Greta Niewiadomski und Luke Skywalker über gelungene Inklusion und dem Ende des “Saviorism”

Greta Niewiadomski ist junge Aktivistin und kämpft für eine gerechtere Zukunft an vielen Fronten: Feminismus, Inklusion und die Umwelt. Sie selbst besitzt eine Prothese und wurde ohne rechte Hand geboren. Im Interview erzählt sie, wie sie sich einsetzt die Zukunft mitzugestalten und was für eine Zukunft sie sich wünscht.

.divers: Erstmal: Wie geht es dir und wer bist du?

Ich bin Greta Niewiadomski, 20 Jahre alt und studiere Psychologie in Würzburg.
Mir geht’s super! Ich bin politisch sehr aktiv, schreibe Kolumnen und gebe Interviews zu aktuellen Themen wie Feminismus, Klimaschutz, Inklusion und Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderung. Das mache ich vor allem, weil meine Generation und ich sehr stark davon betroffen sind und ich finde, dass nun der Zeitpunkt ist, um bestimmte Weichen zu stellen. Ich selbst habe keine rechte Hand und trage nun seit etwa zwei Jahren eine bionische Prothese, die sehr an die Hand von Luke Skywalker aus Star Wars erinnert.

Wie war es für dich das letzte Jahr mit Corona zu studieren?

Die zwei Online Semester habe ich eigentlich als sehr bereichernde Erfahrung erlebt. Ich habe viel Zeit gehabt, mich mit mir selbst und nahestehenden Personen auseinanderzusetzen und auch mal zu entspannen. Vorher war ich immer viel unterwegs und bin von einem Event zum nächsten gefahren. Die Zwangspause hat echt gutgetan. Das kann man aber natürlich nicht verallgemeinern. Ich lebe in einer Studierenden-WG und war nie wirklich isoliert.

Du hast an den Segel-Weltmeisterschaften in Hamburg teilgenommen. Wie war diese Erfahrung? Wie bist du dazu gekommen?

Eigentlich spiele ich Fußball und habe mit Wassersport maximal im Urlaub Berührungspunkte gehabt. Aber auf diversen Reisen bin ich zu verschiedensten Sportarten gekommen, wie Surfen, Paragliden und Radfahren auf Langstrecke. Davon wurde berichtet, weil ich unter anderem im Winter allein um Island getrampt bin und mir vorstellen konnte, mich auch auf dem Wasser sportlich und umweltfreundlich fortzubewegen. Da fehlte dann noch Segeln in meinem Erfahrungsschatz und so wurde der NRV in Hamburg auf mich aufmerksam. Ich habe vor der Weltmeisterschaft nicht viel trainiert und wir hatten dann natürlich auch keine gute Platzierung, aber die Erfahrung war grandios.

Welche Projekte stehen als nächstes an?

Als nächstes sind Shootings für Modefirmen geplant deren Namen ich leider noch nicht nennen darf um das Thema Menschen mit Behinderung attraktiver und vor allem vielseitiger zu machen. 

Viele denken dabei an alte Menschen im Rollstuhl, aber da gehört ja soviel mehr dazu.

Ich möchte persönlich für mehr Sichtbarkeit sorgen. Außerdem möchte ich gerne wieder spannende Reisen unternehmen und so visiere ich in den nächsten Jahren auf jeden Fall mal eine Bergspitze über 5.000m an. Welche das sein wird, verrate ich noch nicht. Mein Freund ist ebenso reisebegeistert wie ich und wird mich dabei bestimmt begleiten.

Warum ist es dir so wichtig Aufmerksamkeit durch beispielsweise die Presse zu erregen?

Wie bereits erwähnt, betrifft mich das Thema Behinderung ja selbst und in meiner Kindheit dachte ich lange, dass ich der einzige Mensch bin, auf den das zutrifft. Da gab‘ es noch viel weniger Möglichkeiten, als heute mit Internetzugang. Ich möchte Menschen zeigen, dass sie nicht allein sind und dass sie nicht verloren haben, nur weil sie nicht der Norm entsprechen. Immer wieder, wenn ich Artikel veröffentliche, schreiben mir danach Betroffene verschiedenster Altersklassen, wie sehr sie von meinem Engagement profitieren und das rührt mich total. Ich denke, dass es unfassbar wichtig ist, sich mit anderen Menschen in einer ähnlichen Situation zu verbinden, um sich verstanden zu fühlen. Das würde ich gern in die Welt tragen.

Ein paar Fragen zu deiner Prothese. Erstmal: Wie soll ich es bezeichnen? Welcher Begriff ist dir am liebsten?

