Deutschrap ist fresher denn je! Dank AVERY

AVERY hat zwar nicht „Amerika seine Mutter gefickt“, dafür aber Deutschraps misogyne, homofeindliche, wanna-be Gangster. Der Rapper aus Hannover beweist, queerer Rap muss nicht zwangsläufig soft sein. Mit Liedern wie „Schwuchtel“ oder „Merk dir meinen Namen“, dreht er den Spieß um und spiegelt die Haltung vieler Modus Mio Rapper*innen, indem er sich ihrer Sprache bedient.

Von Shirin David motiviert und durch Deutschrap sozialisiert schafft der Rapper perfekt den Spagat zwischen Straßenattitüde und queerem Empowerment und das ohne dabei eine Rolle zu spielen. Denn die street credibility, die sich viele MCs ausdenken um ihren kommerziellen Erfolg zu maximieren, hat AVERY wirklich und das ist deutlich zu hören.
“Du denkst ich bin weich, ja Bruder doch du weißt, hab mehr gesehen als du, ich wette um jeden Preis“, ist bei Avery keine gut klingende Floskel sondern harte Realität. Denn wenn man als nicht cis/hetero Person in einer Kleinstadt wie Minden aufwächst, dann ist das Leben manchmal härter als in Frankfurt am Main oder Offenbach.
Wie kommt man allerdings dazu, Teil einer Szene zu werden die dich in jedem zweiten Lied diffamiert?

Avery sitzt auf Drehstuhl vor weißer Wand und schaut in die Kamera
© Klaas-Yskert Tischer

AVERY.: Ich kam erst relativ spät zu Rap, ich glaube im Jahr 2018. Ich hatte mich vorher nie so richtig mit Hip Hop befasst. Meine favorit Artists waren Lady Gaga, Britney Spears und Madonna. Mit denen konnte ich mich eher identifizieren. Naja, auf jeden Fall so lange bis Shirin David mit ,Gib ihm‘ um die Ecke kam. (lacht) Das war der erste Rap Track den ich so richtig gut fand. Dieser Song hat so krass mein Interesse für dieses Genre geweckt, dass ich sogar anfing mich durch die ganzen alten Deutschrap Alben von Kollegah, Sido und Co. durchzuhören.
Ich finde es super spannend, auf wie viele verschiedenen Arten man seine Meinung im Rap verpacken kann. Das man theoretisch gesehen fast alles sagen kann, weil halt eben nicht immer alles korrekt sein muss. Nach dieser “Erweckung“ habe ich dann auch ziemlich schnell angefangen, einen Spaß-Song im Stil von Shirin David zu schreiben. Der Titel war „auf mein Nacken“.(lacht) Ich wollte mit dem Song die Deutschrap Szene ein bisschen Hops nehmen, was zwar super viel Spaß gemacht hat, aber qualitativ noch nicht so gut war.

.divers.: Dafür dass du mit einem Spaß-Song gestartet hast, klingt deine Musik heute doch sehr professionell. Wie kam es zu dieser Entwicklung?

AVERY.: Ich habe ziemlich schnell gemerkt, wie sehr mir das Musik machen liegt und vor allem, wie viel Spaß ich dabei habe, sodass ich 2020 soweit war zu sagen, ich will das jetzt professionell machen. Als dann mein zweiter Song „Wieder Da“ fertig war, hatte ich meinen Mut zusammen genommen und die beiden Songs an die Promoterin Mona Lina gesendet, was das Beste war dass ich machen konnte. Sie hat mir sehr viele Tipps gegeben, die ich auch dringend nötig hatte, da ich anfangs komplett lost war und keinen richtigen Kontakt zur Deuschrapszene hatte. Sie hat mir dann empfohlen, ein halbes Jahr Pause zu nehmen, mir einen Vokalcoach zu suchen und mit ein paar Songwritern zusammenzuarbeiten, was ich dann auch getan habe.

Wenn ich Deutschrap höre, dann meistens weil ich lachen will.

AVERY

.divers.: Man hört, dass du viel Arbeit in dieses Projekt gesteckt hast. Die Qualitätssteigerung von „Wieder Da“ zu deiner jetzigen EP „Ungefiltert“ ist enorm. Woher kommt diese ganze Motivation?

AVERY: Meine Musik ist zum einen der Mittelfinger zurück an die Leute, die mich früher in der Schule gemobbt und geschlagen haben und zum anderen versuche ich mit meiner Musik, eine Lücke in der queeren Rapszene zu füllen. Queer Rap ist immer noch sehr weich, was auch gut ist, aber mir persönlich fehlt ein bisschen diese “In die Fresse“-Attitüde.
Ich muss auch gestehen, dass eines meiner guilty pleasures Haftbefehl ist. Ich liebe seine Musik. Du läufst durch die Straßen, hast die Songs auf den Ohren und fühlst dich einfach wie der Boss. Aber ein bisschen schäme ich mich auch. (lacht)

.divers.: Spannendes Thema, ich führe sehr oft in meinem Freundeskreis die Diskussion, was man im Rap sagen darf und was nicht. Wie ist deine Meinung dazu, darf man alles im Rap sagen?

