Privatsachen. Über Fatphobia und Gesundheit

Ich bin wütend. Ich habe diesen Artikel schon vor ein paar Monaten begonnen, als ich mehrere Tage hintereinander mit Sätzen konfrontiert wurde wie „Dein Gewicht ist mir egal, solange es ein gesunder Körper ist!“ oder „Wenn der damals schon so aussah wie heute, ist es auch kein Wunder, dass er so jung ’nen Schlaganfall hatte.“ Doch in Corona-Quarantäne-Zeiten wurde es dann noch krasser. Egal, ob ich einen Podcast einschaltete, durch Instagram scrollte, irgendwo einer Werbung begegnete oder einen Gesprächsfetzen aufschnappte: Mir wurde mindestens fünfmal am Tag gesagt, dass man ja echt mal wieder etwas tun müsse, das 85. Home-Workout vorgeschlagen, die gejoggten Kilometer der nächsten Person präsentiert und etwa 154 neue Memes darüber entgegengeschleudert, wie wir alle plötzlich mehrgewichtig aus der Isolation purzeln würden.

Überall schwingt sie mit – Fatphobia. Dieser Ausdruck hat sich in der englischsprachigen Body Positivity und ähnlichen Bewegungen bereits etabliert, im Deutschen gibt es aber noch kein richtiges Äquivalent. Zusammen treffen hier die Worte Fat, also Fett, und Phobia; es geht also um die panische Angst vor Körperfett. Diese äußert sich sowohl direkt als auch unterschwellig in der Stigmatisierung und strukturellen Diskriminierung mehrgewichtiger Körper. Denn unter den Witzen, die über Gewichtszunahme in der Quarantäne gemacht werden, verbergen sich diese Fehlschlüsse: Mehr Gewicht = weniger Attraktivität und Gesundheit = weniger Wert.

Erstens ist das einfach schädlich und verletzend für ungefähr jede Person auf dieser Welt: Natürlich setzt es Menschen herab, die mehr wiegen als der Durchschnitt, aber auch Personen mit jeglichen gesundheitlichen Einschränkungen und alle, die auf irgendeine Art aus dem genormten „Schönheitsideal“ herausfallen. Und den ganz ganz wenigen, die sich nicht zu einer dieser Gruppen zählen, machen solche Aussagen panische Angst davor, sich physisch zu verändern.

Zweitens ist das in den meisten Fällen schlichtweg faktisch inkorrekt. Jeder Mensch ist gleich viel wert. Und abgesehen davon, dass körperliche Attraktivität immer subjektiv wahrgenommen wird und dadurch nicht auf bestimmte Merkmale festzulegen ist, haben wir auch nur einen sehr, sehr geringen Einfluss auf unsere natürlichen Körper. Deren Aussehen ist nämlich vor allem auf genetische Veranlagung zurückzuführen. Wir sind einfach nicht alle darauf ausgelegt, denselben BMI zu haben. 

Apropos BMI: Dieses Konzept ist ohnehin äußerst fragwürdig, da es in keinster Weise berücksichtigt, wie sich das Körpergewicht zusammensetzt oder verteilt und schon gar nicht, womit sich der jeweilige Körper am wohlsten fühlt. Auch die Einteilung in Unter-, Normal- und Übergewicht ist problematisch, da sie viel zu verallgemeinernd ist und auf der Grundlage einer Untersuchung beruht, die in den Fünfzigern von einer amerikanischen Lebensversicherung durchgeführt wurde – gar nicht dubios und äußerst praktisch für ein solches Unternehmen sowie die Pharmaindustrie, wenn plötzlich so viel mehr Menschen als krank eingestuft werden können. Sogar die WHO selbst ist nicht ganz überzeugt von dem Konzept und bezeichnet es (sehr untertrieben) als “not perfect”.

Kritische und reflektierte Sprache spielt auch bei diesem Thema eine große Rolle: Ich verwende hier das Wort mehrgewichtig statt übergewichtig, da letzteres aussagt, dass ein Mensch physisch zu viel sein könne und eben dadurch wieder aus dem „Normalen“ ausgeklammert wird. Wenn ich also von einer „Chance, Normalgewicht zu erreichen“ lese, klingt das in meinem Kopf sehr nach Chance auf die Unterdrückung der natürlichen biologischen Veranlagung eines Körpers.

Aber wieder zurück zum eigentlichen Thema: Es mag überraschend klingen, aber es gibt keinen verallgemeinerbaren, kausalen Zusammenhang zwischen (mehr) Gewicht und Gesundheit. Dass mehrgewichtige Menschen grundsätzlich kürzer leben, ist nicht bewiesen, eine höhere Sterblichkeit wurde nur bei Extremstformen sogenannten Unter- oder Übergewichts nachgewiesen. Personen mit einem BMI, der leicht über dem angeblich gesunden Maß liegt, leben statistisch gesehen sogar länger. 

