Auf diese Meinungsfreiheit kann ich verzichten

– Kritik an Bohemian Browser Ballets „Plötzlich Nazi“

Content Notification: weiße Ignoranz, Verharmlosung von Faschismus, Erwähnung des Chemnitzer Pogroms

Ein aktuelles Video, mit dem Titel „Plötzlich Nazi“, der Medienmacher*innen Bohemian Browser Ballett(1), vom 16.1.2020 versucht sich in der Kritik an Call out und Cancel Culture(2). Der Plot: ein Tüp twittert, Meinungsfreiheit gelte auch für Konservative. Daraufhin wird er von seiner Umwelt nur noch als Nazi wahrgenommen. Am Ende der Geschichte hält er mit einer Leidensgenossin den Kritiker*innen den Spiegel vor – sie stellen fest, der kurze Griff zur Nazi Stigmatisierung sei selbst in seinem Wesen eine Nazi Methode. Das Gleichnis schließt mit der Feststellung: Während „die Linken“ sich gegenseitig mit Nazi-Vorwürfen an die Gurgel gehen, überlassen sie den echten Nazis das Feld.

Bohemian Browser Ballett fällt hier auf einem fatalen Irrtum liberaler Analysen herein. Eine gute Kritik an Call Outs und Canceling wäre an sich nicht das Schlechteste und gar nicht so fehl am Platz. In der Tat passiert es häufig, dass nach unten, statt nach oben getreten wird und die Vertreter*innen progressiver Positionen unkonstruktiver Weise wegen mangelnder Sensibilität in bestimmten Bereichen zum Pranger geführt werden. Das ist jedoch ein anderes Thema, das einer wesentlich tieferen Analyse bedarf, als es das zweiminütige Video von Browser Ballett vermag zu leisten. Stattdessen macht das Filmchen den kurzen Griff, der glauben macht, linke Politik zeichnet lediglich das Bild der omnipräsenten Nazis, sobald eine Position nicht „der eigenen Meinung entspricht“.

Zumindest in meinem täglichen Erleben und im täglichen Erleben vieler, die sich aus einer gesellschaftlich marginalisierten Position heraus links verorten, sieht das jedoch sehr viel anders aus. Aufklärung und Bildungsarbeit, die wir leisten, Debatten die wir führen, beißen so häufig auf Granit. Wir stoßen auf den Vorwurf überall nur „den Feind“ zu sehen, alle nur als böse Nazis und Rassisten darzustellen, bevor der eigentliche Dialog überhaupt begonnen hat. Ein Kernbestandteil der Kritik an unterdrückerischen Machtstrukturen, die unsere Alltage durchziehen und unsere Leben gestalten, ist die Befragung, wie unsere eigene Wahrnehmung, unser eigenes Denken und Handeln durch eben diese beeinflußt wird. Wie wir an ihnen teilhaben, sie selbst – oft unbewusst – zementieren und dadurch von der Unterdrückung und Ausbeutung anderer profitieren.

Der Zauberspruch geht wie folgt: Bist du in einer Gesellschaft aufgewachsen, deren kapitalistische Ordnung auf Mechanismen des Klassismus, Rassismus, Queerfeindlichkeit, Sexismus, Ableismus (und weiteren) aufbaut? (Wenn du nicht auf dem Mond lebst, musst du diese Frage wohl mit ja beantworten) Dann bist du aller Wahrscheinlichkeit nach selbst als Klassist*in, Rassist*in, Queerfeind*in, Sexist*in, Ableist*in etc. erzogen, selbst wenn diese Diskriminierungen dich selbst betreffen. Dafür kannst du erstmal nichts. Aber dagegen kannst du dennoch etwas unternehmen. Der erste Schritt ist die Einsicht in eben beschriebene Mitverantwortung und damit auch Schuld – die Einsicht, dass du per Geburt in einem diskriminierenden System selbst diskriminierst, ob du es willst oder nicht.

Das bedeutet Arbeit. Schwerste Arbeit an der Reflexion der eigenen Schuldigkeit an Rassismus und weiteren Diskriminierungen/Strukturen. Diese Arbeit ist schmerzhaft. Besonders wenn du als weiße Person feststellst, dass du am meisten von den vielfältigen Unterdrückungen profitierst. Der daraus resultierende, verständliche Reflex ist Abwehr. Unser Bewusstsein ist natürlich erst einmal daran interessiert, die aktuelle Situation beizubehalten. Wir genießen Privilegien, die wir nicht reflektieren, sondern als gegeben hinnehemen, der gegenwärtige Zustand scheint also zu funktionieren, wärend ihn in Frage zu Stellen unheimliche Unsicherheit erzeugt. Und unter Diskriminierung verstehen wir sichtbare Diskriminierung, wie rassistische Sprüche oder trans*feindliche Beleidigungen. Für unser alltägliches Leben, das in seinem uns gar nicht so groß vorkommenden Wohlstand auf der Ausbeutung marginalisierter Gruppen beruht kritisiert zu werden, erschließt sich daher zunächst nicht.Der Vorwurf, als Rassist*in, Klassist*in, Sexist*in, Queerfeind*in, Ableist*in,… „beleidigt“ worden zu sein, ist geboren. Es handelt sich nur nicht um eine Beleidigung, sondern um die Feststellung einer simplen Tatsache.

