Pussy Pairs: Die Great Wall of Vagina von Gloria Dimmel

Vor ein paar Wochen wurde euch bei .divers das Spiel „Pussy Pairs“ vorgestellt. Die Künstlerin, die das Spiel entwickelt hat ist Gloria Dimmel. Im Interview erzählt sie mir, wie es zu den Gipsabdrücken kam, was eine Normalisierung der Vulva bedeuten könnte und warum die Produktion der Abdrücke in China nicht gestattet wurde.

Lena Günther: Wie sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen?

Gloria Dimmel: 2017 habe ich Mithu Sanyals „Vulva“ über die Kultur- und Kunstgeschichte der Vulva gelesen, was ich sehr faszinierend fand, zumal mir beispielsweise die Sheela-na-Gig-Steinreliefs in Großbritannien und Irland, und vieles mehr, absolut kein Begriff waren und damit auch einfach die positive Besetzung der Vulva gefehlt hat. Danach hatte ich ein scherzhaftes Gespräch mit einer Freundin nach dem Motto: Wir könnten unsere eigene Great Wall of Vagina von Jamie McCartney machen. Ich hatte alle Materialien zu Hause und hab kurzerhand einen Abdruck meiner Vulva für mich hergestellt. Das Ergebnis hat mich total begeistert und fasziniert. Die positiven Gefühle haben dann die ursprüngliche Scham überschattet und mich dazu veranlasst, meine Vulva im Freundeskreis herumzuzeigen, auch wenn ich mir ein wenig vorkam, als würde ich „unsolicited dickpics“ verteilen. Dass größeres Interesse dafür entstehen könnte, hätte ich damals nicht gedacht. 2019 ist dann das Spiel Mumury bzw. Pussy Pairs daraus entstanden.

Lena: Welche Zielgruppe hatten Sie vor Augen als Sie das Spiel entwickelt haben?

Gloria: Im Prinzip können alle Menschen Pussy Pairs aka Mumury spielen und wenn es auch nur einer Person hilft, sich mit dem eigenen Körper auseinanderzusetzen, dann hat es sich schon gelohnt.

Lena: Warum haben Sie sich für die Darstellungsform der Gipsabdrücke entschieden?

Gloria: Von einer bewussten Entscheidung kann man hier nicht sprechen. Es war einfach ein Ausprobieren. Dreidimensionale Skulpturen waren letztendlich einfach sehr faszinierend, zumal man das eigene Genital normalerweise nicht aus einer anderen Perspektive betrachten kann.

Lena: Hand aufs Herz: Ist das eigentlich schmerzhaft, Gipsabdrücke machen zu lassen?

Gloria: Absolut nicht! Selbst wenn man die Intimbehaarung nicht entfernt, kann man mit Vaseline das Schlimmste verhindern. Es ist also definitiv nicht wie beim Waxing.

Lena: Was haben Sie bis jetzt an Reaktionen erhalten?

Gloria: Hauptsächlich Gutes! Viele finden toll, dass ich dieses Thema repräsentiere und den Menschen die Möglichkeit gebe, einen Abdruck von sich selbst zu machen. Manche haben mir sogar kleine vulvabezogene Geschenke gegeben – einen Vulva-Linoldruck, oder eine Vulva-Broche etc. Negatives liest man hingegen eher nur online, also z.B. unter Medienbeiträgen über das Projekt.

Lena: Welches Ziel erhoffen Sie sich im besten Fall?

Gloria: Eine Normalisierung der Vulva, wie sie aussieht, wer alles überhaupt eine Vulva hat und wie man über sie spricht. Dass man überhaupt über sie sprechen kann wie über jedes andere Körperteil. Ein Ende der Mystifizierung.

(c) ACHSE Verlag

Lena: Wo wird ihr Spiel vertrieben und was für ein Problem gab es mit dem chinesischen Markt?

