Für ein gesundes Ego – Keboo im Interview

Keboo ist Musikerin aus Berlin und möchte in ihren Songs ungemütliche Themen ansprechen. In ihrer ersten Solo-Single „Solero“ kombiniert sie Konfrontation mit lässigem Sound. Darin erzählt sie von fehlgeschlagener Kommunikation und Kontakten ohne echte Verbindungen. Im Interview mit .divers erklärt die Sängerin, warum wir uns nicht mehr gegenseitig zuhören, wie sie unerwünschten Gesprächen aus dem Weg geht und nicht immer als Abladefläche herhalten will und warum ein gesundes Ego manchmal in Ordnung ist.

.divers: Du hattest durch dein Studium einen erstmal ‚klassischen‘ Einstieg in die Musik?

Keboo: Alles begann schon lang vor meinem Studium. Singen tu ich schon immer, ich glaube ich wollte schon seitdem ich fünf bin Sängerin werden. Und ich hatte das Glück, dass ich Menschen in meinem Umfeld hatte, die früh erkannt haben, dass ich da Talent habe. Ich war früher ein sehr schüchternes Mädchen, gerade als ich noch sehr klein war und das hat dann für viele nicht immer so zusammengepasst, dieser Traum der Sängerin, die automatisch im Mittelpunkt stehen muss, es aber gar nicht so genossen hat. Deswegen war es ein langer Weg hierher für mich. Mit zehn bin ich auf ein musikbetontes Gymnasium gegangen, da habe ich dann das erste Mal Gesangsunterricht gehabt. Mir wurde bewusst, dass ich da besonders gut drin bin und das studieren möchte und so kam ich zum Jazz-Gesang. In meinem vierjährigen Studium bin ich so richtig in diese Jazzwelt eingetaucht. Ich habe mich zwei Jahre intensiv damit beschäftigt. Jetzt ist es ein bisschen weniger geworden, weil dann irgendwann, ab einem gewissen Punkt immer mehr dieser Drang entstand, meinen eigenen Sound zu kreieren.

.divers: Wie war der Weg zu deinem eigenen Sound?

Keboo: Ich habe vorrangig aus englischsprachiger Musik geschöpft, was vor allem mit Jazz einher ging. Durch meinen Freundeskreis habe ich parallel dazu sehr viel Hip Hop gehört, unter anderem deutschsprachigen. Dann habe ich schnell gemerkt, dass mir die Richtung in den Soul gut gefällt. Es gibt viele Künstler*innen die da jetzt hervorgekommen sind, die genau den Sound schaffen, den ich als Vision hatte. Das orientiert sich auch an Pionier*innen wie Erykah Badu oder D‘Angelo, die diesen Soul und Hip-Hop mit Jazz-Einflüssen kombiniert haben. Für mich stand fest, dass ich das gerne verbinden möchte, da es zwei große Leidenschaften von mir sind. Reine Hip Hop-Künstlerin zu werden war für mich nie eine Option. Rein Jazz war mir auch nie genug, und dann dachte ich, wenn ich das kombiniere und noch dazu singe, ist das ja eigentlich Soul. Dazu kam dann noch die deutsche Sprache und das ist es eigentlich.

Keboo im 100$-Bill-Anzug sitzend und in die Kamera schauend.

Ich bin davon überzeugt, dass man einen Weg finden kann, gesund egoistisch zu sein.

– Keboo, Musikerin


.divers: In deiner Single sprichst du die Oberflächlichkeit der Gesellschaft an? Warum glaubst du hören wir uns nicht mehr zu? Ist es für dich ein Symptom unserer Generation?

Keboo: Ich glaube nicht, dass die Menschen sich grundlegend verändert haben, sondern dass es schon immer ein Problem war. Aber ich denke, dass dieses Problem aktuell noch extremer wird. Wir sind von klein auf mit extrem viel Druck aufgewachsen, mit dem Wissen, wenn man eine Familie hat, kann die einen manchmal auffangen, aber im Grunde muss man die ganze Zeit die Ellenbogen rausfahren, um da draußen bestehen zu können. Davon wird diese Ego-Schiene befeuert, was aber für mich nicht unbedingt etwas Verwerfliches ist. Egoistisch zu sein ist trotz allem wichtig, damit man nicht untergeht. Ich bin davon überzeugt, dass man einen Weg finden kann, gesund egoistisch zu sein. Über die ständige negative Konnotation von Ego mache ich mich ja auch lustig in Solero. Schwierig wird es dann, wenn man das Gefühl hat man trifft sich nicht mehr richtig, man hört sich nicht mehr zu. Es geht die ganze Zeit nur um Output, Output, Output und so eine Situation hatte ich häufig, in der ich dachte „ey warum reden wir hier eigentlich?“. Das ist Zeitverschwendung und vor allem Energieverschwendung für mich und das ist das, was ich mit dem Song am Ende sagen will: Wenn dir sowas passiert, dann lass es dir nicht so viel Energie ziehen! Das ist vielleicht auch was, was ich mir selber damit sagen will. Im Outro sag ich „es ist auch nicht so schlimm jetzt“, es war zwar eine nervige Begegnung und wir haben beide gemerkt, das hat nicht gefunkt, aber mein Gott scheiß drauf, weiter geht‘s.