AVERY: Für mich ist immer wichtig, was von wem gesagt wird. Wenn ein Kollegah das Wort Schwuchtel benutzt, dann ist das für mich nicht okay. Man weiß direkt, dass das Wort für ihn negativ konnotiert und als Beleidigung verstanden werden soll. Wenn jedoch ich oder eine andere queere Person Schwuchtel sagt, dann steht dieses Wort in einem komplett anderen Kontext. Das ist auch einer der Gründe, weswegen ich den Song „Schwuchtel“ geschrieben habe. Ich wollte damit dazu beitragen, dieses Wort zu reclaimen. Schwuchtel ist für mich mittlerweile auch überhaupt kein negativer Begriff mehr. Wenn jetzt jemand ankommt und mich Schwuchtel nennt, dann muss ich darüber lachen, weil ich die ganze Zeit an meinen Song denken muss. (lacht)
Alles darf man definitiv nicht sagen aber man sollte auch nicht alles so ernst nehmen. Denn gerade Deutschrap ist ein Genre, in dem super viel mit Ironie gespielt wird. Wenn ich Deutschrap höre, dann meistens weil ich lachen will.

Avery in Nahaufnahme, schaut in Kamera
© Klaas-Yskert Tischer

.divers.: Wagen wir mal ein kleines Gedankenspiel. Stell dir vor, du wirst offiziell zum Deutschrapkönig gekürt. Was würdest du an der Szene ändern wollen und was stört dich momentan am meisten?

AVERY: Was mich gerade an der Rapszene stört ist, mal abgesehen von dem ganzen Sexismus, die Schnelllebigkeit der Musik und vor allem der Inhalt der Texte. Diese ganzen Straßenrap-Songs die sich um Gucci und Prada drehen find’ ich ziemlich lächerlich. Man kann solche Songs ja machen aber mit Straße hat das für mich nichts zu tun. (lacht)
Was mich aber am meisten stört, ist der Überschuss an Cis-Personen. Es war zum Beispiel super schwer für mich einen Produzenten zu finden der nicht nur mein Geld wollte, sondern auch tatsächlich versteht was ich mit meiner Musik aussagen möchte. Ich bin da schon mehrere Male auf die Fresse geflogen und habe einiges an Geld verloren, weil ich an irgendwelche Drogendealer geraten bin. Deswegen freue ich mich umso mehr, mittlerweile in der gleichen queeren Szene wie Finna gelandet zu sein.

.divers.: Gut, dass du es ansprichst, Finna und du ihr seid ja nicht nur in der gleichen Szene, sondern habt vor kurzem auch einen gemeinsamen Song veröffentlicht. Euer Song „Du bist nicht allein“, behandelt das Gefühl der Einsamkeit und wie es ist, nicht verstanden zu werden. Wie war es für dich ein so emotionales Lied zu veröffentlichen?

AVERY: Es ist ein super schönes Gefühl, so viel positives Feedback für diesen Song zu erhalten. Gerade weil es mein erster emotionaler Song ist und meine anderen Lieder ja schon eher so “Mittelfinger in die Luft“-mäßig sind. (lacht) Es war nicht einfach „Du bist nicht allein“ zu veröffentlichen, da er von meiner Zeit in Minden handelt und beschreibt, wie oft ich mich alleine gefühlt habe.

.divers: Wie erklärst du dir, dass gerade dieser Song so gut ankommt?

AVERY: Ich glaube es hat damit zu tun, dass es ein Thema ist, mit dem sich viele Menschen aus der LGBTQIA+ Community identifizieren können, was mich wirklich sehr freut.

.divers: Wie kam es eigentlich dazu, dass du dich dafür entschieden hast Finna die Hook singen zu lassen?

AVERY: Ich liebe einfach ihre Stimme. Sie ist so emotional und gefühlvoll, dass sie einfach perfekt zu „Du bist nicht allein“ gepasst hat. Finna bringt mit ihrem Gesang einen traurigen und gleichzeitig aufbauenden Vibe in die Hook, was genau das ist was ich wollte und was der Song auch gebraucht hat. Naja und singen ist halt auch nicht so meine Stärke. (lacht)

.divers.: In deinem Song „Wieder da“ rapst du „am Anfang Influencer, heute mache ich Musik, die Schuhe sind Manolo, ich scheiß auf die Kritik“. Warst du wirklich mal Influencer oder hat es einfach nur gut in die Zeile gepasst?

AVERY: Nein ich war tatsächlich mal so eine Art Influencer, damals hieß ich noch Avery Aubrey. Wenn man sich mein archiviertes Insta Profil anschaut sieht man, dass ich um 2015 fast jeden Tag ein Make-Up-Bild hochgeladen habe. Ich war jetzt aber kein berühmter Influencer oder so, sondern habe es eher für mich selbst gemacht. Das war mal eine Zeit lang mein Ding aber mittlerweile liegen meine Prioritäten im Rap.

.divers.: Das war es jetzt auch schon fast mit dem Interview, ich habe nur noch eine abschließende Frage. Wie geht es dem Ficus, in den du gekotzt hast?

AVERY: Im Gegensatz zur Influencer line in „Wieder da“, ist die Ficus line in „Eskalation“ tatsächlich nur erfunden. Ich finde Ficus ist einfach ein wahnsinnig witziges Wort. Aber lustige Randstory, ich habe einmal auf einer Weihnachtsfeier, weil es mir unheimlich schlecht ging, in eine Weihnachtsmütze gekotzt. Als ich mich daraufhin an den Rand setzte, kam ein paar Minuten später ein Typ zu mir und wollte tanzen. Er griff dann natürlich auch prompt grinsend nach meiner Mütze um sie sich aufzusetzen. Zum Glück konnte ich ihn noch im letzten Moment davon abhalten. (lacht)


Fotos mit freundlicher Genehmigung von Klaas-Yskert Tischer

Ein Interview von Julian Csép

Julian Csép, ehemaliger Veranstaltungstechniker und nun Student der Geschichts- und Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin. Legt den Fokus seiner Arbeit auf Musik- und Kulturjournalismus und schreibt als freier Journalist neben dem Divers Magazin auch für die Taz Berlin.

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