Warum ich weiße Männer als weiße Männer bezeichne

Ich sitze im Büro und lade ein Video in meine Insta-Story: Ich, wie ich die Augen verdrehe, dazu der Kommentar: „wenn weißer mann mich beim arbeiten stört und mich nur fragt wie es mir geht, um mir zu erzählen wie gestresst er ist“. Ich lade dazu noch eine Umfrage hoch: Wisst ihr warum ich weiße Männer als weiße Männer benenne und nicht einfach von „Mann“ oder „Mensch“ spreche?

Seit ein paar Monaten teile ich auf meinem Instagram-Profil a_aischa rassismuskritische Inhalte. Ich bin Autorin und Trainerin für rassismuskritisches Denken. Ich erzähle von meinen eigenen Erfahrungen als Frau of Color und ordne sie in den Rassismusdiskurs ein, erkläre welche Rolle diese Erfahrungen in unserer Gesellschaft und Politik spielen. Meine Themen sind Rassismus, Intersektionalität[1] und Empowerment, also die Bestärkung und Ermutigung von Betroffenen. Seit den Hetzjagden auf Schwarze Menschen und People of Color Ende August in Chemnitz ist meine Followerzahl gewachsen, weil viele Menschen das Gefühl haben sich mit dem Thema Rassismus auseinandersetzen zu müssen. Mit meinen Instagram-Beiträgen fordere ich vor allem weiße Menschen dazu auf, sich damit zu beschäftigen und ihre eigene Position in diesen Machtstrukturen zu reflektieren.

Ich erzähle von meinen eigenen Erfahrungen als Frau of Color und ordne sie in den Rassismusdiskurs ein.

Ich frage also, ob die Menschen, die mir folgen wissen, warum ich weiße Männer als weiße Männer bezeichne, da dieses Wissen eine Grundlage für die Auseinandersetzung mit Rassismus ist. Der Großteil der Menschen hat mit JA gestimmt, einige aber auch mit NEIN. Deshalb habe ich eine Erklärung verfasst:

Zunächst müsst ihr wissen, was der Begriff weiß und die Bezeichnungen People of Color und Schwarze Menschen bedeuten. Der Großteil der Menschen in Deutschland ist weiß. Der Begriff weiß bezeichnet eine Konstruktion und nicht eine unreflektierte Hervorhebung von Hautfarbe. Weiß bezeichnet die privilegierte Position in einem rassistischen System. Weiße Menschen sind in Deutschland auf Grund ihres Weißseins privilegiert, immer. Viele Schreibende kennzeichnen den Begriff weiß, in dem sie den z.B. kursiv hervorheben, um zu zeigen, dass damit nicht Hautfarbe sondern Privileg gemeint. Weiß ist keine Selbstbezeichnung.

People of Color und Schwarze Menschen hingegen sind Selbstbezeichnungen. Das ist wichtig, da People of Color und Schwarze Menschen sonst immer Bezeichnungen von weißen Menschen zugeschrieben bekommen haben und noch immer zugeschrieben bekommen. Wir alle kennen diese diskriminierenden Bezeichnungen, ich werde sie hier nicht wiederholen. Als People of Color und Schwarze Menschen bezeichnen sich Menschen, die Rassismuserfahrungen machen,  Ausgrenzung von der weißen Mehrheitsgesellschaft erleben und sich als nicht-weiß definieren. Nicht alle People of Color machen dieselben Erfahrungen, da diese von vielen unterschiedlichen Faktoren und vor allem auch von der Intersektionalität verschiedener Diskriminierungsformen abhängig sind. Einer dieser Faktoren ist der historische Hintergrund von Erfahrungen, deshalb gibt es auch unterschiedliche Selbstbezeichnungen wie People of Color (POC) und Schwarze Menschen. Viele Bezeichnungen werden (auch) auf Englisch verwendet: Black, Black & People of Color (BPOC), Black & Indigenous People of Color (BIPOC) und Native Americans.

Der Begriff weiß bezeichnet eine Konstruktion und nicht eine unreflektierte Hervorhebung von Hautfarbe.

