Alice Dee – Queer Rap aus Berlin

Nach Wildstyles veröffentlicht Alice Dee mit dem Song Freitag Nacht einen Einblick in die bald erscheinende EP. Neben dem grime, drill und trappy Sound geht es der Künstler:in aber auch vor allem um politische Themen wie den Umgang mit Privilegien, Queer Empowerment und Selbstbehauptung.

Im Interview mit dem .divers Magazin spricht Alice Dee darüber, welche Rolle  Nicht-Binarität in der deutschen Hip-Hop Szene hat, was Cyphers sind, über die neue EP und wie man eigentlich anfangen kann zu rappen.

Wie bist du zum Musik machen gekommen?

Mit 13 habe ich angefangen Texte zu schreiben und für mich war das so eine Art Gefühle zu verarbeiten. Ich glaube, wenn man so jung ist und langsam checkt wie Ungerechtigkeit in der Welt läuft, dann braucht man einfach so ein Ventil. Und das war es für mich. So ein Ventil und ein zuHause. Und so bin ich dazu gekommen.

Warum gerade Rap?

Rap hat sich angeboten, weil das eine Form ist in der man viel ausdrücken kann und viel erzählen kann, mit vielen Worten und viel Platz. Ich hab auch selber immer viel Rap gehört und es war aber nie so, dass ich mir dachte‚ „Ah Rap ist das Tool, das ich dafür nehme“, aber ich glaube Rap hat mich gerade deswegen auch so angesprochen, weil es dort viel um Menschen geht, die ausgeschlossen sind oder nicht gehört werden. Und Rap funktioniert nicht so wie Pop zum Beispiel. Pop zielt darauf ab eingängig zu sein und zu gefallen. Rap ermöglicht mehr Alternativen zu erzählen. Am Anfang hab ich auch viel Gitarre gespielt und war punkig unterwegs, aber am Ende hatte ich wahrscheinlich zu viel zu erzählen. Und das alles hat dann dazu geführt, dass es Rap wurde.

Kannst du dich noch an deine ersten Texte erinnern und worum es darin ging?

Meistens waren das Battle Tracks. Einfach Texte gegen das System, gegen Lehrer:innen oder einmal sogar gegen Steuerzahler:innen. Ich glaub es ging viel darum mit so einem kindlichen Kopf zu verstehen, wer das eigentlich ist, der mich gerade so abfuckt und gegen alles zu sein, was so eine Art Normalität repräsentiert. Normalität hat für mich auch immer irgendwie bedeutet, dass da Macht ist. Und ich glaube dagegen haben sich viele Texte gerichtet. Das waren dann auch nicht nur Autoritätspersonen wie Religionslehrer:innen oder Ärzt:innen im einzelnen auf die ich wütend war, sondern alle Menschen die diese gewaltvolle Norm aufrechterhalten haben. Alle die für so einen „Otto-Status“, so einen Normalitäts-Status standen, unempathisch waren oder uninteressiert.

Ich glaub es ging viel darum mit so einem kindlichen Kopf zu verstehen, wer das eigentlich ist, der mich gerade so abfuckt und gegen alles zu sein, was so eine Art Normalität repräsentiert. Normalität hat für mich auch immer irgendwie bedeutet, dass da Macht ist. Und ich glaube dagegen haben sich viele Texte gerichtet.

– Alice Dee

Was sind Themen die du mit deiner Kunst ansprechen beziehungsweise kritisieren möchtest?

Es gibt Themen, die immer wieder kommen wie beispielsweise „Freiheit“. Ich glaube das ist eines der zentralsten Themen. Abgesehen davon versuche ich immer Gefühle zu verarbeiten oder Geschichten zu erzählen, aber natürlich handeln die dann auch von Themen, wie Fragen nach dem richtigen Umgang mit Privilegien. Was heißt beispielsweise weiß-sein für mich? Und was heißt es als weiße Person davon zu profitieren? Wie kann ich mit meiner Stimme auf Themen wie Rassismus aufmerksam machen und dazu inspirieren sich damit auseinanderzusetzen und daran was zu verändern.

