STAMPED – von Jason Reynolds und Ibram X. Kendi

Das Autoren-Duo Jason Reynolds und Ibram X. Kendi haben mit STAMPED – Rassismus und Antirassismus in Amerika ein zeitgemäßes Sachbuch vorgelegt, das sich durch die rassistisch geprägte Geschichte Amerikas in die Gegenwart vorarbeitet.

Die Geschichte des Rassismus in Amerika

Dass Rassismus in den USA noch immer tief verwurzelt ist, scheint für die meisten von uns nichts Neues zu sein. Aber geht es nur mir so, oder weiß irgendwie keine:r so richtig, wie es eigentlich dazu gekommen ist? Genau darum geht es in STAMPED – Rassismus und Antirassismus in Amerika, geschrieben von Jugendbuchautor Jason Reynolds und Rassismusforscher Ibram X. Kendi. Basierend auf Kendis Buch Gebrandmarkt erklärt Reynolds die Geschichte des Rassismus in Amerika, in fünf Zeitabschnitten vom 14. Jahrhundert bis heute – und in einfachen Worten. Obwohl dabei eine Menge historischer Fakten mit einfließen, betonen die Autoren gleich zu Beginn, dass es sich bei STAMPED nicht um ein typisches Geschichtsbuch handelt – sondern ein Buch über die Gegenwart. Um „ein Buch, das sich mit Geschichte beschäftigt. Einer, die direkt mit unserem Leben zusammenhängt […]”. 

Ob Geschichtsbücher per se langweilig sind, ist natürlich Ansichtssache, doch nicht einmal habe ich während des Lesens daran gedacht, das Buch aus Langeweile zuzuschlagen – höchstens aus Ungeduld oder Wut. Denn Reynolds erzählt es wie eine spannende Geschichte, der man sich einfach nicht entziehen kann. Außerdem sorgt er durch seinen übersichtlichen Schreibstil dafür, dass man die wichtigen Dinge nicht verpasst, selbst wenn man angesichts der Menge an Fakten zwischendurch doch mal kurz abschaltet – durch Wiederholungen, vereinfachende Auflistungen und (manchmal vielleicht auch etwas zu) umgangssprachliche Kurzzusammenfassungen der wichtigsten Fakten. 

Segregationist:innen, Assimilationist:innen und Antirassist:innen

Mit der Erklärung dieser Grundbegriffe oder Positionen startet Reynolds. Was sinnvoll ist, da im weiteren Verlauf des Buches immer wieder darauf Bezug genommen wird und sich so gut wie alle Dynamiken in der Geschichte des Rassismus in Amerikas auf diese drei Begriffe zurückführen lassen. Vereinfacht gesagt betonen Segregationist:innen die Unterschiede zwischen Schwarzen und weißen Menschen; sie sind der Meinung, weiße seien Schwarzen überlegen (Reynolds beschreibt sie deshalb als Hater). Assimilationist:innen zufolge haben Schwarze Menschen das Potential, so zu sein wie weiße Menschen – doch nur, wenn ihnen das gelingt, werden sie akzeptiert. Oder anders ausgedrückt: „Sei klein, sei gleich, sei vorsichtig, sei leise, damit weiße Menschen sich von deiner Gegenwart nicht gestört fühlen” (Kap. 9, S. 72).
Beide Positionen sind alles andere als erstrebenswert, wie das Buch sehr deutlich macht. Im Gegensatz zur Position der Antirassist:innen, die gegen Rassismus sind. So wie die Schriftstellerin und Aktivistin Angela Davis, die im fünften und letzten Teil des Buches (von 1963 bis heute) eine große Rolle spielt. 

Die Einordnung ist manchmal allerdings gar nicht so leicht. Thomas Jefferson beispielsweise, dritter Präsident und Hauptverfasser der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung (in der er unter anderem erklärte, dass alle Menschen gleich geschaffen seien), war die meiste Zeit seines Lebens ein wandelnder Widerspruch: eine Mischung aus allen drei Positionen. Auf der anderen Seite gab es Schwarze Menschen wie W.E.B. du Bois, ein erfolgreicher US-amerikanischer Soziologe und Schriftsteller, oder Barack Obama. Beide waren zwar keine Segregationisten, vertraten aber auch keine klar antirassistische Haltung. Stattdessen sind sie mehr oder weniger assimilationistische Paradebeispiele, wie Kendi zeigt.

