„Ich verstehe mich als Aktivist im Parlament“

Mizgin Ciftci ist erst 29 Jahre alt – und kandidiert 2021 für den Bundestag. Wie es dazu kam, was seine Herkunft damit zu tun hat und was er sich für die Zukunft wünscht, erfahrt ihr im .divers Interview.

Du bist ja noch ziemlich jung für einen Bundestagskandidaten – Kannst du deine Jugend und deinen politischen Werdegang beschreiben?

Ich bin mit vier Geschwistern in einer Sozialbausiedlung aufgewachsen, in sehr einfachen Verhältnissen. Man könnte auch sagen, dass ich in Kinder- und Jugendarmut aufgewachsen bin. Mein Vater hat in der Gastronomie gearbeitet, meine Mutter war Reinigungskraft. Ich hatte das Glück, dass ich Lehrer*innen hatte, die mich gefördert haben, und so war ich ab der 7. Klasse auf dem Gymnasium. Dort war ich von allen Schülern der einzige „Schwarzkopf“. Das hat mich sehr geprägt, ich habe gemerkt, dass ich ein Außenseiter bin, was meine Herkunft angeht: Als Mensch mit Migrationshintergrund, als Mensch aus einfachen sozialen Verhältnissen, als Arbeiterkind. Mit 15, 16 Jahren habe ich mich dann zunehmend mit politischen Fragen auseinandergesetzt, war Schülersprecher. Mit 19 bin ich dann in die Partei Die Linke eingetreten. Das hat auch damit zu tun, dass es in meiner Kleinstadt Osterholz-Scharmbeck nicht so viele linke politische Angebote gab, die Linke war eigentlich das einzige Angebot. Ich habe dann aber nicht nur Partei- und Kommunalpolitik gemacht, sondern auch ganz viel in der migrantischen Selbstorganisierung, in der kurdischen und jesidischen Community, gegen den Krieg in Kurdistan. Auch in der Hochschulpolitik und in der Gewerkschaftsarbeit war ich engagiert. 2016 bin ich dann Kommunalpolitiker geworden und 2021 haben mich dann viele Genossen gefragt, ob ich mir nicht vorstellen könnte, für den Bundestag zu kandidieren.

Wie krass, dass du mit 15, 16 schon so politisch aktiv warst! Wie stehst du denn dann dazu, dass man erst ab 18 wählen darf?

Das halte ich für absolut falsch. Bei Kommunal- und Landtagswahlen darf man ja schon mit 16 wählen. Ich bin dafür, das Wahlrecht für den Bundestag ab 16 einzuführen. Ich bin auch dafür, dass das Wahlrecht sich am Lebensmittelpunkt orientiert. Es gibt in Deutschland 10 Millionen Menschen, die hier leben, arbeiten, Steuern zahlen, hier ihr Zuhause haben, die aber nicht mitentscheiden dürfen. Das finde ich zutiefst undemokratisch.

Viele meinen ja: entweder Parlamentarismus oder Aktivismus auf der Straße – wie stehst du dazu? Hast du dich mit der Bundestagskandidatur für den Parlamentarismus entschieden?

Nein, ich würde sagen, ich verstehe mich als Aktivist im Parlament und als parlamentarische Stimme der sozialen und gewerkschaftlichen Kämpfe. Der bürgerliche Parlamentarismus hat auf jeden Fall seine Gefahren – man muss aufpassen, dass man vom Parlamentarismus nicht aufgesogen und korrumpiert wird. Aber ich bin auch davon überzeugt, dass nur soziale Bewegung, nur Aktivismus auch nicht funktioniert, das muss Hand in Hand gehen. Das sehe ich so wie Rosa Luxemburg, die gesagt hat: „Das bürgerliche Parlament als Bühne, als Sprachrohr nutzen für die Kämpfe, die draußen stattfinden.“ Ich möchte eine Stimme sein für die Arbeitskämpfe in diesem Land, für die Millionen Beschäftigten, die zu einem Armutslohn arbeiten: Das sind vor allem Frauen und Migrant*innen. Für die kurdische Bewegung, für die antirassistische und antifaschistische Bewegung. Ich möchte das aber auch nur eine begrenzte Zeit machen, maximal drei Legislaturperioden. Als Selbstschutz, um mich vom Parlament nicht korrumpieren zu lassen.