Mir sind aber auch Themen wichtig, die sich damit beschäftigen, wie man es schaffen kann, man selbst zu sein. Sich selbst treu zu bleiben und auch sowas wie Community und Crew. Ich schreibe viele Songs um gemeinsame Momente zu schaffen. Tanzbare Tracks, die detailreich sind und Geschichten erzählen. Songs, die man immer wieder hören kann und dann immer wieder neue Elemente entdeckt. Mir ist es mittlerweile auch wichtig, dass die Tracks live auch wirklich Energie geben. 

Wie kann ich mit meiner Stimme auf Themen wie Rassismus aufmerksam machen und dazu inspirieren sich damit auseinanderzusetzen und daran was zu verändern.

-Alice Dee

Welche Rolle spielt das Thema Nicht-Binarität im Deutschen Rap und der Deutschrapszene? 

Puh ich würde sagen Nicht-Binarität spielt in der Deutschrapszene gar keine Rolle. Es gibt zwar immer wieder Leute, die sich outen wie beispielsweise Sir Mantis als trans Rapper oder Mavi Phoenix hat ja auch vor kurzem gemeint, dass er trans ist. Also es gibt Vorbilder, was gerade auch voll schön ist. Aber speziell von non-binary Leuten im Deutsch-Rap habe ich noch nichts gehört. Falls du was weißt sag gern Bescheid.

Wie ist es als nicht-binäre Rapper:in in diesem Genre Kunst zu machen?

Für mich ist es lange Zeit ein Wagongspiel gewesen. Wie so ein Prozess, der sich über die Jahre immer weiter zugespitzt hat, bis ich jetzt ein Wort dafür gefunden hab. Und gleichzeitig finde ich, ist es ein Problem, dass es jetzt dafür ein Wort gibt. Mir fällt es auch manchmal schwer mich in so eine Box zu stecken.

Das Problem ist aber hauptsächlich, dass beispielsweise momentan zwar so eine richtig große awareness da ist für Frauen, die rappen, aber gleichzeitig dann so ne Kategorie wie „female Rap“ aufgemacht wird. Wenn ich dann zum Beispiel in so ner Kategorie lande, dann bin ich richtig abgefuckt. Nicht nur wegen meiner Nicht-Binarität, sondern weil mit dem Label „female Rap“ wieder irgendwas abgekapselt wird. Und das ist ein Prozess, der immer wieder passiert. Statt Rap einfach als Rap zu behandeln.

Ich selbst bin momentan noch vorsichtig, wann und wo ich mich als nicht-binär positioniere, weil ich nicht immer Lust habe, mich auf eine Diskussion einzulassen. Da muss ich einfach auf mich selbst achten. Einerseits hab ich dieses Wort jetzt gefunden, was mir voll die Freiheiten gegeben hat zu verstehen, wer ich bin und gleichzeitig wird man dadurch aber unsichtbar, weil man im Mainstream nicht existiert, wenn man nicht Frau oder Mann ist. Deshalb finde ich es cool, wenn Menschen, die sich sicher fühlen, das sagen wenn sie nicht-binär sind. Damit Nicht-Binarität einfach sichtbarer und auch zu einem Thema beispielsweise in der Deutsch-Rap Szene wird. 

Ich bin aber auch deshalb momentan noch vorsichtig mich als non-binary Rapper:in zu outen, weil es gerade jetzt ja auch einen Hype und so ein Interesse für diese Themen gibt. Und das war vielleicht so eine Angst von mir, dass mir das zum Vorwurf gemacht wird, ich würde mich aus einem Trend heraus outen. Letzten Endes hat man es aber nicht in der Hand, sondern man muss einfach sein Ding machen. Von dem her ist es auch richtig schön, dass wir jetzt das Interview hier haben und über sowas reden können. 

Einerseits hab ich dieses Wort jetzt gefunden, was mir voll die Freiheiten gegeben hat zu verstehen, wer ich bin und gleichzeitig wird man dadurch aber unsichtbar, weil man im Mainstream nicht existiert, wenn man nicht Frau oder Mann ist.

-Alice Dee

Was stört dich in Bezug darauf? Worüber könntest du so richtig abranten? 

