Interview mit Rapperin Finna: Mit geballter Softness gegen toxische „Stärke“

Schon mit ihren im Jahr 2020 veröffentlichten „Overscheiß“ Samplern bewies die Hamburger Rapperin und Produzentin Finna, dass die musikalische Pause ihr mehr als nur gut getan hat. Denn nicht nur, dass ihre Musik voller Selbstbewusstsein strotzt, auch ihre Texte sind persönlicher denn je. Mit ihrer neuen Single „Staying Soft“ zeigt Finna auf, dass es viel mehr Stärke benötigt, Gefühle zu zeigen, als sie zu unterdrücken und gibt somit die Initialzündung für das Reclaimen der Wörter soft und schwach.

Wie die zwei Songs entstanden sind und wie die Rapperin generell die Corona Zeit bisher überstanden hat, darüber sprachen wir in diesem Interview.

Hallo Finna schön dich zu sehen, wie geht´s dir?
Finna: Hey, ja alles gut, ich habe nur ein bisschen Hunger und bin gerade vom Set gekommen, um das Interview zu machen. Danach muss ich auch gleich wieder zurück.

Das klingt ziemlich stressig. Schön, dass du dir trotzdem Zeit für uns nimmst. Kommst du gerade von einem Musikvideodreh?
Finna: Ne, kein Videoreh, das ist so ein Film mit Jasna Fritzi Bauer, der gerade vom MDR gedreht wird.

Du schauspielerst also auch noch neben deiner Rap Karriere?
Finna: Nein (lacht), ich coache nur die Hauptdarstellerin des Films im Rap.

Achso, dann bist du also quasi die Rap-Lehrerin am Set?
Finna: Ja, genau so ist es!

Sehr cool! Lass uns doch ein bisschen über deinen anderen Job sprechen. 
Am 10. August erschien deine aktuelle Single „Staying Soft“. Wie waren die Kritiken bis jetzt?  Positiv oder eher Negativ?
Finna: Ne, negativ eigentlich nicht. Diesmal war nicht so viel mit Shitstorm im Internet, das war ganz nice! (lacht) Alle sind sehr soft geblieben und teilweise war es voll berührend, was die Leute geschrieben und gesagt haben.

Was denn zum Beispiel?
Finna: Viele meinten, dass man merkt, dass es ein Herzensprojekt war und das stimmt auch!

Ich muss sagen, dass mich deine Single ebenfalls total abgeholt hat. „Staying Soft“ ist ein Song der einfach perfekt in diese Zeit passt und gerade auch als männlich gelesene Person fühlte ich mich sehr angesprochen! Ich glaube, es würde vielen Männern mal sehr gut tun, zu weinen oder generell ihre Gefühle zu zeigen. Umso besser also, dass du neben Mino Riot auch Sayes als Feature auf deinem neuen Song „Staying Soft“ hast.

Wann ist der Song eigentlich entstanden, prä- oder post-pandemisch, und wie genau habt ihr ihn geschrieben?
Finna: Der Song ist in der Pandemie entstanden. Ich hatte diesen Beat gebaut und irgendwie hatte ich das Gefühl, der Song muss etwas mit zart-sein und Stärke zu tun haben. Dann habe ich unabhängig voneinander und ohne etwas dazu zu sagen, Mina Riot und Sayes den Beat zugeschickt, weil wir uns öfter mal austauschen, und beide waren gleich so „Wow! Da würde ich direkt was dazu machen wollen“ und ich war so „Oh wie cool ich hatte da so eine Idee und jetzt haben du und Sayes das auch gesagt, wie wäre es wenn wir den Song zu dritt machen würden?“ Das lustige ist, die beiden kannten sich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht und haben sich quasi erst bei mir im Wohnzimmer kennengelernt.

Ich habe die beiden dann zu mir nach Hamburg eingeladen und wir hatten ein richtig schönes Wochenende zusammen. Das Coole ist, dass die beiden sich so gut verstanden haben, dass Mino Riot, weil sie in Leipzig etwas zu tun hatte, direkt noch eine Woche bei Sayes und seiner Freundin übernachtet hat. Das war schon krass, im Wohnzimmer kennengelernt und dann direkt Friendship everywhere.