Während nun also „die Linken“, vornehmlich marginalisierte Gruppen, kontinuierlich daran arbeiten, intersektionale Bündnisse durch fortwährende Reflexion und Verbesserung der eigenen Verfehlungen zu schließen, igelt sich eine liberale Mitte der Gesellschaft in ihrem verletzten, privilegierten, zumeist weißen Abwehrmechanismus ein. Diejenigen, die am meisten vom stetigen Rechtsruck der Gesellschaft betroffen sind, weil es ihre – unsere – Leben sind, die auf dem Spiel mit der menschenfeindlichen Ideologie stehen, werden allein gelassen. Liberale Stimmen sagen, jede*r soll halt so wie eins möchte, Ende der Debatte. Konservativere Stimmen sagen, das geht uns doch nix an und merken nicht, wie sie selbst gemeinsam mit dem gesellschaftlichen Diskurs immer weiter gen Faschismus driften.

Während wir also zwingend notwendige, radikale Positionen vertreten, um dieser Drift auch nur annähernd etwas entgegen zu setzen, ist es die faule Mitte, die es nicht schafft eine klare Position zu beziehen und so „den Rechten“ das Feld überlässt.

Wir würden nicht genug miteinander reden. Ich setze mich jeden Tag mit einer Gesellschaft auseinander, die meine und die Bedarfe meiner Geschwister, ob be_hindert, geflüchtet, of Color, Frauen, arm, pervers oder queer, nicht anerkennt. Ich rede mir den Mund fusselig, in der Hoffnung auf Einsicht, dass unsere Leben lebenswert sind. Es ist die Mitte, das Establishment, die Bürger*innenschaft, die ohrenbetäubend laut zurückschweigt, die Ohren verschließt, oder versucht, mich zum Erhalt ihrer Privilegien zum Schweigen zu bringen. „Meinungsfreiheit gilt auch für Konservative“ heißt es in dem Video. Wenn Konservative jedoch mit ihrer Meinung zunehmend dem Faschismus näher rücken, muss ihnen entgegen getreten werden. Und zwar eigentlich nicht von uns, die wir jeden Tag im Kreuzfeuer der alltäglichen Diskriminierung genügend Verletzungen erfahren, sondern von solidarischen Nicht-Betroffenen, die ihre Privilegien, die es erlauben, dass ihren Stimmen Gehör geschenkt wird, verantwortungsvoll nutzen.

Bohemian Browser Ballett wiederholt den Mythos, radikale Linke hätten beispielsweise zur Wahl Donald Trumps beigetragen, indem sie die Mitte verschreckt und die weiße Arbeiter*innenklasse allein gelassen hätten. Es waren allerdings nicht Schwarze, queere, linke Amerikaner*innen, die die Wahl für Trump gewonnen haben, sondern eine gesellschaftlich nach wie vor tief verwurzelte white Supremacy, regressiver Konservatismus, religiöser Fundamentalismus und kapitalistische Wirtschaftsinteressen, die diese Wahl für ihn gewonnen haben – und eine mehrheitlich schweigende Gesellschaft, die für den Erhalt ihrer Privilegien den Sieg des Faschisten in Kauf genommen hat.

Es waren Faschisten, die 2018 in Chemnitz ein gewalttätiges Pogrom gegen das für sie Fremde in Form einer Hetzjagd veranstaltet haben. Und es waren Konservative, die diese Faschisten geschützt haben, ihren Hass beschönigten und die brutale Gewalt die gegen PoC und Jüd*innen verübt wurde, bagatellisierten. Auf diese Meinungsfreiheit kann ich verzichten.

Titelbild: Bohemian Browser Ballett / YouTube Screenshot

Ein Artikel von Mine Wenzel (trans*nonbinary/endo/weiß)

Sie* ist DJ*, Musikerin* und trans*aktivistisches Anar*chic. Sie* produziert den trans*ginger Teapot Cast, gibt Vorträge und Workshops zu Machtkritik und Themen der Antidiskriminierung und graswurzelt sich über verschiedene Soziale Medien und analoge Netzwerke um das Cistem zu unterwandern. Hier geht es zu ihrem Instagram-Kanal, ihrem Podcast ‚trans*ginger Teapot Cast‘, und ihrer Facebook Seite.

1 ein Format von funk, der Medienanstalt für junges Publikum der öffentlich rechtlichen Sender in Deutschland

2 Call Out und Cancelling heißt, Einzelpersonen für problematische Inhalte öffentlich zur Verantwortung zu ziehen. Ziel von Callouts ist es, viele Menschen auf die Verfehlungen aufmerksam zu machen und so durch die Masse an Reaktionen Druck auf die entsprechende Person auszuüben, sich mit ihren Verfehlungen auseinanderzusetzen. Cancelling ist der Aufruf, der häufig mit Callouts einhergeht, in dem es darum geht alle weiteren Inhalte der Person zu boykottieren.

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