Gender wird immer nur bei Leuten diskutiert die female, non-binary oder trans sind, obwohl das Thema alle betrifft. Ich würde mir wünschen, dass man mehr über die Momente spricht, in denen man die Gewalt am eigenen Körper durch bestimmte Erwartungen von Gender Rollen spürt. Oft ist es so, dass erst das Thema Gender besprochen wird und dann die Musik. Obwohl ich mir wünschen würde, dass meine Musik im Vordergrund steht. Es nervt einfach, dass immer die Menschen den struggle anfechten müssen, die selbst von Diskriminierung betroffen sind. Es gibt aber nie Diskussionen darüber, was eigentlich Männlichkeit ist. Oder wie sich beispielsweise Männlichkeit im Rap manifestiert.

Spannend ist zum Beispiel auch, dass im Rap häufig gewaltvolle Inhalte verhandelt werden und als aber zum Beispiel SXTN den Song „Made 4 love“ rausgebracht hat, in dem es bisschen um die Darstellung von Sexarbeit geht, wurde dieses Video gesperrt und ist erst ab nem Alter von 18 zugänglich gemacht worden. Hier denke ich mir: es gibt so ein Verständnis von „normaler Gewalt“, die wir tolerieren, aber wenn zum Beispiel andere Menschen über Gewalterfahrungen aus einem anderen Kontext reden, dann sind die Menschen super sensibel und es heißt sofort „Ah ne darüber können wir jetzt nicht berichten“. 

Es nervt einfach, dass immer die Menschen den struggle anfechten müssen, die selbst von Diskriminierung betroffen sind. Es gibt aber nie Diskussionen darüber, was eigentlich Männlichkeit ist. Oder wie sich beispielsweise Männlichkeit im Rap manifestiert.

– Alice Dee

Was gibt dir Hoffnung? Und worüber freust du dich gerade richtig doll? 

Mich freut es mega, dass jetzt mein Song „Freitag Nacht“ rausgekommen ist und dazu so viel positives Feedback kam. Wenn mir Leute schreiben „hey dope“ oder „richtig nice“ – das freut mich. Oder beispielsweise Kollektive wie BERRIES, die queere Hip-Hop Partys in Berlin veranstalten. Oder Menschen wie Miriam Davoudvandi, die lange Zeit für das splash! Mag gearbeitet hat und jetzt aber auch Podcasts über Themen wie Depressionen macht. Mich inspirieren einerseits Menschen, die selbst im Bereich Musik was machen oder Queerness und alles was aus der Reihe tantzt. Oder hier in dem Magazin jetzt die Möglichkeit zu haben sowas zu erzählen und gerade auch junge Menschen zu erreichen. Mir ist das vor allem deswegen wichtig, weil alles nochmal viel beschissener ist, wenn man jünger ist. Man sieht in dem Alter vielleicht auch nicht immer, welche Alternativen und Möglichkeiten es eigentlich gibt zu leben, weil der Mainstream noch so dominiert. Junge Menschen dann aber zu erreichen und Hoffnung geben zu können, gibt mir auch wiederum Hoffnung. 

Worum geht es in deiner Single „Freitag Nacht“? Was hat dich dazu veranlasst den Song zu schreiben? 

Es gibt in Berlin am Freitag immer so eine Cypher zu der ich immer gehe. Eine Cypher ist ein Kreis in dem man rappt und bisschen freestylet. Und der Song ist eigentlich die Verarbeitung von so ein paar Situationen, die ich dort hatte. Ich geh da eigentlich immer gerne hin und ich kann auch gut rappen, deshalb ist es immer schön da zu sein. Manchmal kommen da dann aber auch so Dudes, die einen dann herausfordern und fragen „Was bist du? Was bist du?“ Mir macht es dann einfach Spaß die richtig zu verwirren. Einmal beispielsweise kam ein Dude in den Kreis, der glaube ich das erste mal in so einem Kontext gerappt hat und er hat dann direkt frauenfeindlich irgendwas über Mütter in einer sexuellen Art krass gerappt..und da hab ich ihn dann einfach gebattelt. Obwohl er so ein Schrank war konnte er dann nicht mehr da bleiben. Er musste dann mit seinem Homie gehen, weil er nicht mehr mit mir in einem Raum sein konnte.

