entscheidend, dass der Rassebegriff nicht ersetzt wird, sondern dass seine Bedeutungsgeschichte als Angelpunkt der notwendigen gesellschaftlichen Veränderung stehen bleibt, damit seine soziale Dimension im Kampf gegen Rassismus anerkannt […] wird.“ Die zentrale politische Aufgabe müsse sein, die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung von Race als sozialer Kategorie zu lenken und nicht auf die biologische Lesart von „Rasse“. Aber was heißt das eigentlich konkret?

Um einen zentralen Aspekt herauszugreifen: in erster Linie Repräsentation, Sichtbarmachung. Und zwar nicht nach dem Motto: Rassismus ist out, Diversität in – damit wären wir wieder beim Symbolcharakter angelangt. Sondern im weitesten Sinne durch institutionelle Reformen und (historische) Aufklärungsarbeit, um das Problem sozusagen an der Wurzel zu packen. Schüler:innen muss heutzutage mehr beigebracht werden als das Zitat Bernhard von Bülows, Deutschland verlange auch seinen „Platz an der Sonne“ (das geflügelte Wort deutscher Kolonialpolitik schlechthin) und die Tatsache, dass Schwarze Menschen und PoCs allein in der Vergangenheit massiv unterdrückt wurden.

Dass die Bundesregierung erst jetzt, über 100 Jahre später, die Verbrechen an den Herero und Nama in der ehemaligen Kolonie Namibia als Völkermord anerkannt hat, zeigt, dass Deutschland in der Vermittlung postkolonialen Wissens ziemlich hinterherhinkt. Kelly verweist in ihrem Buch darauf, dass der Kolonialismus geschichtlich gesehen zwar vorbei ist, seine Ideologie allerdings noch weiter fortwirkt: „Die rassistischen Ideen des Kolonialismus beeinflussen bis in die Gegenwart hinein Körperbilder, Wissen und Wissensproduktion sowie die Machtstrukturen unserer Gesellschaft. So bestimmt die andauernde Kolonialität etwa noch immer das Verständnis dessen, wer […] ,deutsch‘ ist.“ Und nicht nur das: Auch Wirtschaft und Kultur sind stark durch den Kolonialismus beeinflusst, beispielsweise dadurch, dass die Herkunft aus Kolonialzeiten stammender historischer Objekte in Museen wie dem Berliner Humboldt-Forum oftmals nicht gekennzeichnet oder gar nicht erst bekannt ist. Das sollte Schüler:innen beigebracht werden, denn nur daraus lassen sich – basierend auf den Ereignissen der Vergangenheit – Schlüsse für die Gegenwart und Zukunft ziehen.

Gleichzeitig muss verhindert werden, dass Schwarze Geschichte ausschließlich aus der Perspektive weißer Wissenschaftler:innen beleuchtet wird. Genau deshalb ist es so wichtig, Black Studies – und im Zusammenhang damit auch dem Konzept der „Critical Whiteness“ – in der deutschen Lehre und Forschung endlich einen Platz einzuräumen und Schwarzen Wissenschaftler:innen den gebührenden Respekt zu zollen (die USA sind in der Hinsicht schon ein ganzes Stück weiter, auch wenn man es kaum glauben mag).

Denn letztlich geht es darum, die reproduzierten Unsichtbarkeiten sichtbar zu machen, wobei soziale Bewegungen wie „Black Lives Matter“ eine sehr wichtige Rolle spielen, wie Vanessa E. Thompson im .divers-Interview sagte. Auch wenn die Kämpfe bereits Jahrhunderte andauern, müssen sie weitergehen – und hier sind vor allem wir als Gesellschaft gefragt. Um so den Bedeutungswandel von biologischer „Rasse“ hin zu sozialer Race (den sogenannten Racial Turn) weiter voranzutreiben. Im Großen wie im Kleinen.

Oder wie Aminata Touré es in ihrer Begrüßungsrede des diesjährigen taz labs ausdrückte: „James Baldwin beschreibt zu Recht, wie sehr der Rassismus die Zeit so vieler Generationen gekostet hat. Die Verantwortung, die daraus wächst, ist, dass wir die Aufgabe haben, nicht noch mehr Generationen daran arbeiten zu lassen, dass es Gleichberechtigung gibt. Sondern, dass jetzt und nicht morgen ein verdammt guter Zeitpunkt ist, dafür zu streiten.“

Ein Artikel von Lena Toschke
Titelbild: Unsplash by Kalea Morgan

Zurzeit studiert Lena Medizin in Münster, ihre Leidenschaft gilt jedoch vor allem dem Schreiben. Sie liebt Poetry Slams und beschäftigt sich viel mit Philosophie und feministischer Literatur.

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