Durst

„Sie saß draußen, ich lag drinnen. Ihre Welt war mir unzugänglich und losgelöst von jeglichen schweren Gedanken. Genauso wie sie sich fern von mir hielt, ließ ich sie nicht merken, wie in mir ein Unwetter aufgezogen war.“ Durst – Eine Kurzgeschichte von Jimmy Bosch.

CN: Implizierte Erwähnung von Mental Health

D u r s t

Am Ende ihres Zimmers saß ich auf dem rissigen Sessel und blickte hinaus auf die Terrasse, zu ihr. Mit angezogenen Beinen hockte sie wie so oft auf ihrem Klappstuhl und schien völlig vertieft. Wenn sie mir früher ihre Gedanken erzählt hatte, waren sie meist greifbar gewesen, ihre Art, sich ihnen hinzugeben, hingegen voller Tiefe, Tiefe in der ich gerne schwamm. Wenn wir gemeinsam darin eintauchten, hatte ich mich gefühlt wie unter Wasser, losgelöst von Zeit und Raum. Das ist lange her. Dieses Gefühl schien in der gemütlichen aber ungepflegten Außensitzecke nun kein Zuhause mehr zu finden. Oder viel mehr in ihr, diesem kleinen Menschen mit den schönen Händen. Eben hatte sie sie noch haltgebend um die Schienbeine geschlungen, als sie sich aus einem Impuls heraus aufrichtete und nach ihren Drehutensilien griff. Mit flinker Hand legte sie krümeligen Tabak auf das durchsichtige Papier zwischen ihren Fingern. Den Filter klebte sie auf der Vorderseite fest, um gleich darauf ihr Konstrukt mit der Zunge zu befeuchten und geschickt zusammenzurollen, bis sie ein rauchbares Ergebnis zwischen Zeige- und Ringfinger hielt. Ein automatisierter Vorgang, den sie wohl ohne jegliche mentale Anstrengung vollziehen konnte. In den Hosentaschen nach einem Feuerzeug suchend, blickte sie sich um und sah mich aus dem Nichts an. Entgegen meiner Erwartung war sie präsent. Ich fühlte ich mich ertappt. Schnell wandte ich meinen Blick ab. Sie fand ein schwarzes BIC. Zündete an. Beidseitiges schweigen. 

“Hast du schon was getrunken?”, fragte ich in die Stille hinein. Trotz des trüben Blicks ihrer müden Augen hielt sie sich aufrecht. Mit der Zigarette zwischen den schlanken Fingern sah sie skurriler Weise noch immer elegant aus. Doch bei genauerem Hinsehen triefte aus ihren Gliedmaßen Kraftlosigkeit und ihre Haut wirkte trocken, fast etwas alt. Selbst im fahlen Licht des frühen Abends ließ sich das erkennen. Erneut fühlte ich mich ertappt, jedoch diesmal von mir selbst. Suchte ich absichtlich nach Anzeichen dafür, dass sie sich nicht gut fühlte? Sofort schämte ich mich, weil ich mich vielleicht in ein Szenario verrannte, das gar nicht der Realität entsprach. Vielleicht interpretierte ich ihre Wirkung völlig falsch und sie war nur müde. Vielleicht wusste sie auch selbst nicht, wie sie sich wirklich fühlte. Wenn ich sie einfach fragen oder meine Annahme äußern würde, würde ich ihr womöglich noch etwas einreden. Aus einem harmlosen schlechten Tag, eine unnötig große Sache zu machen, wollte ich vermeiden. Aber was dann? Meine Gedanken rissen mich in ihren Strom, bis ich mich wie eine Nichtschwimmerin im wilden Ozean fühlte. Doch sie sagte nichts, ließ mich auf dem Trockenen sitzen. Im Gegensatz zu mir schien ihr Gedankenfluss fast stillgelegt, versickert. 

Ich wartete. Ich wartete bis meine Angespanntheit durch das Ausbleiben ihrer Antwort nicht mehr auszuhalten war. “Ich ja auch nicht.”, stieß ich dann hervor. So überrascht wie es klingen sollte, tat es nicht. Und gelogen war es auch. Mittlerweile achtete ich darauf, mich am Leben zu halten. Ich aß und trank und schlief und meist sogar alles davon an einem Tag. Aber das Nichtsdenken hatte ich noch nicht von ihr gelernt, falls es das wirklich gab. Meine Gedankenwelt war jedoch bewusster als früher. Zumindest hoffte ich das. Während ich das Gefühl hatte, allmählich aufzublühen, schien sie immer mehr einzugehen. Sie sah nicht gut aus, auch wenn ich nicht wusste, was der Grund dafür war. Ich hätte so gerne gehört, wie es ihr ging. Zugegebenermaßen hoffte ich darauf, dass sie das Offensichtliche zugab. Ich kreiste. Sie schwieg. Meine zaghafte Annäherung wollte sie nicht gesehen haben oder hatte sie nicht als solche erkannt. Mein Durst nach einem Wort von ihr blieb ungestillt. 

