Princess Charming: Reality-TV als politische Aufklärung?

Nach dem hetero-Bachelor und zwei Staffeln des schwulen Formats „Prince Charming“ sind mit „Princess Charming“ nun die Lesben an der Reihe – zum ersten Mal queere Sichtbarkeit auch für bisexuelle Frauen und nicht-binäre lesbisch begehrende Menschen. Das ist toll und sorgt vor allem in der lesbian community für eine neue Primetime, jeden Dienstag um Mitternacht zur Erstausstrahlung der neuen Folge. Eine zweite Staffel für 2022 wurde bereits aufgrund der Popularität der Sendung offiziell bestätigt. Wäre das allerdings auch der Fall gewesen, wenn die Princess beispielsweise eine fette Butch of Color gewesen wäre?

Princess Charming Kandidat*in Gea und .divers Redakteur*in Alica haben sich getroffen, um sich über den Auswahlprozess der Kandidat*innen auszutauschen, um über Körpernormen und die Erfahrungen von Gea als einzige nicht-binäre Person bei der weltweit ersten lesbischen Dating Show zu sprechen und darüber, wie der Anspruch politisch zu sein in Zusammenhang mit kommerziellen Reality-TV Formaten funktioniert.

Alica: Was war deine Motivation bei dieser Sendung mitzumachen? Und wie hast du davon erfahren? 

Gea: Mein guilty pleasure ist auf jeden Fall Reality-TV und Dating Shows. Ich habe mir auch immer gewünscht selber mal mitzumachen, aber es gab nie ein Format, in dem ich mich gesehen habe. Deshalb habe ich gesagt, sobald es ein queeres Format gibt, bin ich am Start.

Alica: Wie war der Anmeldeprozess? Anhand welcher Kriterien wurden die Kandidat*innen ausgewählt? Und wie wurde eigentlich die Princess ausgesucht?

Gea: Ich musste ein Bewerbungsvideo schicken und kam dann immer wieder eine Runde weiter. Bis ich dann auch Fotos schicken musste. Eins davon sollte im Bikini sein. Da war ich ein bisschen skeptisch. 
Die Princess hat sich selbst als Kandidatin beworben und wurde dann von der Produktion gefragt, ob sie die Princess sein möchte. Anhand welcher Kriterien sie ausgewählt wurde weiß ich nicht, aber die kann man sich ja denken. Ich selbst hätte es auch mega gefeiert, wenn die Princess eine Butch gewesen wäre.

Alica: Hattest du das Gefühl, dass die Show die Kandidat*innen aufgrund bestimmter Körpernormen auswählt?

Gea: Ich glaube schon, dass sie Personen ausgesucht haben, die für die Mehrheit der Menschen attraktiv ist. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass bei uns viele dabei waren die „the Person next door“ hätten sein können. Und das fand ich relativ schön.
Aber uns allen ist auch direkt aufgefallen, dass keine Schwarze Person dabei ist. Wir hatten zwei People of Color, Miri und Wiki. Das haben wir auch beim Sender angesprochen, aber die meinten nur, dass sich keiner beworben hat. Das kann ich auch nachvollziehen auf eine Art und Weise, weil es immer noch Trash TV ist. 

Alica: …weil man als marginalisierte Person auch viel leichter Angriffsziel wird?

Gea: Ich kann mir vorstellen, dass das der Grund ist, ja. 

Ich glaube schon, dass sie Personen ausgesucht haben, die für die Mehrheit der Menschen attraktiv ist. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass bei uns viele dabei waren die „the Person next door“ hätten sein können.

– Gea, Princess Charming Kandidat*in

Alica: Du selbst bist ja die einzige nicht-binäre Kandidat*in der Dating-Show und sagst das auch von Anfang an ganz offen. Welche Rolle hat das im Bewerbungsprozess gespielt?

Gea: Ich habe das im Bewerbungsvideo tatsächlich nicht gesagt, sondern nur umschrieben und in Interviews von nicht-binären Menschen gesprochen. Ich musste das dann oft erklären und dachte mir „Ok wow this is gonna be a hard journey” aber ich wusste auch, wenn ich dabei bin, dann werde ich das ansprechen. Ich werde mich groß machen für die Leute, die das sehen und sich ähnlich fühlen.

Alica: Der größte Teil der ersten Staffel ist bereits ausgestrahlt und das Finale ist zum Greifen nah. Hast du das Gefühl, dass Dir und deiner Nicht-Binarität in dieser Sendung genug Raum gegeben wurde und deinem Anspruch – dich für die nicht-binäre Community groß zu machen – gerecht wurde?

