Warum trans* und nicht-binäre Menschen kein „Vorher“-Bild sind

Ich habe das Gefühl, dass viele cis Menschen im Umgang mit trans* und nicht-binären Personen verunsichert sind – immerhin haben viele noch nie persönlich mit uns zu tun gehabt und bisher nur über uns gelesen, oder vielleicht ist ihnen auch gar nicht bewusst, dass es uns in jeder Alltagssituation gibt und was trans* eigentlich genau bedeutet. Ziemlich oft habe ich erlebt, dass die erste Reaktion von cis Menschen auf mich war, mir zu sagen, dass sie mir nie angesehen hätten, dass ich trans* bin. In diesem Artikel beschäftige ich mich damit, warum das nicht unbedingt ein Kompliment ist. 

„Du siehst gar nicht trans* aus“, wurde mir von einer Person gesagt, die ich gedatet habe.

„Man sieht ihm gar nicht an, dass er im Körper einer Frau geboren wurde – Respekt“, steht als Kommentar unter einem YouTube-Video, in dem ich zu sehen bin.

„Dein Passing als Mann ist richtig gut!“, hat mir bei einem Treffen für queere Studierende ein schwuler cis Mann gesagt, weil er mir ein Kompliment machen wollte.
Bevor ich mein damals einstudiertes „Danke“ antworten konnte, mischte sich eine cis Frau ein, die mit am Tisch saß: „Woher weißt du das? Sein Passing ist in deinen Augen gut, weil du eine bestimmte Vorstellung davon hast, wie er aussehen sollte und er diese Vorstellung erfüllt. Vielleicht ist er mit seinem ‚Passing‘ nicht zufrieden und du gehst einfach davon aus, weil du ihn durch bestimmte Faktoren männlich liest? Vielleicht will er gar nicht als Mann gelesen werden und deine Aussage verletzt ihn?“

In diesem Moment begriff ich: Wir müssen über Passing sprechen und aufhören, uns an cisnormativen Standards zu orientieren, wenn wir das Aussehen anderer Menschen kommentieren.

Aber ganz von vorn: Was ist denn eigentlich dieses „Passing“, um das es hier geht? Und warum ist es problematisch, wenn vermeintlich „gutes Passing“ als Kompliment verwendet wird?
„Passing“ ist ein englisches Wort und kommt von „to pass for somebody/something“, was so viel bedeutet wie „als/für jemensch/etwas durchgehen/gelten/gehalten werden“. Im Zusammenhang mit insbesondere binären trans* Personen wird der Begriff häufig verwendet, um deren Aussehen zu kommentieren und zu bewerten. „Dein Passing ist richtig gut!“ soll also grob übersetzt sowas bedeuten wie: „Du wirkst wie ein Mann/eine Frau!“ Mit Hinblick auf die eben beschriebene Wortbedeutung könnte der Ausspruch aber auch übersetzt werden als: „Du gehst als Mann/Frau durch“, „Du giltst aufgrund bestimmter Merkmale als männlich/weiblich“ oder „Ich halte dich aufgrund bestimmter Merkmale für männlich/weiblich“. Diese beschriebenen Merkmale beschränken sich nicht nur auf das Aussehen einer Person, sondern können sich zusätzlich auch auf bestimmte Verhaltensweisen, Kleidungsstile und Lebensarten beziehen.

Bei dieser Definition fällt auf, dass ein problematisch binäres Bild erzeugt wird. Trans* Personen werden durch verschiedene Attribute, die „männlich“ oder „weiblich“ wirken, in die Schubladen „Mann“ und „Frau“ gesteckt, und nicht aufgrund ihrer Geschlechtsidentität. Trans* Männer und trans* Frauen sind aber keine Personen, die durch bestimmte Attribute als Männer bzw. Frauen gelten oder durchgehen wollen. Trans* Männer sind Männer. Trans* Frauen sind Frauen. Einem cis Mann würde mensch nicht ein Kompliment machen wie: „Toll, du gehst echt als Mann durch!“ Einer cis Frau würde mensch nicht in einem vermeintlich positiven Sinne sagen: „Heute halte ich dich für besonders weiblich.“ Cis Menschen müssen keine scheinbar festgelegten Merkmale erfüllen, um als männlich bzw. weiblich (an-)erkannt zu werden. Warum das bei trans* Personen anders ist, sollten wir gesamtgesellschaftlich dringend hinterfragen. Wir müssen damit aufhören, trans* Menschen wie Sonderfälle zu behandeln, deren Geschlecht bestätigt werden muss, ohne es tatsächlich und gleichgestellt anzuerkennen.

