Zehn Schritte Richtung Nanette – Hannah Gadsby

Zehn Schritte Richtung Nanette ist sowohl eine Biografie als auch eine Kontextualisierung von Hannah Gadsbys Bühnenshow „Nanette“. In ihrem ersten Buch ist die Comedienne an keiner Stelle weniger lustig oder humorvoll als auf der Bühne, lässt aber auch die schmerzhaften und dunklen Ecken ihres Lebens nicht aus.

“George Carlin hat mal gesagt, dass es die Aufgabe des Comedians sei, herauszufinden, wo die Grenzen gezogen werden, um diese bewusst zu überschreiten. Genau das habe ich getan. Die Grenze war in diesem Fall die Defintion von Comedy selbst und wenn man mal hinschaut, was für einen wunden Punkt ich damit getroffen habe, müsste ich damit automatisch schlussfolgern, dass ich eine exzellente Comedienne bin.“ (S. 31).

Auf fast jeder Seite des Buches empfand ich Freude, Trauer und Schmerz gleichzeitig. Und wenn man sich die dazugehörige Show Nanette anschaut, um dessen Entstehung es in dem Buch geht, dann ist das kein Zufall, sondern von Gadsby genau so gewollt und dabei auch noch unglaublich gut umgesetzt.

Sie arbeitet immer wieder heraus, zu welchen Zeitpunkten sie sich selbst nicht einordnen konnte, im Nachhinein aber viel besser versteht.

Gadsby sieht Nanette als Konsequenz von all dessen, was sie in ihrem Leben bisher getan und erlebt hat. Und so gibt das Buch auch einen umfassenden und tiefen Einblick in ihr Leben. Angefangen mit Anekdoten aus ihrer Kindheit in einer armen Familie mit 5 Kindern in einer kleinen Stadt in Tasmanien, von der sich jede Anekdote gleichermaßen lachend und trauernd lesen lässt. Denn auch wenn Gadsby ihr Leben linear erzählt, von den ersten Erinnerungen über die Grundschul- und High School Zeit bis hin zum Auszug, dem Studium, den ersten Liebesbeziehungen und dem Anfang der Karriere als Comedienne, kontextualisiert sie die Erfahrungen und Erlebnisse mit dem Wissen, dass sie jetzt besitzt. Und so werden auch die frühesten Kindheitserinnerungen mit ADHS und der Autismus-Spektrum-Störung (ASS) in Verbindung gebracht. Sie arbeitet immer wieder heraus, zu welchen Zeitpunkten sie sich selbst nicht einordnen konnte, im Nachhinein aber viel besser versteht. Und wie befreiend die Momente waren, als sie sich selbst verstehen konnte, und mit Begriffen wie ASS und Trauma auch eine Sprache hatte, um das ausdrücken zu können.

Immer wieder bezieht sie sich auf die politischen Ereignisse zu der beschriebenen Zeit, vor allem auf die queeren Kämpfe um Anerkennung und Entkriminalisierung. Hannah Gadsby ist lesbisch, wächst aber auf einer australischen Insel auf, auf der Homosexualität bis 1997 unter Strafe stand, und allein die Legalisierung dessen nicht die existierende Homophobie in der Gesellschaft veränderte. So beschreibt sie den schmerzhaften Prozess des Versteckens, Verstellens und der Selbsterkennung in kleinen Abschnitten im Buch verstreut. Und genau deshalb ist das Buch unter anderem so fesselnd (deswegen und wegen der Witze und bildhaften Beschreibungen – zum Beispiel vergleicht sie die Fähigkeit ihres Gehirns, Informationen zu verarbeiten, mit einem auf Drogen gesetzten Orchester). Gadsby hakt nicht einfach ein Thema nach dem anderen ab oder beschreibt Probleme und gibt gleich die dazugehörigen Lösungen. Das Buch ist aufgebaut wie ihr Leben, Erfahrungen und Erkenntnisse kommen nach und nach, dazwischen passieren andere Dinge und manche Themen wie ADHS ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch. Es gibt nicht die Bemühungen, ein Happy End an jede Geschichte zu schreiben, manches bleibt unaufgelöst.

„Es hat mich einiges gekostet, etwas so Finsteres in Lacher zu wandeln, und es gab Zeiten da war ich stolz darauf, das zu können.“

Nanette ist Teil jedes einzelnen Lebensabschnitts, und jeder einzelne Lebensabschnitt hat Nanette zu dem gemacht was es ist: eine Traumaübertragung. Und eine Abrechnung mit der Comedyszene. Vor allem mit der dort vorherrschenden Kultur, über Minderheiten diskriminierende Witze zu machen. Und Hannah Gadsby hat viele Witze über Homosexualität, Autismus und eigene Traumata, also über eigene Diskriminierungserfahrungen, gemacht. „Während ich mit Nanette rang dachte ich oft daran, dass ich aus […] Trauma Material für meine allererste Comedyshow gemacht hatte. Wie sehr hatte ich dafür an der Realität drehen müssen, namentlich an der Gewalt, damit diese Geschichte in einem Comedykontext funktionierte. Es hat mich einiges gekostet, etwas so Finsteres in Lacher zu wandeln, und es gab Zeiten da war ich stolz darauf, das zu können.“ (S. 393). Comedy funktioniert, indem zuerst Spannung aufgebaut und dann möglichst komisch aufgelöst wird. In Nanette gibt es diese Auflösung nicht mehr, die Realität wird nicht in einen Witz umgeschrieben und Traumata werden als solche benannt. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, ist Nanette eine der erfolgreichsten Comedyshows der letzten Jahre und wurde von Netflix 2018 ins Programm aufgenommen. Gadsby tourt mit Nanette nicht mehr, dafür aber mit einer anderen Show und ist im November 2022 Live in Berlin zu sehen. Es lohnt sich also die Verfilmung anzusehen, genauso wie das Buch zu lesen. Um zu verstehen, wie und warum Nanette funktioniert, um den Prozess zu sehen, den Hannah Gadsby während der Entstehung und der Shows gemacht hat und um am Ende mit einem wohligen Gefühl und gleichzeitiger Wut aus dem Buch entlassen zu werden.

Eine Rezension von Lotti

Lotti prokrastiniert ihr Studium der Politik- und Kulturwissenschaft und füllt die Zeit viel lieber mit Lesen und der Arbeit im ignite! Kollektiv mit Fokus auf Transformative Gerechtigkeit.

Das Buch „Zehn Schritte Richtung Nanette“ bekommt ihr für 18€ beim Rowohlt Verlag oder in der Buchhandlung eures Vertrauens.

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