Rassismus und Antirassismus in Amerika bis heute

Bevor wir allerdings in der heutigen Zeit ankommen, steht uns als Leser:innen zugegeben noch eine Menge bevor: Angefangen mit dem von den Autoren so bezeichneten „ersten Rassisten der Welt”, Gomes Eanes de Azurara, und der Entwicklung der Sklaverei, über den Kampf um ihre Abschaffung im amerikanischen Bürgerkrieg bis hin zur Gründung der Black-Lives-Matter-Bewegung im Jahr 2015. Und das sind nur die Hauptstationen. Dazwischen spielte sich noch viel mehr ab, als hier in ein paar Sätzen wiedergegeben werden kann – immer verwoben mit den Geschichten historischer Persönlichkeiten. Aber auch weniger bekannte Charaktere wie Cotton Mather, Phillis Wheatley oder William Lloyd Garrison sind wichtig, um die rassistisch geprägte Geschichte Amerikas zu verstehen. Genauso wie diverse amerikanische Präsidenten, die leider so einiges verbockt haben – mehr, als die meisten von uns wissen. Um nur ein Beispiel zu nennen: 1886 verabschiedete Ronald Reagan den „Anti-Drug Abuse Act”, der den Besitz von fünf Gramm Crack, „der typischen Menge, die man bei Schwarzen oder armen Menschen fand”, mit einer Haftstrafe von fünf Jahren versah. Die „überwiegend weißen, reichen Kokainkonsumen und -dealer, die in Vierteln mit weniger Polizeikontrollen aktiv waren”, erhielten die gleiche Strafe erst ab einer Menge von 500 Gramm, also dem Hundertfachen. Das Verrückte dabei: Es handelt sich um die gleiche Droge, nur in anderer Form – Schwarze Menschen wurden durch das Gesetz also aktiv rassistisch diskriminiert. Auch erzeugt Kendi in diesem Zusammenhang ein Bild von Rassismus selbst als Droge: „Diese Droge kann Einzelne reich machen, bewirkt aber auch eine überzogene Selbstwahrnehmung und löst Halluzinationen aus” (Kap. 24, S. 183).

Das Buch ist somit für jede:n etwas, der:die verstehen will, wie die Rassismus-Droge überhaupt erst in Umlauf geraten konnte – und Plädoyer dafür, sie mit allen Mitteln zu bekämpfen. Denn bei allem, was in der Vergangenheit schief gelaufen ist: Es gab schon immer Menschen, die gegen Rassismus aufgestanden sind oder sich, wie Rosa Parks*, weigerten aufzustehen. Die Kämpfe gehen weiter – und die Stimmen werden lauter. Insbesondere die Schwarzer Frauen, die ihre Anliegen in der Vergangenheit häufig nicht zur Sprache bringen konnten. Und so endet das Buch mit den Worten: „Vielleicht sollten sie, die antirassistischen Töchter von Angela Davis, als neue Symbole der Hoffnung gelten, weil sie ihr Potenzial nutzen und in echte Macht verwandeln. Aber noch viel wichtiger: Vielleicht sollten wir alle so handeln.“

*Die Bürgerrechtlerin Rosa Parks wurde 1955 dafür bekannt, dass sie sich weigerte, ihren Sitzplatz im Bus für einen weißen Fahrgast freizugeben. Damit war sie allerdings nicht die Erste: Dasselbe hatte bereits elf Jahre zuvor Irene Morgan getan. 

Erschienen ist STAMPED – Rassismus und Antirassismus in Amerika im September 2021 beim dtv.

Eine Rezension von Lena Toschke.
Coverbild mit freundlicher Genehmigung des dtv.

Zurzeit studiert Lena Medizin in Münster, ihre Leidenschaft gilt jedoch vor allem dem Schreiben. Sie liebt Poetry Slams und beschäftigt sich viel mit Philosophie und feministischer Literatur.

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