Für gewöhnlich meinen Menschen eine Aussage wie „Dein Passing ist richtig gut“ als Kompliment. Sie wollen vielleicht eine binäre trans* Person darin bestärken, dass ihr medizinischer Transitionsprozess „richtig viel bringt“ und „tolle Ergebnisse aufweist“. Oder sie wollen einer Person vermitteln, dass sie „cis aussieht“ was in den Augen vieler wohl gut und erstrebenswert ist. Vielleicht wollen sie auch einer trans* Person ganz einfach ein Kompliment für ihre Geschlechtspräsentation machen. Was dabei aber mitschwingt sind Überzeugungen wie: Es ist erstrebenswert und wichtig, einem bestimmten cisnormativen Geschlechterbild zu entsprechen. Es ist außerdem erstrebenswert und wichtig, einen medizinischen Transitionsprozess durchzuführen, denn nur so kann eine trans* Person aussehen wie ein Mann oder eine Frau. Das heißt auch, dass laut dieser Annahme alle trans* Personen einen medizinischen Transitionsprozess anstreben, was nicht der Fall ist. Weiterhin wird suggeriert, dass die Meinung von cis Personen über die Körper und das Aussehen von trans* Personen relevant sei. Diese Meinung wird außerdem in ein vermeintliches Kompliment verpackt, für das sich dann bedankt werden muss, wenn die jeweilige trans* Person gerade nicht die Kapazitäten hat, um eine Diskussion zu beginnen.

Problematisch ist daran vor allem die Grundannahme, dass trans* Personen auf eine bestimmte Weise auszusehen haben oder zumindest daran arbeiten, ihr Aussehen dahingehend zu optimieren. Dieses Zielaussehen lässt sich vielleicht beschreiben als „möglichst cis“ – also einem cisnormativen Bild von Geschlecht angepasst. Es wird davon ausgegangen, dass beispielsweise trans* Männer einem klassischen, cissexistischen Bild von Männlichkeit entsprechen (wollen) und trans* Frauen einem solchen Bild von Weiblichkeit. Nicht-binäre Personen existieren in dieser Gleichung nicht – oder nur insofern, als dass von ihnen erwartet wird, die stereotypen Geschlechterbilder nicht-binärer Personen zu erfüllen: weiß, nicht behindert oder neurodivers, dünn, jung, androgyn, und noch einige weitere der Dominanzkultur entsprechende Zuschreibungen gehören zu diesem Stereotyp.

Es ist jetzt an der Zeit, auch trans* und nicht-binäre Menschen in diese Kämpfe zu integrieren und laut und deutlich zu sagen: Keine trans* Person sieht so aus wie die andere und auch nicht-binäre Personen gleichen sich untereinander nicht.

Aber wie genau sieht eine Frau denn eigentlich aus? Und wie ein Mann? Was genau beinhaltet dieses Bild, das trans* Personen vermeintlich anstreben (sollten)?
In den letzten Jahren und Jahrzehnten bemühten sich verschiedene Gruppierungen und Einzelpersonen darum, Geschlechterbilder aufzubrechen. Es wird sich dafür eingesetzt, Körperbehaarung bei cis Frauen zu normalisieren und cis Männer, die Nagellack und Kleider tragen, werden beinahe glorifiziert. Wenn allerdings eine trans* Frau sich nicht die Beine oder Achseln rasiert, womöglich sogar Bartwuchs hat oder ein trans* Mann kleiner als 1,60m ist und keine tiefe Stimme hat, scheint sich in vielen Köpfen eine Grenze aufzutun. Geht es um trans* und nicht-binäre Personen, so werden verschiedenste Merkmale plötzlich anders bewertet, als bei cis Menschen: Während cis Frauen mit tiefen Stimmen vielleicht große Gesangskarrieren vorausgesagt werden, so wird trans* Frauen von der Gesellschaft empfohlen, möglichst schnell eine logopädische Praxis aufzusuchen, um an ihren Stimmen zu arbeiten. 