.divers: Die Ursprungsidee stammt aus deiner Stammkneipe in Leipzig?

Keboo: Der allererste Satz, den ich im Kopf hatte, war „nimm doch noch ein Schluck von deinem Ego“. Das war die erste Idee. Darauf aufbauend habe ich überlegt und rumprobiert. Ich hatte diese Stammkneipe in der ich sehr viel Zeit und Geld (lacht) gelassen habe. Da habe ich viele solcher Gespräche geführt, auf die ich im Nachhinein verzichten könnte (lacht). Ich glaube ich habe nach einem eingängigen Satz gesucht und dann hatte ich diese Assoziation: Was kann ich machen, wenn mich jemand volllabert, um zu kompensieren, dass es gerade total anstrengend für mich ist? Dann war das erstmal ganz plakativ nach dem Motto, ich kipp mir jetzt einfach einen rein, weil ich in der Situation zu höflich bin, um eine Grenze zu setzen und zu sagen: „das gibt mir hier nichts“. Darum geht’s mir in dem Song, dass man so erzogen worden ist, Menschen immer höflich und mit Respekt zu behandeln. Und deshalb schafft man es manchmal nicht, Grenzen für sich selbst zu setzen, bei so alltäglichen Situationen, in denen man sich denkt: „wie komme ich denn jetzt aus dieser Situation heraus? Ich habe ja schon nach zehn Minuten gemerkt, dass das hier nichts wird“.

.divers: Smalltalk kommt mir manchmal vor wie ’ne Sportart, manchmal klappt es mehr, manchmal weniger und dann kann es richtig anstrengend werden. Sowas kann im Partykontext auch Spaß machen. Wo ziehst du deine Grenzen? Hast du für dich beschlossen, leere Gespräche zu verlassen wenn »nichts mehr dabei rum kommt«?

Keboo: Ich habe noch nie jemandem gesagt „boah das ist mir hier zu doof, ich gehe“. In den meisten Fällen bleibe ich freundlich. Ich weiß nicht, manchmal denke ich dann es hat offensichtlich nichts mit mir zu tun, die Person meint es nicht böse. Eigentlich tut es mir dann eher leid, wenn es jemand gar nicht rafft, dann zeugt es nur von Unsicherheit, wenn jemand die ganze Zeit diesen Drang hat allen zu sagen, wie toll man ist. Was ich auch gelernt habe, ist diesen Output nicht knallhart in mir aufzunehmen, sondern einfach dagegen zu gehen. Weitererzählen, weiter versuchen ein Dialog daraus zu machen und das nicht immer alles in sich rein zu fressen, weil das nervt! Es ist auch voll Tagesform abhängig davon, wie es mir selber geht. Manchmal kann ich das gut wegstecken und manchmal nicht so.

Keboo aufrecht stehend und seitlich in die Kamera schauend.

Auch innerhalb einer Band, hatte ich das Gefühl, ich muss alles doppelt und dreifach sagen oder ich muss besonders höflich sein, sonst bin ich die Zicke

– Keboo, Musikerin


.divers: Wann fühlst du dich als wäre deine Stimme nicht gehört?

Keboo: Im Studium hatte ich sowas viel. Da hatte es viel damit zu tun, dass ich eine junge Frau war. Das ist jetzt ein großes Thema, aber dadurch, dass alles so von Männern dominiert ist, gab es viele Situationen, in denen ich das Gefühl hatte, dass ich nicht richtig gehört werde. Und als Sängerin gabs’ nochmal extra. In meinem Studium gab es diese Instrumental-Ecke, also vorrangig Männer und es gab die Sänger*innen, vorrangig Frauen und durch diese doppelte Trennung, habe ich das dann doppelt abbekommen und das hat immer extrem genervt. Auch innerhalb einer Band, hatte ich das Gefühl, ich muss alles doppelt und dreifach sagen oder ich muss besonders höflich sein, sonst bin ich die Zicke.
Was ich auch als nicht Zuhören empfinde ist, wenn jemand etwas klein redet. Ich erzähle etwas und dann heißt es „ja bei mir ist das ja immer so und so und deins ist ja gar nicht so schlimm, weil, ich habe ja das und das erlebt“. Da kriege ich die Krise!

.divers: Gibt es bestimmte Themen, die du in deiner Musik zukünftig verarbeiten möchtest?

