Theater & Titten

CN: Erwähnung von sexualisierter Gewalt

Die Schauspielerin Maren Kraus und die Fotografin Meike Willner haben sechs Frauenfiguren des Theaters in der Fotoreihe „Theater&Titten“ portraitiert. Damit versuchten sie die Diskrepanz aufzuzeigen, die sich bei ihnen einstellt, wenn sie immer und immer wieder diese Rollen einnehmen müssen und man ihnen mit einer Erektion dabei zusieht, wie sie bis in alle Ewigkeit lieben, weinen und am Ende sterben. Mit ihrer Fotoreihe wollten sie darauf aufmerksam machen, was da eigentlich seit hunderten von Jahren erzählt und reproduziert wird. Ausgehend von dieser Auseinandersetzung hat Maren Kraus ihre Wut über diesen Zustand im folgendem Text auch verschriftlicht.

In Valère Novarinas „Brief an die Schauspieler“ schreibt er über die Motivation, diesen Beruf zu ergreifen. Novarina schreibt: „Was, was, was? Warum man Schauspieler ist, hm? Man wird Schauspieler, weil man sich nicht daran gewöhnen kann, im vorgeschriebenen Körper zu leben, im vorgeschriebenen Geschlecht. Jeder Schauspielerkörper ist eine ernstzunehmende Bedrohung für die dem Körper auferlegte Ordnung, für die Geschlechtlichkeit. Und findet man sich eines schönen Tages im Theater wieder, dann deshalb, weil es etwas gibt, was man nicht ausgehalten hat. In jedem Schauspieler ist das, was sprechen will, etwas wie ein neuer Körper. Eine andere Ökonomie des Körpers, die sich vordrängt und die alte, vorgeschriebene verdrängt.“

Eine Frage, nein, mehrere, an Valère Novarina:
Was zur Hölle?
Wann wird es soweit sein mit Ihrer Prophezeiung?
Wann werde ich als Schauspielerin eine ernstzunehmende Bedrohung für die dem Körper auferlegte Ordnung?
Sprechen Sie möglicherweise ausschließlich von meinen männlichen Kollegen? Oder ist auch in mir etwas, das sprechen will, etwas wie ein neuer Körper? Ja ja ja.
Ja?

Ich kann mich auf keinen Fall daran gewöhnen, Herr Novarina. Ich kann mich nicht daran gewöhnen, am Ende der meisten Stücke nackt und / oder tot auf der Bühne zu liegen und meinem Kollegen beim Schlussmonolog zuzuhören. Ich kann mich nicht daran gewöhnen, immer ein und dieselbe Rolle zu verkörpern. Frau. Liebesobjekt. Busen. Sehnsucht. Sex. Körper. Körper. Körper. Eins seid ihr auf der Bühne des Theaters immer – auch auf anderen Bühnen – : Körper. Weibliche Körper. Reicht es nicht, dass ich einen Körper HABE? Muss ich dieser deshalb immer SEIN? Der objektivierte weibliche Körper. Klingt nach viel Spaß. Ich darf die Rolle, die ich auf dem Weg zur Arbeit so genieße, wenn mich ein wildfremder Mann fragt, ob ich eine Praline sei und ob ich eine Füllung bräuchte, direkt weiterspielen. Ich spiele Körper als Liebesobjekt, Körper als Sexobjekt, manchmal beides, die Möglichkeiten sind so unbegrenzt, bunt, spannend, politisch gewagt und verrückt. Wie geil. Wir erzählen neue Welten am Theater. Utopien. Oh. Mutter. Mutter kann ich auch sein. Ganz bald. Ich freu mich drauf. Jedenfalls Titten. Titten und Theater. Ihr müsst euch keine Sorgen machen. Ihr müsst gar nicht so viel können. Wenn ihr Brüste habt. Aber weinen! Weinen solltet ihr draufhaben. Denn wenn ihr weint, seid ihr schön. Pretty when you cry. Wir können kein Neutrum sein. Selten bis nie Themen verhandeln, die außerhalb des vorgeschriebenen Spektrums von weiblicher Thematik liegen. Können nicht, wie die meisten unserer männlichen Kollegen, alles sein oder werden auf der Bühne, Valère. Ich kann diese alte, verstaubte, mir ins Fleisch gebrannte Ökonomie meines Körpers nicht verdrängen. Seit Hunderten von Jahren nicht. Am Ende geht es um Geschlecht auf der Bühne. Um die auferlegte Ordnung. Und um Titten. Tittentittentittenundtheater.

Eine Frage, nein, mehrere, an Schauspielerinnen:
Was zur Hölle?
Oder um es mit Goethes Gretchenfrage zu fragen: Warum spielen wir das noch?
Habt ihr euch dafür 5 Jahre lang den Arsch aufgerissen?
Wozu die Ausbildung?
Arbeitet ihr dafür bis zum Erbrechen?
Um eine personifizierte Titte zu sein?
Ödet es euch nicht an?
Eurer Rolle als Frau in dieser abgefuckten heteropatriarchalen Gesellschaft gerecht zu werden?