Ein höheres oder niedrigeres Gewicht kann das Symptom einer Krankheit sein, ist meist aber nicht deren Auslöser. Hier muss dringend unterschieden werden zwischen Korrelation und Kausalität: Auch wenn ein höheres Gewicht mit Krankheiten zusammenhängen kann, bedingt es sie dadurch nicht – es kann eine andere Ursache für beide Gegebenheiten geben. Auch schlanke Menschen können krank und unfit sein und mehrgewichtige Menschen kerngesunde Sportskanonen. Es lassen sich vom Äußeren oder dem Gewicht einer Person einfach keine sicheren Rückschlüsse auf deren Leben, Charakter oder Gesundheit ziehen. 

Das Traurige: Das Ungesündeste an hohem Gewicht ist der ständige mentale und körperliche Stress, der durch die soziale Stigmatisierung ausgelöst wird. Dazu gehören die täglichen Mikroagressionen, also abwertende Botschaften, die die Betroffenen durch alltägliche, häufig unbewusste Verhaltensweisen oder Aussagen ihrer Mitmenschen empfangen. Das können die Darstellungen mehrgewichtiger Personen in den Medien sein, wenn in der beliebten Netflix-Serie mal wieder ein Witz auf Kosten einer Figur mit überdurchschnittlichem Gewicht gemacht wird oder sie als verfressen, ungesund, dümmlich oder asexuell dargestellt wird. Es können die übergriffigen Blicke und Kommentare zu Mahlzeiten oder Lebensmitteleinkäufen sein, die panische oder feindselige Reaktion der Mitfahrenden auf den Versuch, sich in öffentlichen Verkehrsmitteln einen benachbarten Platz zu ergattern, die verurteilenden Blicke in Fitnessstudios, in denen mehrgewichtige Körper höchstens als “Vorher-Bilder” erwünscht sind. Auch im Beruf werden Menschen mit höherem BMI chronisch unterschätzt, haben weniger gute Chancen bei Bewerbungen oder Beförderungen und werden statistisch gesehen schlechter bezahlt. All dies baut einen Druck auf, der häufig zu Diäten führt, die ein restriktives oder sonstig gestörtes Essverhalten, einen unausgeglichenen Hormonhaushalt und ungesunde Gewichtsschwankungen verursachen. 

Die angeblichen Sorgen um die Gesundheit eines mehrgewichtigen Körpers können somit nicht verschleiern, dass es in Wahrheit darum geht, dass wir als Gesellschaft einfach kein Körperfett sehen wollen und gelernt haben, es automatisch als schlecht zu bewerten.

Auch bedenklich ist der große Unterschied, der im Bezug auf die Gesundheit zwischen hohem und niedrigem Körpergewicht gemacht wird: Bei Krankheitsbildern wie Anorexie oder Orthorexie werden gesundheitliche Beschwerden oft verleugnet oder erst im fortgeschrittenen Verlauf auf das Gewicht geschoben. Schwereren Menschen wird bei allen möglichen und unmöglichen medizinischen Gelegenheiten häufig erst einmal empfohlen, abzunehmen.
Ich will gar nicht behaupten, dass alle meine Argumente immer greifen, Gewicht und Gesundheit in Einzelfällen nicht doch direkt zusammenhängen und erst recht nicht, dass ich eine Expertin in medizinischen Angelegenheiten bin. Auf keinen Fall will ich eine bestimmte körperliche Verfassung als die wertvollste und idealste darstellen. Ich möchte nur betonen, dass ständig eine ganze Menge an naivem Halbwissen reproduziert wird, wenn es um Körpergewicht geht, und dass wir das dringend hinterfragen sollten. Darüber hinaus würde ich mir wirklich wünschen, dass sich endlich die Auffassung etabliert, dass Körper, Gesundheit und Ernährung ganz klar Privatsache sind, die nicht ständig öffentlich verhandelt oder kommentiert werden sollten. 

Jeder Mensch ist, unabhängig von seinem körperlichen Zustand, zu respektieren und akzeptieren! Das Körpergewicht darf nicht darüber entscheiden, ob man ernst genommen wird, Zugang zu Sozialität oder medizinischer Versorgung bekommt. Inspiration und sehr hilfreiche Quellen, um diesen Text zu verfassen, waren übrigens der Artikel Fighting Fatphobia: A Feminist Take on Weight und das Buch Body Positive Power. Schaut mal rein!

Ein Artikel von Hannah Rengelshausen

Bild mit freundlicher Genehmigung von Dariia via Adobe Stock

Hannah hat in Hildesheim Philosophie-Künste-Medien studiert und wird ab Oktober in Hamburg Kunsttherapie studieren. Ihr Herz schlägt für Musicals, Body Positivity und Kaffee. Hier findet ihr einen Artikel über Female Gaze, den Hannah mitverfasst hat.

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