Ist das eine Anspielung auf jemanden?

Naja, also z.B. bei den Grünen gibt es viele, die revolutionär gestartet sind. Joschka Fischer war Teil der 68er Bewegung, hat auf der Straße gegen den Vietnam Krieg gekämpft – und war später der Außenminister, der den ersten Einsatz der Bundesrepublik Deutschland nach dem 2. Weltkrieg beschlossen hat. So möchte ich wirklich nicht enden.

In deiner Identität verbinden sich ja viele Aspekte, die du auch schon angesprochen hast: Rassismus, Klasse, Intersektionalität. Würdest du auch sagen, du bist Feminist? Du hast im taz-Interview den eurozentristischen Feminismus kritisiert, kannst du das nochmal genauer ausführen?

Ich verstehe mich als Feminist, oder ich drücke es so aus: Ich bin solidarisch mit feministischen Kämpfen. Ich möchte aber einen internationalistischen Feminismus unterstützen, der alle Kämpfe in sich vereint. Das heißt aber nicht, dass ich frei bin von patriarchalen Denk- und Verhaltensweisen, so wie jeder cis-Mann, der im Patriarchat aufgewachsen ist. Das ist ein ständiger Reflexionsprozess, um Verhaltensmuster abzulegen. Deswegen sage ich auch immer, auch cis-Männner profitieren vom Feminismus, weil auch wir anfangen, unsere Geschlechterrollen und Verhaltensweisen zu reflektieren. Ich denke auch, dass jeder Linke sich als Feminist verstehen sollte und feministische Kämpfe unterstützen sollte, denn links sein heißt für mich, für alle unterdrückten Menschen überall auf der Welt einzustehen. Und Frauen überall auf der Welt werden unterdrückt und benachteiligt. Es gibt einen Spruch aus der kurdischen Bewegung, da heißt es „Die Frau ist die älteste unterdrückte Klasse der Menschheitsgeschichte“ – und da ist schon was dran.

Was bedeutet Internationale Solidarität konkret für dich?

Das heißt für mich, dass man nicht in nationalen, religiösen oder kulturellen Grenzen denkt, sondern dass man für die Befreiung aller Menschen einsteht und die Unterdrückung der Arbeiter*innenklasse zum Ausgangspunkt seines politischen Handelns macht, aber auch wahrnimmt, dass im globalen Süden Länder ausgebeutet und unterdrückt werden von Rassismus, Postkolonialimus und Imperialismus. Dass ich nicht nur für höhere Löhne in Deutschland kämpfe, sondern immer auch die Textilarbeiterin in Bangladesch im Blick habe, dass ich gegen Waffenlieferungen aus Deutschland bin, die dazu führen, dass Kurd*innen in der Türkei ermordet werden, dass man überall gegen Faschismus und neoliberalen Kapitalismus kämpft. Also dass man, so pathetisch es auch jetzt klingt, das Ziel hat: die Befreiung der Menschheit von allen Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnissen.

Wie siehst du der Bundestagswahl entgegen: Bist du zuversichtlich? Wünschst du dir Rot-Rot-Grün oder eine starke Opposition?

Also ich wünsche mir zuerst eine starke Linke, denn ich glaube, nur sie steht wirklich für einen echten Politikwechsel gegen den Klimakollaps, gegen die wachsende soziale Ungleichheit, gegen Aufrüstung und Kriege und gegen den wachsenden Rassismus und Faschismus in unserem Land. Ich erhoffe mir da von SPD und Grüne eher wenig. Ich glaube auch, dass die vielen sozialen Bewegungen, wie z.B. Deutsche Wohnen und Co. enteignen, BLM, unteilbar, eine Stimme im Parlament brauchen und deswegen ist es wichtig, dass die Linke gestärkt aus der Bundestagswahl hervorgeht. Ich glaube auch, je stärker die Linke, desto eher treiben wir die anderen Parteien – vor allem SPD und Grüne – dazu an, ihre Wahlversprechen wie einen höheren Mindestlohn, mehr bezahlbaren Wohnraum, ein besseres Gesundheitssystem etc. einzuhalten. Dazu muss die Linke auch gar nicht unbedingt in der Regierung sein. Es reicht auch, wenn sie stark im Parlament vertreten ist und Druck macht.