Eine herr-liche Geschlechterinszenierung. Spielen wir das Spiel eben mit. Bleibt eine Wahl? Kommerzialisiert eure Körper. Denn weder auf noch hinter der Bühne traut sich wer, diese Erzählweisen zu verändern. Rotziges, punkiges Theater im Off – Betrieb, aber am Ende wieder dieselbe Leier. Irgendeine Frau wird ausgezogen, präsentiert, vergewaltigt, getötet oder gerettet. Oder ihr spielt nicht mit, im doppelten Wortsinn. Sprecht es an. Und lasst euch von den Kollegen belächeln oder als hysterisch bezeichnen und eure Wahrnehmungen als selektiv und übertrieben abstempeln. Seid dann live mit dabei, wenn ein heller Kopf das ausgefallene Argument anbringt, wir müssten diese problematischen Strukturen unserer Gesellschaft erst einmal auf der Bühne erzählen, um sie verändern zu können. Merkwürdig. Wieso kommt es mir so vor, als würden wir genau das seit hunderten von Jahren tun und nichts verändern? Und dann bleibt am Ende eben wieder die leidige Reproduktion des ewig Gleichen, die nichts verändert, als dass sich die gängigen Strukturen noch mehr in den Köpfen der Zuschauer:innen manifestieren.

Solange wir Figuren wie Amalia oder Ophelia spielen, sterben, weinen, nur über Liebe reden, wenn überhaupt, von mächtigen Männern vergewaltigt und geschlagen werden und sie doch danach weiterlieben, solange werden wir genau diese Verhältnisse weitererzählen. Den Kanon weiter runterleiern. Ein Klassiker nach dem anderen an den Theatern. Es gibt keine Stunde 0 der Liebe. Und es gibt keine Stunde 0 des Theaters. Sie alle opfern sich seit Jahrhunderten von Jahren für die Liebe auf und werden es immer und immer wieder tun. Sie wurden von Männern erfunden und wie sie zu handeln haben, wurde von Männer geschrieben. Zusammenphantasierte Frauenfigur. Male gaze at it’s best.

Die Tatsache, dass dieser Beruf leider nicht für alle von uns das bietet, was er vielleicht für Sven, 27, weiß und heterosexuell bietet, macht krank. Valère Novarina hat gelogen, als er sagte, wir können uns in diesem Beruf verwandeln in was wir wollen, eine andere Ökonomie des Körpers entdecken, den vorgeschriebenen Körper zumindest für 2 Stunden verlassen. Er hat gelogen und mir einen Traum zwischen die Gehirnlappen geklemmt, der unerreichbar scheint. Oder er hat nicht gelogen, sondern lediglich seine Sprache nicht gegendert. Sprach er auch Frauen an mit seinen verheißungsvollen politischen Ideen vom Theater? Und wenn er Frauen nicht gemeint hat, wen hat er dann erst recht nicht gemeint? Wir können doch erst dann darüber sprechen, dass Verwandlung in alle Richtungen möglich sein sollte, wenn das auch für jede von uns der Fall ist. Aber Frauen, queere Menschen, people of colour, Menschen mit Behinderungen spielen entweder das, was sie auch sind, oder sie spielen nichts. Das ist der Normalfall. Also lässt sich durchaus die Frage stellen, ob es berechtigt ist, dass weiße, heterosexuelle cis-Männer sich in alles verwandeln dürfen, solange wir unter diesen Bedingungen am Theater arbeiten.

Eine ältere Kollegin meinte einmal, dass sie irgendwann entschieden habe, pro Vergewaltigung, die auf der Bühne stattfinden sollte, drei DIN A4 Seiten wichtigen, die Handlung vorantreibenden Monologtext zu verlangen. Sie hatte einen guten Stand in der Branche, war schon weit gekommen und konnte es durchsetzen. Ich würde auch gerne eine Bedingung an meinen Arbeitgeber stellen. Ich würde gerne sagen: Ich spiele alles. Außer die weiblichen Rollen. Die spiele ich nicht mehr. Ich bin soweit, dass mich allein die Tatsache, eine Frau auf der Bühne zu spielen, ankotzt und lähmt.

Ein Artikel von Maren Kraus
Titelbild und Foto mit freundlicher Genehmigung von Meike Willner

Zusammen mit dem Kollektiv FAUL&HÄSSLICH. ist Maren Teil der Feministischen Reihe des Theater Oberhausen, die ab dem 6. März 2021 startet und digital umgesetzt wird. Das Kollektiv präsentiert dort SCHICHTWECHSEL – Die Besetzung der patriarchalen Theaterhallen und liefert digitalen Content zum Theater, als eine der vielen Bastionen des Patriarchats. 

Maren Kraus, 1992 in Karlsruhe geboren, ist Schauspielerin und Tänzerin. Neben ihren Arbeiten an Theater, in Film und Fernsehen arbeitet Maren kontinuierlich im Performance-Bereich und in der freien Szene. 2019 gründet sie das aktivistisch- feministische Theaterkollektiv FAUL&HÄSSLICH., das sich jenseits von hierarchischen und institutionalisierten Strukturen autonom organisiert. 2020 produziert sie zusammen mit dem Kollektiv den kapitalismuskritischen, feministischen Theaterabend SCHICHTARBEIT – Herstory repeats itself.

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