Bei der Bezeichnung People of Color, stehen die „People“ im Vordergrund. Das „of Color“ und „Schwarz/Black“ irritiert viele Menschen, da es nach „Farbe“ klingt und damit wieder sehr nah an kolonialen Zuschreibungen sein könnte. Gerade deshalb ist es wichtig, dass „Schwarz“ mit großem S geschrieben wird, weil es eben nicht die Hautfarbe bezeichnet. Schwarze Menschen haben genauso wenig eine schwarze Hautfarbe, wie People of Color bunt und weiße Menschen weiß sind. Schwarze Menschen und People of Color sehen alle sehr unterschiedlich aus und können eine sehr helle Haut haben und blond sein. Dass weiße Menschen alle unterschiedlich aussehen, ist für weiße Menschen selbstverständlich. Ich werde aber z.B. ständig mit zwei anderen Studierenden an meiner Uni verwechselt, die einen ähnlichen skin tone haben. People of Color schließt auch als muslimisch markierte Menschen mit ein, also zum Beispiel Menschen, die Kopftuch tragen. Die Diskriminierung auf Grund von Hautfarben nennt sich Colorism oder Skin Tone Discrimination und existiert überall, auch unter People of Color und Schwarzen Menschen.

Bevor ich zu meinem story-post zurück komme, in dem ich einen weißen Mann als solchen bezeichne, kann ich nun mit der Grundlage zu den Bezeichnungen weiß, POC und Schwarz erklären, warum es wichtig ist weiße Menschen als solche zu kennzeichnen: People of Color und Schwarze Menschen, werden meisten als solche hervorgehoben, durch rassistische Bezeichnungen und/ oder Beschreibungen wie „Menschen mit Migrationshintergrund“, „Menschen mit sichtbaren Migrationshintergrund“ mit Bindestrichbezeichnungen wie zum Beispiel „die srilankisch-deutsche Frau“ oder Herkunftsbeschreibungen wie „Person mit srilankischem Hintergrund“. Wenn also über mich berichtet wird, werde ich nicht als Autorin vorgestellt, sondern als Autorin mit Migrationshintergrund. Dabei ist wenn man viele meiner Texte lesen möchte gar nicht relevant, welchen Hintergrund ich habe. Genauso wie es nicht wichtig ist, dass ich Studentin mit Migrationshintergrund bin oder Supermarktbesucherin mit Migrationshintergrund, Fahrradfahrerin mit Migrationshintergrund oder Pflanzengießerin mit Migrationshintergrund. Ihr kennt es aus den deutschen Nachrichten: Sind People of Color oder Schwarze Menschen in Kriminalfälle verwickelt, werden diese hervorgehoben; sind weiße Menschen in Kriminalfälle verwickelt, wird nicht von dem*der „weißen Tatverdächtigen“ gesprochen sondern von dem*der „Tatverdächtigen“. Diese  Hervorhebung schafft eine Norm und zwar eine weiße Norm. Das heißt weiße Menschen werden als „normal“ gesehen und nicht-weiße als „unnormal“, als Abweichung vom Normalen und „anders“. Ist meine Kritik an Migrationshintergrund-Bezeichnungen ein Widerspruch dazu, dass sich People of Color also solche bezeichnen und mit dieser Bezeichnung auch hervorheben? Nein, denn diese Bezeichnung bedeutet erst mal, dass People of Color Rassismuserfahrungen machen. So werden Machtstrukturen sichtbar gemacht. Wenn ich weiße Menschen als solche bezeichne mache ich ihr weißes Privileg sichtbar, People of Color und Schwarze Menschen kennzeichnen ihre betroffene Position in den Machtverhältnissen durch ihre Selbstbezeichnung. Das Sichtbarmachen ist unheimlich wichtig, damit wir überhaupt über Rassismus und andere Diskriminierungsformen sprechen können.

Wenn ich weiße Menschen als solche bezeichne mache ich ihr weißes Privileg sichtbar, People of Color und Schwarze Menschen kennzeichnen ihre betroffene Position in den Machtverhältnissen durch ihre Selbstbezeichnung.

Im deutschen Hygiene-Museum in Dresden ist noch bis Januar eine Ausstellung zu Rassismus zu sehen. Dort kann man einen digitalen Spiegel und darin ein Zitat der Autorin Michelle Haimoff aufscheinen sehen, wonach eine Schwarze Frau in ihrem Spiegelbild eine Schwarze Frau sieht, eine weiße Frau eine Frau und ein weißer Mann einfach einen Menschen.

Mit der Bezeichnung „weißer Mann“ wird das Bild des weißen Mannes als Norm kritisiert, in dem es als solche betont wird. Hier haben wir es nun mit Überschneidungen von Diskriminierungen zu tun, also mit der Intersektionalität von unterschiedlichen Diskriminierungsformen. In rassistischen Strukturen sind weiße Menschen in der privilegierten Machtposition, in sexistischen Strukturen sind Männer privilegiert.

