Die Ostergeschichte – Eine kleine Herstory der Apostel*innen

Bei den meisten Erzählungen erschließt sich deren Gehalt nicht nur darüber von was sie handeln, sondern vor allem auch darüber vom wem sie erzählt werden. Und wessen Erzählung als legitim angenommen wird. So auch bei der Geschichte von der Auferstehung eines charismatischen und spirituellen Jungführer einer kleinen jüdischen Sekte, soon to be „das Christentum“.

Die Facts: Jesus Christus: „gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, / hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten“ [1]

Die Auferstehung bleibt nicht unbemerkt. Als die Jüngerinnen Maria Magdalena und Martha in der Osternacht, nicht ohne ein gewisses Risiko einzugehen, das Grab aufsuchen um zu beten,  verkündigt ihnen ein Engel die Auferstehung Jesu. Die Jüngerinnen eilen zurück, um auch die anderen Jünger*innen zu informieren. Daraufhin eilen Petrus und der sogenannte Lieblingsjünger, der interessanterweise von verschiedenen Bibelinterpret*innen  als Maria Magdalena gelesen wird, zum Grab. Sie finden nichts weiter, als die inzwischen sagenumwobenen und vielfach gefälschten Leichentücher Jesu.

Kurz darauf begegnet Maria Magdalena in der Nähe des Grabes einem jungen Mann, den sie zunächst für einen Gärtner hält. Erst im Laufe des Gesprächs erkennt sie: Es ist Jesus! Er trägt ihr auf seine „frohe Botschaft“ zu verbreiten.
Am selben Abend erscheint Jesus auch den anderen Jünger*innen, um diese nicht eifersüchtig zu machen. Auch ihnen trägt er auf seine „frohe Botschaft“ zu verkündigen.

Diese Begebenheit ist nicht nur der Ursprung des missionierenden Christentums, das im Laufe der Geschichte noch viele grausame Verbrechen unter dem Deckmantel der Missionierung begehen wird, sondern auch einer der Ursprünge patriarchaler Kirchentradition.

Die Unsichtbarmachung beginnt

Apostel*innen werden diejenigen Jünger*innen genannt, die Jesus mit der Verkündigung und Verbreitung seines Glaubens beauftragt hat. Als erstes erscheint Jesus Maria Magdalena. Weshalb sie, folgte man dieser Logik, die erste aller Apostel*innen sein müsste. Doch als erster Apostel wird immer Petrus genannt. Der reuige Badboy, der Türsteher des Himmels. In der Bibel vor allem herausstechend für seinen Jähzorn und seine Misogynie. Der christliche Prototyp des Moral Disengagements und der biblische Nemesis Maria Magdalenas.

Die Tatsache, dass Maria Magdalena Jesus nicht gleich erkannt hat, wird ihr zum Verhängnis gemacht. Auch von Petrus, der versucht die anderen Jünger*innen von ihrer Unzulänglichkeit zu überzeugen. Dazu kommt das Lukasevangelium, das als einzige Textquelle im Neuen Testament nur männlich gelesenen Jünger*innen das Aposteltum zugesteht.

Es folgt eine Geschichte von christlichen Gelehrten, die Maria Magdalena und den anderen Jüngerinnen nach und nach die anfangs noch denkbare Apostell*innenschaft strategisch absprechen.
Das geschieht zum Beispiel in der Umdeutung der Rolle Maria Magdalenas als die Apostelin für die Apostel. Die Botschafterin für die eigentlich Außerwählten: Die Männer. Oder durch noch stumpfere Misogynie, wie es zum Beispiel Bischof Petrus Chrysologus  im 5. Jahrhundert probierte: „Brüder, die Frau ist die Ursache des Bösen, der Sünde Urheberin, der Weg zum Tod, des Grabes Grund, das Tor zur Hölle, des Wehklagens ganze Notwendigkeit: deswegen werden sie mit Tränen geboren.“  Das Ganze führt er fort durch eine Art mystifizierendes Othering, das auf den ersten Blick wie eine Wertschätzung der Weiblichkeit gelesen werden kann, aber schnell seinen rollenzuweisenden Charakter offenbart: „Diese ist nicht eine verkehrte Ordnung, sondern eine mystische; nicht werden die Apostel den Frauen nachgestellt, sondern für Größeres bewahrt; die Frauen nehmen den Dienst an Christus an sich, Die Apostel nehmen Christi Leiden auf sich. Jene betreten das Grab, diese den Kerker, jene gießen Öl hin, diese vergießen Blut: den Tod bestaunen jene, diese nehmen Tode auf sich. Und kurz: Jene bleiben zu Hause, zu Schlachten eilen diese, um als ergebene Soldaten gegenüber Feinden zu bewähren. … Die Frauen bringen also Tränen vor Christus; die Apostel bringen, nachdem der Teufel überwältigt und die Feinde besiegt worden sind, Christus den Sieg heim und den Triumph.“[2]

Die Frau Drinnen. Der Mann Draußen. Die Frau Passiv. Der Mann Aktiv. Es lässt sich gar nicht aufzählen, wie viele weitere Sexismen in diesen Worten stecken. Klar ist die patriarchale Ordnung, die aus ihnen folgt. Die Apostel werden männlich gemacht und bleiben es auch. 

Andererseits ist es für das Image der Jüngerinnen vielleicht gar nicht so schlecht, nicht als Apostelinnen anerkannt zu werden. Schließlich sind die Bischöfe, die Nachfolger der Apostel auf Erden. Und in deren Namen folgen zahlreiche Kreuzzüge, Zwangsmissionierung im Zuge der Kolonialisierung und andere Gewaltverbrechen bis heute.


[1] Apostolisch katholische Glaubensbekenntnis

[2] Taschl-Erber, Andrea. Maria von Magdala – erste Apostolin?: Joh 20,1 – 18: Tradition und Relecture. Freiburg: Herder, 2007. S.599

Eine Artikel von Mona Sachße
Bilder mit freundlicher Genehmigung von Unsplash / Aaron Burden

Mona Sachße studiert derzeit Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis in Hildesheim. Am liebsten liest sie ihren Freund*innen ungewollte Tweets vor und legt auf. Hier geht es zu ihrem Instagramkanal.

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