Cover Staying Soft

Schön zu hören, dass es manchmal so einfach sein kann. Wie seid ihr eigentlich das Songwriting angegangen? Ich stelle es mir sehr schwierig vor, bei so einem sensiblen und persönlichen Thema eigene Gedanken mit anderen zusammen auf Papier zu bringen. Gab es bestimmte Hürden beim Texten die erstmal überwunden werden mussten?
Finna: Das Ding war ja, dass die beiden jede*r für sich den Text Zuhause, also quasi ihrem „Safe Space“,  geschrieben hatten und wir uns unsere Zeilen erst gezeigt haben als sie fertig waren. Das ging so schnell, dass ich jetzt schon wieder Gänsehaut bekomme. (lacht) 

Wir haben uns dann bei mir alles von allen angehört und waren direkt so „Wow wie krass schnell das jetzt ging, diesen Track zu schreiben und heftig, dass wir alle doch so einen Druck hatten, dazu etwas zu sagen“. Was schon ein bisschen unnormal ist, denn Mino Riot, Sayes und ich sind normalerweise etwas langsamer, was das Texteschreiben betrifft, aber bei dem Track hat es bei allen irgendwie sofort geflutscht.

Das klingt so, als ob der Text dringend raus musste. Wie gehst du eigentlich vor beim Schreiben deiner Songs, baust du zuerst den Beat und dann den Text oder anders herum?
Finna: Ich produziere normalerweise erst die Beats und dann fällt mir später ein Text passend zur Stimmung ein, manchmal ist es aber auch umgekehrt.

Kommen wir zum zweiten Track deiner neuen Single und zwar „Wenn ich ich bin“. Hast du da ebenfalls den Beat selbst produziert?
Finna: Ja, hab’ ich, also bis auf das Soul Sample in dem Song, der kam von Spoke.

Die Beats der Single gefallen mir wirklich sehr gut, ich finde sie treffen genau die perfekte Mischung aus Traurigkeit und Empowerment.
Finna: Danke, da war auch so ein kleiner Wut-Motor, der uns angetrieben hat, denn es ist voll schade, dass kritische Männlichkeit und Softheit in unserer Gesellschaft eher als Schwäche angesehen werden. 

Da stimme ich dir komplett zu und ich hoffe, dass sich viele männlich gelesene Personen deine Single zu Herzen nehmen.
Finna: Hoffentlich, aber auch weiblich gelesene Personen, denn uns wird auch immer gesagt wir sind voll soft, heulen die ganze Zeit rum und sind sensibel. Die Softness wird nicht als Stärke sondern als Schwäche angerechnet, was voll schade ist, denn ich finde das zart-sein voll die Stärke ist!  

Sehe ich auch so, es braucht meiner Meinung nach viel mentale Stärke und Kraft, um Gefühle zuzulassen und vor allem, um sie zu zeigen. 
Du meintest dass du den Beat von „Staying Soft“ unabhängig voneinander zu Mino Riot und Sayes geschickt hast. Wieso kamen gerade diese beiden MCs für dich als Feature infrage? 
Finna: Ich hatte so ein Softness-Gefühl bei dem Beat, die Stärke hatte ich zuerst noch gar nicht so gesehen, die kam dann später. Aber bei der Softness des Beats hatte ich genau an diese zwei gedacht. Denn beide Personen sind unabhängig voneinander für mich so weiche, zarte und empowernde Menschen, die mir dazu auch noch sehr nah stehen.

Ich weiß zum Beispiel, dass ich, wenn ich so richtig am Boden bin und nicht weiß wen ich anrufen soll, mich immer bei Sayes melden kann und ich mir sicher sein kann, auch wenn es 4 Uhr morgens ist, er geht ran. Bei Mino Riot ist es ähnlich, wir haben ein so verbindendes Band und vor allem ein gegenseitiges Empowerment ohne Konkurrenz, das total schön und liebevoll ist. Ich fühle mich sehr behütet, bei beiden.

Ich wollte den Song auch eigentlich erst nicht auf einem Label releasen, weil es sich so intim angefühlt hat. Der Song ist aus purer Freundschaft entstanden genauso wie das Video, welches wir am nächsten Tag gedreht haben, es hat alles total viel Spaß gemacht.

Habe ich dich gerade richtig verstanden, ihr habt den Song aufgenommen und dann direkt am nächsten Tag das Video dazu gedreht?
Finna: Ja das ist alles ziemlich schnell und spontan passiert, weil wir so mega Bock hatten und den Song so schön fanden. Wir haben dann spontan Leute angerufen und durften in so einem Kleingarten, von einem Kumpel von Sayes, shooten. Wir haben sogar ein Schlauchboot bekommen (lacht). 

Das war alles so besonders, dass ich zuerst gar nicht wollte, dass damit Geld gemacht wird. Ich weiß noch, wie ich mit Lars aus der Stubnitz geredet habe und ihn gefragt habe „was ist denn jetzt eigentlich der Unterschied zwischen professionell und DIY, irgendwie checke ich gerade den Unterschied nicht mehr“ (lacht). Lars meinte dann, „da muss es gar keine Grenze geben, denn professionell heißt einfach nur, dass das was DIY ist in eine Struktur hinein gegeben wird, damit so mehr Leute etwas davon haben können“. Nach diesen Worten hatte ich keine Probleme mehr den Song auf einem Label zu veröffentlichen. Ich dachte mir, irgendwie ist es auch zu schön, um es nicht zu teilen.