Nun zurück zu meinem Story-Post, und warum ich weiße Männer als weiße Männer bezeichne, und nicht etwa als Mann oder Mensch. Das Video aus dem Büro, in dem ich zu sehen bin, wie ich die Augen mit dem Kommentar verdrehe: „wenn weißer mann mich beim arbeiten stört und mich nur fragt, wie es mir geht, um mir zu erzählen wie gestresst er ist“. Im Kontext von Sexismus und Rassismus sind weiße Männer in der Machtposition und damit gewohnt Raum einnehmen zu können und das zum Nachteil von Nicht-Weißen und Nicht-Männern. Die meisten weißen Männer merken das noch nicht mal. Durch die Bezeichnung „weißer Mann“ kann dies sichtbar gemacht werden. Und ja, vielleicht hätte es mich auch gestört, wenn es ein Mann of Color gewesen wäre oder eine Frau of Color. Doch der Punkt ist, dass es meistens Männer sind, genauer gesagt weiße heterosexuelle able-bodied cis-Männer, die unreflektiert Raum einnehmen. Einfach weil sie es gewohnt sind und gelernt haben, dass sie es dürfen.

Im Kontext von Sexismus und Rassismus sind weiße Männer in der Machtposition und damit gewohnt Raum einnehmen zu können und das zum Nachteil von Nicht-Weißen und Nicht-Männern.

Wenn ich also von weißen Männern spreche, geht es nie darum, dass alle weißen Männer scheiße sind und sich unreflektiert verhalten. Wenn weiße heterosexuelle cis-Männer von safer spaces[2] ausgeschlossen werden, geht es nicht darum, dass alle weißen heterosexuellen cis-Männer sich immer daneben benehmen, sondern in erster Linie Betroffene zu schützen. Ich bin mit weißen Männern befreundet, wohne mit weißen Männern zusammen, habe weiße männliche Familienmitglieder und bin mit einem weißen Mann zusammen. Ich würde es mir ja nicht antun etwas mit diesen Personen zu tun zu haben, wenn sie sich ständig unreflektiert verhalten würden. Es heißt auch nicht, dass weiße heterosexuelle cis-Männer nicht von Diskriminierung betroffen sein können, schließlich gibt es viele weitere Diskriminierungsformen wie z.B.  Klassismus[3] und Ableismus[4]. Es heißt erst mal, dass sie nicht wegen ihres Geschlechts, ihrer Sexualität und ihres Weißseins diskriminiert werden und somit privilegiert sind. Wenn so viele Privilegien zusammenfließen, ist das Leben in unserer Gesellschaft einfacher. Das heißt aber nicht, dass weiße heterosexuelle cis-Männer es immer einfach im Leben haben. Es heißt nur, dass sie nicht noch zusätzlich von bestimmten Diskriminierungsformen betroffen sind und eingeschränkt werden. Das führt dazu, dass besonders weiße heterosexuelle cis-Männer nicht ihr Verhalten reflektieren. Wenn weiße heterosexuelle cis-Männer für dieses Verhalten kritisiert werden, wird ihnen eine Sache genommen, die sie gewohnt sind zu besitzen, weil unsere Gesellschaft nun mal so angelegt ist: Die Entscheidungsmacht darüber, was diskriminierend ist und was nicht. Weil Betroffene selbst darüber entscheiden. Der Verlust der Deutungshoheit ist unbequem und kann sich ungerecht anfühlen und hat mir gegenüber schon zu aggressivem Verhalten bis hin zu Drohbriefen geführt. Es ist ein Zeichen von Macht und einer privilegierten Position, wenn man sich nicht mit Diskriminierung auseinandersetzen muss.

An meinen Workshops nehmen zum Großteil Frauen* teil. Das ist kein Zufall, sondern zeigt, dass wenn man sich mit einer Diskriminierungsform beschäftigt, leichter einen Zugang dazu findet sich auch mit weiteren Diskriminierungsformen zu beschäftigen. Warum ich nicht einfach von „manchen weißen Männern“ oder „einigen weißen Männern“ spreche? Weil die Sensibilisierung für Diskriminierungen ein Prozess ist und nicht aufhört und sich der Diskurs ständig ändert. Es geht also darum sein eigenes Verhalten immer zu hinterfragen und zu reflektieren, auch die weißen Männer, die das schon tun. Wenn es dann in 956 Jahren das weiße Patriachart nicht mehr gibt, dann höre ich auch auf von „weißen Männern“ zu sprechen.

Fußnoten:

[1] Intersektionalität bezeichnet die Überschneidung verschiedener Diskriminierungsformen, von der eine Person betroffen sein kann, wie zum Beispiel Sexismus und Rassismus.

[2] safer spaces, auf Deutsch sicherere Räume, sind Räume in denen Betroffene unter sich sind und die Möglichkeiten haben, Erfahrungen zu teilen. Damit sind zum Beispiel Veranstaltungen gemeint, die nur für People of Color zugänglich sind, um sie vor rassistischer Diskriminierung zu schützen. Der Begriff impliziert aber auch, dass es keine ganz sicheren Räume geben kann, denn auch unter People of Color gibt es Diskriminierungen, wie zum Beispiel Sexismus.