Keboo: Auf jeden Fall, ja. Ich möchte noch nicht darüber reden, aber ich habe viele Thematiken, über die ich singen möchte. Aber ich weiß noch nicht genau wann. Es gibt bestimmte Themen, die ich schon länger mit mir rumtrage, aber es kam noch nicht der richtige Zeitpunkt das rauszuhauen. Es wird auch der ein oder andere Liebessong dabei sein. Da kommt man auch nicht drum herum irgendwie, trotz allem bin ich auch bisschen stolz, dass das nicht mein erster Song war (lacht). Grob gefasst werde ich mich weiter mit Frau-Sein beschäftigen. Auch mit psychischer Gesundheit, als Thema, das viele Leute beschäftigt und zu dem ich selber was zu erzählen habe. Als Person of Colour ist Rassismus natürlich auch Thema, aber da bin ich mir unsicher. Das ist für mich ein sehr großes Thema, über das ich nicht direkt singen muss und mir keinen Druck machen will. Mir ist wichtig, dass ich diese ernsten Themen anspreche, sie aber mit einer Leichtigkeit rüberbringen kann. Das ist ein Anspruch, den ich habe und den ich mit Solero erfüllen konnte. Das wird nicht immer gelingen, das ist auch voll ok, weil bestimmte Thematiken auch nicht lustig sein sollen. Aber das war mir noch wichtig zu erwähnen.

Keboo in der Hocke und mit Blick in die Kamera. Mit der rechten Hand stützt sie ihren Kopf.

Sie wirkt nicht drüber, sondern hat so ein geiles gesundes Ego. Ich guck’ sie an und bekomme direkt gute Laune.

– Keboo, Musikerin


.divers: Gibt es ein*e Künstler*in mit der du dir wünschen würdest etwas gemeinsam aufzunehmen?

Keboo: Oh auf jeden Fall! Ich finde es schwer mich zu entscheiden. Es würde mich sehr reizen, weil ich das Gefühl habe, viel von ihr lernen zu können, etwas mit Lianne La Havas zu machen. Das ist eine Sängerin, die Soul/Pop und Singer/Songwriter Musik macht. Sie hat eine wunderschöne Stimme und ich finde sie technisch unfassbar. Sie ist total schön und sympathisch und wirkt immer unheimlich professionell und souverän. Für mich ist das total inspirierend, weil sie für mich ein gutes Beispiel ist, das es geht, dass ein Gesamtpaket möglich ist (lacht). Sie wirkt eben nicht arrogant, sie wirkt nicht drüber, sondern hat so ein geiles gesundes Ego. Ich guck’ sie an und bekomme direkt gute Laune. So ein Austausch zu haben wäre für mich voll interessant, wobei stimmlich würde sie mich vielleicht ein bisschen verunsichern (lacht). Ansonsten könnte ich super viele aufzählen. Im deutschen Sprachraum fände ich Peter Fox cool. Von ihm könnte ich bestimmt auch sehr viel lernen.

.divers: Eine ganz wichtige Frage zum Schluss: Was ist die Erklärung für dein Vers »am Ende kommt‘s mir vor, wie ein Film, in dem der Ron zum Harry sagt…«

Keboo: (lacht) Dazu habe ich eine gute Anekdote: Der Song ist im ersten Lockdown entstanden und da haben wir alle Harry Potter Teile geguckt. Da gibt es diese Stelle, in der Ron heftig ausrastet und das habe ich richtig gefühlt in dem Moment. Ich glaube das ist etwas, was sich in ihm lange aufgestaut hatte, so „man, ja du mit deinem Heldenkomplex, so klar bist du der Auserwählte, aber es geht trotzdem nicht die ganze Zeit um dich!“. Es ist schon super anstrengend als Held*in, geboren mit diesem Laster und niemand möchte mit diesen Menschen tauschen, aber gleichzeitig prägt das ihre Charaktere. Sie müssen die ganze Zeit daran denken, dass sie in jedem Moment nicht sterben, sodass sie nicht mehr an andere denken können. Das habe ich dann mit eingebaut, weil ich es in dem Moment als passend empfunden habe. Ich habe dann gedacht, Harry ist zwar gar kein Arschloch, aber für mich hat es trotzdem total gepasst.


Ein Interview von Nastasja Kowalewski

Fotos mit freundlicher Genehmigung von
Johanna Maria Fritz und Amelie Kahn-Ackermann (Titelfoto und Foto Nr. 4)
Meklit Fekadu (Foto Nr. 2 & 3)


Nastasja studiert im letzten Semester M. A. Global British Studies in Leipzig. In ihrer freien Zeit widmet sie sich ihrem Podcast, dem Schreiben und dem Fuß fassen im Journalismus. Ihre Hauptthematik dabei: Feminismus und Popkultur.

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