Die Emotionen kochen gerade hoch: regelrechte Hass- und Hetzkampagnen, Angstschüren vor allem,was links von der CDU liegt. Was kritisierst du an der Bundestagswahl, was hättest du dir anders gewünscht?

Ja, es müssten viel mehr die echten Probleme der Menschen in den Mittelpunkt der Debatte rücken: Dass viel mehr Menschen nach der Coronakrise Zukunfts- und Existenzsorgen haben, dass es immer weniger bezahlbaren Wohnraum gibt, dass viele Studis von ihrem BAFÖG gar nicht leben können, dass Menschen Angst haben vor rassistischen Anschlägen, dass es den Pflegenotstand gibt… Es gibt so viele Probleme in diesem Land, vor allem müsste man sich mit den Menschen auseinandersetzen, die davon unmittelbar betroffen sind. Das habe ich zumindest versucht in meiner Wahlkampagne. Das ist meine eigentliche Hoffnung: Dass diese Bundestagswahl ein Motor sind für soziale Kämpfe, die in der Gesellschaft stattfinden. Und das würde ich mir eigentlich viel mehr wünschen als diese komischen Hetzkampagnen gegen Linke oder auch gegen Baerbock.

Siehst du einen Widerspruch zwischen Reformen und Revolution?

Nein, da sehe ich keinen Widerspruch, sondern das würde ich wieder im Sinne von Rosa Luxemburg dialektisch betrachten, das heißt also in der eigenen Widersprüchlichkeit: revolutionäre Realpolitik, das ist mein Anspruch. Das heißt für mich zum Beispiel, dass ich für die Überwindung des Kapitalismus kämpfe, weil ich weiß, dass das kapitalistische Wirtschaftssystem zerstörerisch ist. In der Realpolitik kämpfe ich aber im allerersten Schritt dafür, dass die Tickets im Nahverkehr günstiger werden. Ich habe also immer das Fernziel vor Augen und versuche mich, ihm mit Realpolitik zu nähern. Was aber ganz wichtig ist: Man darf diesen revolutionären Anspruch nicht verlieren. Und meine Hoffnung ist, dass wenn man Realpolitik betreibt und Erfolge erzielt, sich auch ein neues Bewusstsein herausbildet, dafür dass eine andere, bessere, befreite Gesellschaft möglich ist.

Was würdest du jungen Menschen, die politikinteressiert sind, noch gerne mitgeben?

Ich würde allen jungen Menschen nahelegen, am 26. September zur Wahl zu gehen, weil diese Wahl eine sehr wichtige Wahl ist. Es ist eine Klimawahl: Es wird über die Frage entschieden, ob dieser Planet noch gerettet wird oder nicht. Es ist eine Wahl darüber, in welcher Gesellschaft wir leben wollen: Wollen wir in einer Gesellschaft der Vielen leben, wo wir uns in unserer Unterschiedlichkeit gegenseitig respektieren – oder werden die Rechten immer stärker? Und es geht auch darum, mehr soziale Gerechtigkeit, mehr soziale Teilhabe für alle zu ermöglichen. Deswegen hoffe ich, dass viele junge Menschen zur Wahl gehen. Aber es darf bei der Wahlentscheidung nicht stehenbleiben, sondern wir müssen uns politisch organisieren. Das muss nicht unbedingt in einer Partei sein, aber wichtig ist, dass wir aktiv sind auf der Straße, an der Hochschule, im Betrieb und gemeinsam solidarisch für eine bessere Welt kämpfen. Denn eine bessere Welt können wir nur erkämpfen, die wird nicht vom Himmel fallen und die wird uns schon gar nicht ein Laschet oder ein Lindner für die Füße werfen.

Das Interview führte Jule Waizenegger
Titelbild: Maik Brückner

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