[3] Klassismus bezeichnet die Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft und sozialen Position, Menschen mit einem akademischen Hintergrund sind in diesem Zusammenhang privilegiert.

[4] Ableismus bezeichnet die Diskriminierung aufgrund der körperlichen und/oder geistigen Beeinträchtigung, able-bodied Menschen sind in diesem Zusammenhang privilegiert.

Ein Artikel von Arpana Berndt

© cv studio berlin

Arpana Aischa Berndt (cis/ weiblich) studiert seit 2015 Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim, ist Chefredakteurin des NERV-Magazins der Universität Hildesheim und Mitherausgeberin der Literaturzeitschrift BELLA triste. Sie veröffentlicht Kurzgeschichten, Artikel und Podcasts online, in Zeitschriften und Anthologien. In ihren Arbeiten beschäftigt sie sich mit intersektionalem Feminismus und setzt ihren Fokus auf Rassismuskritik. Sie gibt Antirassismus- und Empowermentworkshops und steht für eine diskriminierungskritische Kulturpraxis ein.

Für mehr rassismuskritischen Content follow a_aischa auf Instagram.

Titelbild mit freundlicher Genehmigung von Arpana Berndt
Foto von Hagen Berndt

5 Kommentare zu „Warum ich weiße Männer als weiße Männer bezeichne

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  1. Super Beitrag, sehr interessant! Und ich habe so viele Gedanken dazu… Zum Beispiel fällt mir auch oft auf, dass der sogenannte Migrationshintergrund sofort hervorgehoben wird. Das erste Beispiel, das mir einfällt, ist der Bachelor von gestern Abend. 😀 Er hat einen etwas dunkleren Hauttyp als die „Norm“ in Deutschland… Tja, und da wird er direkt gefragt: Wo kommst du her? Was sind deine Wurzeln? Worauf er direkt geantwortet hat: Ich bin Deutscher. (Später hat er dann noch erklärt, woher seine Großeltern ursprünglich kommen). Das fand ich super! Aber zeigt auch wieder, welche Aufmerksamkeit in den Medien auf die Herkunft, auf die Abweichung der „Norm“ gelegt wird.
    Ansonsten ist mir in dem Beitrag noch aufgefallen, wie ungewöhnlich ich die Schreibweisen von „weiß“ und „schwarz“ finde. Einmal kursiv, einmal mit Großbuchstaben. Wer hat das festgelegt? Ich werde dazu selbst noch einmal recherchieren… Als Linguistin finde ich das gerade sehr spannend.
    So, und zum Abschluss noch: Den letzten Satz in dem Beitrag fand ich besonders gut! Liebe Grüße 🙂

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  2. Vielen herzlichen Dank für diesen erhellenden Artikel. Er spricht vieles an und aus, was ich erlebe und beobachte, aber nicht mit Worten zu benennen weiß. Ich werde ihn mir noch öfter durchlesen, da ich all die wertvollen und spannenden Gedanken gerne meinem Argumentationskanon ‚einverleiben‘ möchte – auch auf die Gefahr hin, dass es mich einsam macht, weil meine (allesamt unsichtbar privilegierten) Freunde das evtl. zu abgehoben und weit hergeholt finden (könnten). Aber im Gegenteil!! Der Text ist so, so wichtig und ich bin froh, ihn heute gefunden zu haben. Nochmals danke.

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  3. Ich bin selbst nicht von Diskriminierung betroffen, aber mir ist wichtig, dass gesprochene und geschriebene Sprache dazu beiträgt, Diskriminierungen entgegenzuwirken. Deshalb finde ich deinen Ansatz gut und richtig. Die sprachlichen Vereinbarungen, die du vorschlägst, halte ich allerdings… nein, anders: Ich hatte Schwierigkeiten, mir selbst die Regeln (Kursiv-/Großschreibung) plausibel zu machen. Zum Beispiel ist es kaum möglich zu wissen, ob eine kursives „weiß“ in einem konkreten Satz eine privilegierte Person meint oder die Hautfarbe hervorheben soll.
    Die Folge sind, fürchte ich, Missverständnisse z. B. darüber, ob du nun alle Weißen (Kursive und Nichtkursive) über einen Kamm scherst – außer wenn du es dann doch wieder erklären musst, und dann ist die typographische Unterscheidung für die Katz.
    Mich interessiert es sehr herauszufinden, ob es nicht leichter vermittelbare Formen gibt, Diskriminierungen zu markieren.

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