„Ich wollte meinem Körper und mir die Zeit geben, die wir brauchen.“

Eine kombinierte Arbeit aus Bildern und Text zum Thema Fehlgeburt 

Von einer Fehlgeburt Abschied zu nehmen und loszulassen ist nicht leicht. Mir half das symbolische Abschneiden meiner Haare und die Arbeit an diesem Projekt. Damit konnte ich buchstäblich Schwere loswerden.

„Ziehen Sie sich erst mal an, ich erzähle Ihnen dann alles.“ Schon in der Umkleide-Ecke bei der Gynäkologin wusste ich, dass jetzt keine erfreulichen Neuigkeiten kommen würden. „Also. Ich kann den kleinen Embryo zwar sehen, aber er hat sich nicht weiterentwickelt und es ist kein Herzschlag erkennbar. Das wird leider eine Fehlgeburt. Tut mir sehr leid.“

Ich war beruflich für ein paar Monate in Köln, als eine Gynäkologin meine Schwangerschaft feststellte und die Seifenblase kurz darauf wieder platzen ließ. Meinem Partner konnte ich nur am Telefon davon erzählen. Er hatte mich noch eine Woche vorher besucht, wir freundeten uns mit der Vorstellung einer Familie an, träumten leise. Und dann passierte das, was eigentlich sehr oft geschieht. Es redet nur kaum jemand darüber. Die „kleine Geburt“ ereignet sich häufig innerhalb der ersten drei Monate einer Schwangerschaft. Ich kannte die Empfehlung, erst nach Ende des dritten Monats meinem Umfeld von der Schwangerschaft zu erzählen, wenn es einigermaßen „sicher“ ist. Aber warum eigentlich? Warum wird dieses Thema so totgeschwiegen? Statistisch gesehen erlebt jede dritte Frau einmal im Leben eine Fehlgeburt. Ich habe darüber eine Folge des Podcasts „Unausgesprochen“ gefunden. Es ist ein zweistündiges Gespräch mit einer Hebamme über die kleine Geburt. Von dort habe ich diesen viel passenderen Begriff übernommen.

Meine kleine Geburt war physisch und emotional schmerzhaft. Ich hatte mich gegen den in Deutschland gängigen medikamentösen Abbruch entschieden und eine Ausschabung im Krankenhaus kam nicht infrage. Allein das Wort fand ich fürchterlich. Also fuhr ich zurück nach Berlin und wartete ab. Laut Infoblatt der Kölner Gynäkologin wird das „die konservative Haltung“ genannt. Die Vorstellung, dass da gerade etwas in meinem Körper stirbt und er es noch nicht loslassen will, fand ich grausam. Nach 14 Tagen begann endlich meine Blutung und sie dauerte ca. sechs Wochen. In der ersten Woche hatte ich wehen-artige Krämpfe und so starke Blutschübe, dass ich stündlich die vollgesogenen Binden wechseln musste. Ab Woche zwei wurde es etwas weniger. Ich dachte sogar, ich könnte wieder aufstehen und weitermachen. Weitermachen mit dem Leben. Doch jedes Mal, wenn ich davon überzeugt war, wieder auf Alltagsmodus umstellen zu können, kam ein neuer fetter Blutschub mit Klumpen und Schleimhautresten als Erinnerung an die vergangene Schwangerschaft und rieb mir meine Voreiligkeit ins Gesicht. 

In meinem Kopf war alles schwer. Am liebsten wäre ich einfach im Boden versunken. Da war viel Trauer, Enttäuschung, Hilflosigkeit. Zwei Frauen erzählten mir von ihren Erlebnissen mit der kleinen Geburt. Sie wollten mir vielleicht Mut machen. Doch, was bei mir ankam, war: „Da musst du durch. Überleg‘ dir das doch nochmal mit der Ausschabung. Dann ist alles sicher raus“. Aber mein Inneres schrie NEIN. Ich wollte meinem Körper und mir die Zeit geben, die wir eben brauchten.

Und ich bin unendlich dankbar, dass ich das Privileg hatte, sie mir nehmen zu können. Ich war über den Rest meines Köln-Projekts krankgeschrieben und mehrere Monate zu Hause, um klarzukommen. Diese Zeit brauchte ich, um alles zu verstehen, um Abschied zu nehmen.

Ich finde es sehr schade, dass vielen Menschen geraten wird, die kleine Geburt durch ein Medikament zu forcieren oder sie durch einen operativen Eingriff im Krankenhaus schnell zu überwinden. Sicherlich ist das manchmal unvermeidbar und es kann individuelle Gründe geben sich dafür zu entscheiden. Wenn diese Gründe jedoch nicht von Innen kommen, sondern von äußeren Umständen diktiert werden, finde ich das brutal. Natürlich ist es wichtig irgendwann weiterzumachen, aber wann, das ist die Entscheidung jeder einzelnen Person. Und wenn es eine Krankenpflegerin in Zeiten von Corona trifft? Dann sollte unser Gesundheitssystem es strukturell ermöglichen, dass sie sich ihre Zeit nimmt, bis sie wieder für andere da sein kann.

Nach ausklingender Blutung hatte ich das Bedürfnis, einen symbolischen Abschluss und damit sanften Neubeginn zu schaffen. Am Telefon erzählte ich Lisa von der kleinen Geburt und dem Wunsch, meine Haare abschneiden zu wollen. Gemeinsam entwickelten wir die Idee, das Loslassen in einer kombinierten Arbeit aus Fotografien und Text zu thematisieren. Mir selbst die Haare abzuschneiden und damit wirkliche Schwere zu verlieren war befreiend. Die Bilder symbolisieren für mich, was solch einschneidende Erlebnisse häufig mit sich bringen: dass jedem Ende auch ein Anfang innewohnt. 


Eine kombinierte Arbeit aus Bildern und Text zum Thema Fehlgeburt 

Ein Text von Paula T.

Fotos von Lisa Strautmann

Ein Kommentar zu „„Ich wollte meinem Körper und mir die Zeit geben, die wir brauchen.“

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  1. Wow, danke für diesen tiefen Beitrag. Ich habe selbst 4 Fehlgeburten erleben müssen und mich jedes Mal für eine Ausschabung entschieden. Diese Entscheidung war für mich nicht leicht. Beim zweiten Mal wollte ich warten. Aber ich wartete 8 Wochen ohne dass etwas passierte. Und wenn man jeden Moment- egal ob beim Sport oder der Arbeit- damit rechnen muss, einen Blutsturz zu bekommen, ist das eine sehr lange Zeit. Es muss aber meiner Meinung nach mehr über das Thema aufgeklärt werden. Ich hab daher auch angefangen (wieder) zu schreiben, vor allem aber weil ich alles verarbeiten musste. Es gibt dafür viel zu wenig Hilfestellungen. Ich war jedes Mal nur 1-2 Tage nach der OP krank geschrieben. Aber Dein Artikel zeigt, dass man dann eben nicht so einfach weiter machen kann wie vorher. Ich wünschte dass dieses Thema mehr Aufmerksamkeit bekommen könnte und es bessere Hilfestellungen geben würde.

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