Gloria: Derzeit hauptsächlich online beim ACHSE Verlag, aber zunehmend auch in Shops in Wien und gelegentlich in anderen Ländern. Zuerst war eine Produktion in China vorgesehen, nachdem dem Verlag allerdings der erste Prototyp geliefert worden war, wurde dem Verlagsteam mitgeteilt, dass zensurbedingt eine Produktion in China nicht möglich wäre. Das ist interessant, da dort vermutlich tausende Sex-Toys und auch genug Bildmaterial produziert werden, aber die Fotos von Gipsskulpturen zu obszön sind.

Lena: Ist das Spiel auch zur Aufklärung z.B an Schulen geeignet?

Gloria: Ich denke schon, dass das Spiel für Aufklärungszwecke verwendet werden kann, für Aufklärungszwecke allerdings im Idealfall geleitet von einer Person, die für Fragen zur Verfügung steht. Schließlich fehlen im Spiel auch gewisse Faktoren wie Hautfarbe und auch Intimbehaarung, die viele Fragen aufwerfen können. Es ist definitiv keine allumfassende Informationsquelle, sondern soll für viele einfach eine erste, lockere Annäherung mit dem Thema sein.

Lena: Das Projekt ist auch dazu gedacht Schamgefühle abzubauen. Denken Sie, dass dies schon durch eine andere Erziehung erreicht werden könnte? Falls ja, Was würden Sie sich wünschen, wie Sexualerziehung aussehen sollte?

Gloria: Klar denke ich, dass die Erziehung viel mit Schamgefühlen zu tun hat, und ein gewisses Schamgefühl ist auch natürlich. In vielen Familien wird aber über Sexualität gar nicht gesprochen. Ein Gefühl für körperliche Autonomie wird auch nicht immer vermittelt. Dabei ist es so wichtig, nein sagen und klare Grenzen aufziehen zu können. Man sollte definitiv einen sexpositiven Zugang zum Thema finden, und wenn es zu Hause nicht möglich ist, sollte es dafür umso mehr Initiativen an Schulen geben, die ein unaufgeregtes, wertfreies Bild vermitteln und umfassend informieren können.

(c) ACHSE Verlag

Lena: Hatten Sie selbst schon immer ein gutes Verhältnis zu ihrem eigenen Körper? Wie wurden Sie im Hinblick auf Vulva, Sexualität etc. erzogen?

Gloria: Also direkt aufgeklärt wurde ich meiner Erinnerung nach zu Hause nicht. Es gab allerdings zumindest eine Bezeichnung für mein Genital. Trotzdem war mein Verhältnis nicht besonders gut. Ich hatte schon sehr oft das Gefühl, irgendetwas wäre falsch mit meiner Vulva.

Lena: Sehen Sie sich als politische Künstlerin und wenn ja haben Sie auch konkrete Forderungen an die Politik?

Gloria: Klar ist dieses Projekt politisch, weil es versucht Frauen*körper von Fremdbestimmung zu befreien. Für die Gesellschaft ist es ja schließlich normal über Frauen* zu bestimmen, bestes Beispiel ist die Abtreibung. Aber auch die ständig vorgelebte Selbstoptimierung, die nicht vor Genitalien Halt macht, nutzt im Endeffekt nur Wirtschaftstreibenden.

Lena: Warum haben Sie sich für die Form eines Spieles entschieden?

Gloria: Spielen ist meiner Meinung nach ein lockerer und einfacher Zugang, um sich mit Inhalten auseinanderzusetzen, ohne das Gefühl zu haben, dass man gerade etwas lernt. Die Hemmschwelle ist um ein Vielfaches kleiner. Und auch wenn man sich darüber lustig macht, oder das Spiel als Gag für jemanden kauft, normalisiert man das Thema Schritt für Schritt. Gerade Memory kennen wir alle aus unserer Kindheit, dafür muss man keine neuen Regeln lernen und hat dafür umso mehr Zeit, sich die Bilder genau anzusehen. Und das muss man letztlich auch, um sich zu merken, wo was liegt.

Lena: Was planen Sie als nächstes?

Gloria: Momentan ist eine zweite Auflage von Pussy Pairs mit neuen Bildern in Planung, ansonsten lasse ich mich derzeit etwas treiben.

Vielen Dank für das Interview!



Ein Interview von Lena Günther

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Gloria Dimmel
(c) Flora Löffelmann und ACHSE Verlag

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