Sexuelle Belästigung – warum nicht?

Gastbeitrag: Erstveröffentlicht bei neues deutschland.

Keinen Bock auf sexuelle Belästigung, sobald ich auf die Straße trete, sagt Paula Irmschler. Und vor allem: Keinen Bock, zu erklären, warum ich nicht belästigt werden will! Because fuck you. Darum.

Ich kann nicht mehr zählen, die wievielte Kolumne, den wievielten Text, die wievielten Gedanken ich hier zum Thema »sexuelle Belästigung« aufschreibe. Ich kann es nicht zählen, weil es so sehr zu meiner Lebensrealität gehört, dass es mich auch alltäglich beschäftigt – ob ich will oder nicht. Umso älter ich werde – wegen immer wieder neuer Aspekte. In diesem Jahr, so mein Gefühl, ist es schlimmer als in den vergangenen Jahren. Momentan passiert mir etwas, an jedem Tag, an dem ich das Haus verlasse. Es ist mir aber erst aufgefallen, weil ich mit einer Freundin darüber sprach, der es auch so geht. Es ist Gestarre, Gewinke, Geschnalze, Gemustere, Angequatsche, Fotografiertwerden, Verfolgtwerden – hinter oder neben mir Herlaufen. Manches bekomme ich nur halb mit, weil ich meist Kopfhörer trage. Dann merke ich nur, dass ER etwas sagt und dann einen angegeilten Blick auflegt. Etwas, das mir immer häufiger auffällt, ist die Frage »Warum nicht?«, nachdem ich »Nein«, »Geh weg« oder »Lass mich in Ruhe, du mieses Stück Scheiße« gesagt habe.

Warum nicht? Warum sagst du mir nicht, wie du heißt? Warum gibst du mir nicht deine Nummer? Warum kann ich dich nachts auf der Straße nicht ansprechen? Warum willst du nicht mit mir gehen? Warum kann ich nicht frei über dich verfügen? Warum nicht? Ich bin doch ein Mann und du eine Frau, muss das nicht reichen? Warum muss ich überhaupt diese Zwischenschritte gehen und dich ansehen, ansprechen, deine Kontaktdaten ermitteln, nach deiner Zustimmung fragen? Warum? Nicht? Warum kann ich dich nicht einfach nehmen? Warum ist es so schwer? Was ist da schiefgelaufen? Warum hast du mitzuentscheiden? Warum bist du nicht einfach ein Ding, das mir gehört? Es ist so normal: Man hat ein Anrecht auf Frauen. Unnormal ist, sich dagegen zu sträuben. Was besonders irritiert, weil ich mir sicher bin, dass diese Männer sehr oft Ablehnung erfahren. Aber ihr Bild von Frauen wird dadurch nicht gerade gerückt. Es bleibt bestehen, weil es so sein muss. Notfalls mit Gewalt.

Jede Frau legt sich unterschiedliche Strategien zurecht, um damit umzugehen, im konkreten Fall und generell. Manchmal hat man Glück, und die Warum-Frage wird gar nicht erst gestellt. Manchmal kann man sie ignorieren. Manchmal muss man der Gefahr wegen Ausreden finden, am häufigsten: Ich habe einen Freund. Was in diesem Fall bedeutet: Mich besitzt schon ein anderer. Manchmal reicht das aber nicht. Es geht ja nicht um die Beantwortung der Frage. Es geht darum, den Willen zu brechen, der gar nicht da sein soll. Ich werde jetzt seit etwa 20 Jahren sexuell auf der Straße belästigt. Das heißt, es ging los, als ich noch nicht mal Teenager war. Warum ich in Ruhe von A nach B gehen möchte, willst du wissen? Because fuck you. Darum.

Ein Artikel von Paula Irmschler.
Erstveröffentlicht bei neues deutschland.
Titelbild: Adobe Stock / Decobrush

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