Als sie mich endlich ansah, versuchte ich ein müdes Lächeln in ihre großen Augen. Gleich darauf nahm ich einige große Schlucke zu mir, zur Kräftigung, aber vergeblich. Sie trank nichts und mir wurde schlecht. Vom Wasser oder vom Versuch für sie mitzutrinken. “Willst du noch eine Kippe?”, fragte ihre raue Stimme ungeschickt fürsorglich. Fast lief ich über vor zurückgehaltener Worte. Sie verdürrte mit jedem Kippenzug ein wenig mehr, wurde im Rauchgrau kleiner und mir zunehmend fremder. Noch immer war etwas Anmutiges an ihr, aber Trübsal zeichnete ihr Schatten unter die Augen. “Ich mache mich fertig.”, presste ich mit einer Kopfbewegung zur Tür hervor. Plötzlich spürte ich das dringende Bedürfnis, mich schlafen zu legen. Ich trat auf den Flur, hörte noch das Klicken ihres Feuerzeugs und fühlte mich sehr müde. 

Im Badezimmer erledigte ich das Übliche, nahm es aber kaum wahr. Ich reinigte mein Gesicht von den Spuren des Tages. Wasser perlte auf meiner Haut. Mit geschlossenen Augen bildete ich mir ein, seine belebende Wirkung zu spüren. Einen Moment hielt ich inne, dann atmete ich laut aus. Mein Blick fiel in den Spiegel vor mir, auf dem sich ein Gesicht abbildete. Tiefe Augen sahen von dort zu mir zurück. Wenn ich sie nicht weiter darauf anspräche, wie erschöpft sie aussah, wie viel mir das ausmachte und stattdessen versuchte sie zu mobilisieren, noch ein wenig mehr für sie sorgen würde…, machte ich mir etwas vor. Insgeheim wusste ich um meine Machtlosigkeit, aber konnte sie nicht akzeptieren. Wie auch? Wie an einem Mantra, das meinen Gesichtsausdruck unauffällig entspannt halten sollte, klammerte ich mich an den Glauben einer baldigen Veränderung. Auf diese Weise schaffte ich wohl irgendwie, mein Gedankenkarussell zwischen Zähneputzen und Raumwechsel anzuhalten. 

Zurück im Schlafzimmer hätte sie mir nichts mehr anmerken können. Als ich mein Handy ans Ladekabel anschloss, meine Socken Richtung Wäschekorb warf und verfehlte, fühlte ich mich seltsam neutral. Dieses stechende Gefühl von vorhin war weggewaschen, die Panik in mir müde geworden. Sie rauchte immer noch auf der Terrasse. Ich hörte sie leise summen, dann husten. Ich schluckte. Keine Ahnung wie lange schon, ob mit angezogenen Beinen oder nicht, ob sie fror und in welcher Verfassung sie war. Vermutlich hielt sie sich mal wieder in ihrer Welt auf und hatte nichts mitbekommen von dem, worüber ich fast verzweifelt war. Sie saß draußen, ich lag drinnen. Ihre Welt war mir unzugänglich und losgelöst von jeglichen schweren Gedanken. Genauso wie sie sich fern von mir hielt, ließ ich sie nicht merken, wie in mir ein Unwetter aufgezogen war. Ich trank mein Glas leer und stellte es auf ihren Nachttisch, nicht demonstrativ, eher beschämt um meinen Durst. So ließ ich sie von ihrer Nüchternheit betäubt noch ein bisschen dort, obgleich ich sie gern neben mir gehabt hätte. “Mach nicht mehr so lange”, rief ich, nachdem ich einige Minuten regungslos dagelegen war. Zu fragen, ob sie reinkommen würde, hatte ich mich nicht mehr getraut. Sie erkannte die Sorge in meiner Stimme nicht oder ignorierte sie gekonnt. “Okay”, säuselte sie zurück. 

Ein Artikel von Jimmy Bosch
Titelbild mit freundlicher Genehmigung von Nele Achtelstetter

Jimmy Bosch ist ein:e (gender)queere:r Autor:in, lebt in Berlin und studiert dort Kulturwissenschaft und Gender Studies. Neben queerfeministischem Aktivismus und konfrontativen Gesprächen begeistern Jimmy Lyrik, Kollagen und das Fragenstellen. Wenn they nicht gerade auf Demonstrationen, Lesungen oder bei Foodsharing aktiv ist, sucht Jimmy nach Worten um fragmentarisch Perspektiven zu portraitieren. Neben Texten in Magazinen wie „DIEVERPEILTE“ entstand 2020 Jimmys unveröffentlichtes Buch „Mess Of Mind“.

„Wie will man Wucht erlernen? Gar nicht. Wucht ist da und möchte freigelassen werden. An manchen Tagen sorgt Wortgewalt für Gefechte in mir, die ich kaum erklären könnte. Wenn ich mir eines wünschen dürfte, dann wäre es, Worte für meine innere Wucht zu finden.“ (Auszug, „Mess Of Mind“)

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