Prothese passt eigentlich ganz gut. Ich sehe sie nämlich eher als Hilfsmittel und nicht als Ersatz für eine zweite Hand. Sie sieht cool aus und kann sich durch Muskelkontraktion und Motoren sogar bewegen, aber ich fühle mich auch ohne Prothese wie ein vollständiger Mensch.

Was bedeutet Inklusion für dich? Wie können alle Menschen mitwirken?

Meiner Meinung nach müsste echte Inklusion wie folgt aussehen: Es geht dabei um den Einschluss jedes Menschen, unabhängig von äußerlichen Merkmalen, Fähigkeiten, Meinungen und Abstammungen. Dies hebt alle Personen auf dieselbe Stufe, soll im Optimalfall jegliche Hierarchien unterbinden und Handlungsspielräume lassen, um die gemeinsame Umsetzung eines Projekts oder eines Zusammenlebens bzw. Arbeitens zu ermöglichen. Leider wird dies aber oft missverstanden und es wird so getan, als würden die einen geben und die anderen nehmen. Das ist sehr gefährlich, denn von echter Inklusion profitieren alle. 

Mitwirken wäre also insofern möglich, als dass wir unser aktuelles Bild von Menschen mit und ohne Behinderung reflektieren.”

Leider werden Menschen mit Behinderung häufig nicht als gleichwertig, sondern als hilfsbedürftig und somit abhängig klassifiziert. Dies verhindert einen Umgang auf Augenhöhe und sorgt für erhebliche Selbstzweifel auf der einen und eine ungesunde, erhabene Selbstwahrnehmung auf der anderen Seite.

Was könnte die Politik verändern? Was wünschst du dir von der nächsten Regierung?

Leider sind auch offizielle Inklusionsprojekte, die plakativ als solche bezeichnet werden, häufig nicht inklusiv. Echte Inklusion braucht Zeit und kostet Geld. Ich würde mir wünschen, dass der öffentliche Raum barrierefrei wird und mehr Gelder in gemeinsame Teilhabe investiert werden. Inklusionsschulen funktionieren nämlich nicht mehr bei Klassenstärken von teilweise bis zu 30 Kindern und ohne geschultes Personal. Wenn Menschen mit Behinderung an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden und nur unter sich bleiben, dann werden sie unsichtbar. Das wäre das Schlimmste, was uns in diesem Fall passieren kann. Außerdem wäre es gut, wenn Inklusion weniger vermarktet und stattdessen ernsthaft angegangen würde. Ganz zu schweigen von Umweltschutz, mehr sozialer Gerechtigkeit etc. Wir müssen einfach generell mehr für alle sorgen und uns weniger als Held*innen aufführen, denke ich.

Nach meinen Recherchen nach hattest du keinen Inklusionsunterricht: Was ist deine Meinung dazu?

Ich persönlich hatte nie wirklich besonderen Förderbedarf und bin immer so mitgeschwommen. Aber ich finde es schade, da so eine strikte Trennung vorzunehmen und alles konkret zu benennen. Häufig stecken da dann auch einfach Gelder dahinter. Ich habe ja nicht inklusiv Fußball gespielt, Tanzen gelernt und Musik gemacht. Tatsächlich war ich aber an einem Gymnasium, bei dem wir Fächer wie Sport, Kunst und Musik mit sogenannten „Kooperationsschüler*innen“ gemeinsam hatten. Klingt erstmal nach einem guten Konzept, aber in der Umsetzung gab es dann doch leider immer ein Wir-/Ihr-Gefühl. Wir sind die, die helfen und ihr müsst dafür dankbar sein. Das ist überhaupt nicht inklusiv.

Inklusion auf Augenhöhe ohne einen gewissen „Saviorism“ fänd ich dagegen toll!”

Beschreibe deine Zukunftsutopie. Was erträumst du dir von deiner Zukunft und von der Gesellschaft?

In meiner Zukunftsutopie gibt es keine Diskriminierung mehr, keine sozialen Hierarchien und grüne Innenstädte ohne Autos. Keine Spielplätze mehr, weil Kinder nicht mehr umzäunt werden müssen und überall spielen können. Alles ist barrierefrei und leicht verständlich auf vielen Sprachen, die Menschen reden miteinander statt übereinander und niemand fliegt mehr nach Australien, weil’s zu Hause am schönsten ist. Die Arbeitszeiten sind kurz und fair, sodass alle Zeit haben, sich abends an einem Himmel ohne Smog den Sonnenuntergang anzuschauen. Achja, und ein Bundestag ohne AfD wäre schön. Danke, dass ich zum Träumen eingeladen wurde!

Für mehr von Greta schaut auf Instagram vorbei!


Ein Interview von Tanja Schmidt.

Foto mit freundlicher Genehmigung von Hanna Volkelt.

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