Und eine andere Situation, die mich für den Song inspiriert hat, war mal im Backstage vor einem Gig. Da gab es irgendwie keine Getränke mehr und wir wollten was trinken, ein anderer Rapper kam dann rein und wir wussten nicht, dass er ein Rapper ist. Wir haben ihn dann halt gefragt, ob er Getränke mitnehmen kann, wenn er wieder kommt. Daraufhin meinte er nur voll aggro: „Ah Weißt du eigentlich wer das ist?“. Und es war halt auch wieder so eine Nummer von dieser Arroganz. Das waren die Situationen die mich dazu gebracht haben den Song zu schreiben. „Freitag Nacht“ ist einfach so ein Fun Song, aber auch Empowerment, Selbstbehauptung und handelt davon sich den Raum zu nehmen, der einem zusteht.

„Freitag Nacht“ ist einfach so ein Fun Song, aber auch Empowerment, Selbstbehauptung und handelt davon sich den Raum zu nehmen, der einem zusteht.

– Alice Dee

Gibt es anstehende Projekte? Was können wir in Zukunft von dir erwarten? 

Bald wird eine EP rauskommen. Mitte nächsten Jahres, 2021. Die wird auch ähnlich wie die letzte ein bisschen grime, drill, trappy. Mal gucken wie viele Songs…es werden auf jeden Fall einerseits so biografische Sachen sein und dann aber ein oder zwei Features. Es wird noch viel Musik geben – eine große Spannbreite an Sounds. 

Was machst du neben dem Rap gerne? 

Das ist immer bisschen schwierig zu beantworten, weil ich das Gefühl hab, dass alles irgendwie damit zu tun hat. Neben dem Rap bau ich gerne Beats, häng gern mit Freund:innen ab und zieh gerne gemeinsam durch die Stadt. Ich arbeite auch als Streetworker, das macht auch Spaß oder ich gebe Workshops. Sport, feiern und rumhängen mach ich auch noch gerne.

Was waren Deine Vorbilder als Teenager ? 

Amy Winehouse fand ich cool zum Beispiel. The Prodigy und Kurt Cobain aber auch. Das waren alles meine Vorbilder. Nas oder generell US-amerikanische Rapper. Aber auch Toni Morrison zum Beispiel. Ihre Bücher hab ich sehr gerne gelesen. Häufig waren meine Vorbilder aber auch Aktivist:innen. 

Wenn du deinem jüngeren Ich etwas auf den Weg geben könntest- was wäre das? 

Vertrau dir selbst, dass du schon weißt was du brauchst. Also zweifle nicht an dir, sondern vertraue dir. Hör dir richtig zu und dann weißt du schon wohin du gehen musst.

Was würdest du jungen Menschen raten, die Musik machen wollen? 

Erstmal, dass sie’s genießen sollen, Musik zu machen. Ich glaube heute geht es sehr schnell darum, wie man sich selbst oder die Musik, die man macht, vermarktet. Gerade in einer Zeit in der Instagram so dominiert. Da ist Promotion immer das erste Wort das einem da in den Kopf kommt. Aber ich glaube ich würde raten, erstmal diesen Ort zu finden an dem man ganz allein mit sich oder mit Freund:innen so einen intimen Moment schaffen kann, an dem man seine Stimme benutzen kann oder ein Instrument lernen kann. Einen Ort, wo man sich damit beschäftigen kann, wie Musik funktioniert, wie man das selbst machen kann und das wirklich genießen. Es ist wichtig, immer wieder Momente zu schaffen in denen Bewertung keine Rolle spielt. Daran Freude zu haben Musik zu entdecken. Dass es in Ordnung ist, wenn man erstmal nichts weiß und daran dann aber Freude finden, weiterzulernen und sich zu verbessern. 


Wo kann man Alice Dee finden?

Instagram, YouTube, Spotify, Facebook

VIELEN DANK FÜR DAS INTERVIEW!

Ein Interview von Alica Bonauer
Bilder mit freundlicher Genehmigung von ASBO[kid]

Alica ist gerade für den Master Gender Studies nach Berlin gezogen und Redaktionsmitglied bei .divers. Ihren  subversiven Aktionismus lebt sie darin aus den Familienmitgliedern Stokowski Romane und andere feministische Lektüre in die Geschenke zu jubeln. 

© Kathinka Schroeder

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