Genauso wie „Staying Soft“, ist „Wenn ich ich bin“ wieder ein Track, der perfekt in unsere Zeit passt. Der Song fängt an mit der Zeile „schaue aufs Handy und ziehe Vergleiche, Likes wie Candy ich am zweifeln“. Inwieweit hast du selbst schlechte Erfahrungen mit Social Media Accounts wie Instagram und Co. gemacht? 
Finna: Gerade in der Corona-Zeit hing ich viel mehr vor dem Handy als sonst und dann sitzt man so Zuhause, wie die anderen ja auch, und denkt sich, boah bei denen sieht das alles viel geiler aus und bei mir ist voll Chaos. Ich habe mich viel mit Leuten verglichen was die Produktivität betrifft: wie viel schaffen die Leute, wie zufrieden sind sie mit ihrem Leben, wie sieht es bei denen Zuhause aus. 

Gerade was das Familienleben betrifft, wirkte es bei vielen so, als ob sie krass zusammen gerückt sind und das hatte ich halt nicht, was mich irrsinnig traurig gemacht hat. Ich dachte dann die ganze Zeit, Gott ich vergleiche mich hier die ganze Zeit mit so Ansprüchen von einem Leben das gar nicht meins ist und eigentlich will ich doch nur ich selber sein, warum ist das denn nur so fucking schwer. Auf der anderen Seite hatte ich es aber auch, dass Leute sich mit mir verglichen haben und ich dann irgendwann richtig Angst gekriegt habe, dass Leute auch so ähnliche Gefühle bekommen wie ich sie hatte.

Inwieweit hatte Corona eigentlich einen Einfluss auf deine Karriere?
Finna: Da ich eher eine Künstlerin bin, die nicht so wirklich Bock auf Social Media hat, sondern lieber live spielt, war das schon keine leichte Zeit für mich. Die Resonanz und das Feedback, das man unterwegs bekommt, wenn man sich mit Leuten austauscht, das hat mir richtig doll gefehlt aber natürlich auch finanziell gesehen war Corona ein ziemlicher Einschnitt.  

Du hattest ja das Glück in der letzten Zeit wieder auftreten zu dürfen. Wie war es für dich nach so langer Zeit wieder vor einem Live-Publikum zu stehen?
Finna: Unterschiedlich, es kommt immer darauf an, was die Leute dürfen. Wenn man ein Sitzkonzert spielt, dann ist das schon echt krass. Ich habe zum Beispiel letztens im Knust gespielt und die Leute durften weder tanzen noch aufstehen und dann spielte ich so und wusste anfangs überhaupt nicht, gefällt denen das, hören die zu, haben die Spaß und dann habe ich extra Handzeichen eingeführt, um wenigstens ein paar Reaktionen vom Publikum zu bekommen. Also für alle Leute, die noch unter Coronabedingungen auf Konzerte gehen, zeigt den Artists bitte, dass sie nicht komplett alleine da stehen (lacht). 

Ich hatte allerdings auch ein Konzert auf einem Festival in Auen, das ist ein Ort in der Nähe von Stuttgart, und die durften einfach mal komplett alles machen weil sie doppelt geimpft und getestet waren. Die waren komplett am Ausrasten und Tanzen. Das nach so langer Zeit zu erleben war heftig, das werde ich nicht mehr vergessen. Aber die Sitzkonzerte bleiben ziemlich schwierig, da fühlt man sich wie im ZDF-Fernsehgarten.

Hoffen wir mal, dass sich das alles möglichst bald ändert, nicht dass die Anzahl der Schlager Fans in Deutschland exponentiell ansteigt.
Finna: Voll, lasst euch alle impfen und holt euch am besten jetzt einen Termin! (lacht)

Bevor wir das Interview beenden möchte ich noch kurz eine Line von „Ostberlin Androgyn“ auf deinem „Overscheiß“ Sampler zitieren „Kuchen ist halt einfach mega Lecker!“. Mein Lieblingskuchen ist Zupfkuchen, welcher ist deiner?
Finna: Ich mag auch Russischen Zupfkuchen, aber ich mag auch Donauwelle.

Ein Interview von Julian Csép
Titelbild mit freundlicher Genehmigung von Katja Ruge

Julian Csép, ehemaliger Veranstaltungstechniker und nun Student der Geschichts- und Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin. Legt den Fokus seiner Arbeit auf Musik- und Kulturjournalismus.

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