Die Wahrheit ist: Es gibt keine bestimmte Art, trans* oder nicht-binär auszusehen. Dass cis Frauen sich untereinander genauso wenig gleichen wie auch ein cis Mann dem anderen nicht gleicht und dennoch alle wertvoll und schön sind, ist offenbar bei vielen Menschen mittlerweile angekommen. Es ist jetzt an der Zeit, auch trans* und nicht-binäre Menschen in diese Kämpfe zu integrieren und laut und deutlich zu sagen: Keine trans* Person sieht so aus wie die andere und auch nicht-binäre Personen gleichen sich untereinander nicht. Es gibt kein Idealbild, das angestrebt wird oder werden sollte. Unsere Leben werden nicht davon bestimmt, möglichst cis aussehen zu wollen – denn cis Menschen entsprechen, obwohl sie die Mehrheitsgesellschaft abbilden, nicht einem Schönheitsideal, das alle trans* und nicht-binären Menschen um jeden Preis erreichen wollen. 

Wichtig zu verstehen ist: Trans* Menschen sind kein „Vorher“-Bild, wie wir es zum Beispiel von „Diät-Werbungen“ kennen

Was können und müssen wir als Gesellschaft also tun, um an diesen Problematiken zu arbeiten? Und was kann jede*r individuell tun?

Um sichere Räume und letztendlich eine sichere Gesellschaft für trans* und nicht-binäre Menschen zu schaffen, müssen wir alle aktiv daran arbeiten, internalisierte cissexistische und cisnormative Geschlechterbilder zu vergessen und neu zu lernen. Körperliche Merkmale sind keinem Geschlecht zuweisbar – ein Bart ist kein rein männliches Attribut, auch Frauen und nicht-binäre Menschen können Bärte tragen (wollen). Stimmlagen zeigen genauso wenig das Geschlecht einer Person an, wie Kleidung oder Frisuren das tun. Das gilt für alle Charakteristika eines Körpers, denn: Während mein Bart an mir ein nicht-binäres Attribut ist, weil ich eine nicht-binäre Person bin, handelt es sich hierbei bei meinen bärtigen, cis männlichen Freunden um ein männliches Attribut. 

Jede Person sollte selbstbestimmt den eigenen Körper so gestalten dürfen, dass diese Person sich mit dem Körper gut fühlt – die Geschlechtlichkeit lässt sich davon allerdings in keinem Fall ableiten, da körperlichen Merkmalen kein Geschlecht zugewiesen werden kann und sollte.

Wichtig zu verstehen ist: Trans* Menschen sind kein „Vorher“-Bild, wie wir es zum Beispiel von „Diät-Werbungen“ kennen, gegen die sich unter anderem viele Linke und Feminist*innen aussprechen. Wir sind kein Schatten unserer Selbst, keine schlechtere Version, bis wir es dann endlich schaffen, ein normativ schönes und akzeptiertes Bild zu erreichen, das die Gesellschaft von uns und unseren Körpern hat. Wir sind nicht unfertig, falsch oder kaputt – doch genau das wird suggeriert, wenn Menschen annehmen, dass es unproblematisch sei, uns zu sagen: „Man sieht dir gar nicht an, dass du trans* bist.“ 

Unsere Körper sind schön. Und genauso wenig wie eine cis Person möchte, dass wir ihr Geschlecht aufgrund ihres Aussehens bewerten und kommentieren, ist es auch für uns kein Kompliment, wenn das passiert.

Ein Artikel von Casjen Griesel

Foto von cottonbro von Pexels

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