Gea: Nein. Und da bin ich echt enttäuscht. Das habe ich der Produktion auch kommuniziert. Ich möchte auf keinen Fall hinter deren Rücken schlecht über die reden, weil ich auch viel von ihnen halte, aber trotzdem ist das mein Kritikpunkt. Ich finde es scheiße, dass mir kein Space gegeben wird und ich nicht gezeigt werde, wie ich darüber spreche. Gleichzeitig wird auf Instagram über Gender-Queerness aufgeklärt, aber Betroffene kommen nicht zu Wort. Gerade im Kontext mit der letzten Folge, in der ich viel gezeigt werde und ich über ähnliche Themen spreche, finde ich es kritisch.

Alica: In der aktuellen Folge ging es darum, dass Vulven nicht als einziges Zeichen für Weiblichkeit gelten sollten und inwiefern Genitalfixierung bzw. -präferenz mit Transphobie zusammenhängt – wie ging es dir dabei diesen Konflikt im Fernsehen zu sehen und was sind deine Gedanken nach der Ausstrahlung? 

Gea: Ich hätte nie gedacht, dass es das in die Show schafft. Das wird dann eben gezeigt, weil es polarisiert, weil jemand weint, weil es eine Diskussion ist. Und das zeigt, dass es im Endeffekt einfach Reality-TV ist. Für solche Szenen gibt es Raum, aber wenn positiv über Gender und Trans*sein gesprochen wird, hat das keinen Platz.
Genitalfixierung bzw -präferenz ist trotzdem ein super sensibles und krasses Thema. Ich finde es schön, dass Menschen sich dadurch damit auseinandersetzen, reflektieren und Diskussionen führen. Das bedeutet auch nicht, dass es nur eine richtige Seite und eine falsche Seite gibt. Es kommt ein Prozess ins Rollen und das ist richtig gut. 

Ich finde es scheiße, dass mir kein Space gegeben wird und ich nicht gezeigt werde, wie ich darüber spreche. Gleichzeitig wird auf Instagram über Gender-Queerness aufgeklärt, aber Betroffene kommen nicht zu Wort. 

-Gea, Princess Charming Kandidat*in

Alica: Anfänglich warst du gespannt darauf, wie viel Raum du bekommst um über deine Nicht-Binarität zu sprechen und hattest die Vermutung, eventuell als Token herzuhalten. Wie ist dein aktueller Eindruck?

Gea: Ich werde nicht gezeigt, wie ich darüber spreche, obwohl es einen Moment gegeben hätte, der sehr gut gepasst hätte. Beispielsweise in einem Gespräch mit der Princess. Für die Community, die politische Richtigkeit und das Statement wäre es wichtig gewesen, das zu zeigen. Deshalb kann ich das kritisieren. Mir als Gea, ohne den politischen Aufklärungsanspruch, ist es aber nicht so wichtig. Da hätte ich mir bisher gewünscht, mehr Momente mit Wiki in der Show zu haben. Oder mehr entspannte Talks mit der Princess. 

Für die Community, die politische Richtigkeit und das Statement wäre es wichtig gewesen, das zu zeigen. Deshalb kann ich das kritisieren. Mir als Gea, ohne den politischen Aufklärungsanspruch, ist es aber nicht so wichtig.

– Gea, Princess Charming Kandidat*in

Alica: Manchmal verabschiedet sich die Princess von Kandidat*innen, mit denen sie nicht connecten konnte. Aber auch bei dir fragen sich viele Zuschauer*innen, ob du denn eigentlich auch mal Einzelmomente mit Irina hattest und welche Beziehung ihr beide eigentlich habt? 

Gea: Viele fragen sich, ob ich überhaupt mit der Princess geredet hab’. Und das habe ich jedes Mal. Wir haben geflirtet, gespielt und gequatscht. Bei mir war es im Vergleich aber lockerer und ich gehe entspannt an solche Sachen ran. Es war halt keine emotionale Liebesgeschichte wie bei den anderen und das ist dann nicht spannend genug für Reality-TV. Die wollen Menschen sehen, die eine halbe Stunde weinen, weil sie verliebt sind. Die wollen niemanden sehen der sagt „Ja die ist nett, wir hatten Spaß und mal gucken was passiert.“ 

Alica: Wie würdest du die Erfahrungen, die du bei Princess Charming gemacht hast, insgesamt bewerten? Haben sich deine Erwartungen erfüllt? 

Meine Erwartungen wurden ehrlich gesagt übertroffen und ich bin positiv überrascht. Ich hatte anfangs eher Angst mit neunzehn cis-Lesben in dieser Villa zu sein und ich hatte Angst, dass viele problematische Dinge gesagt werden. Das war aber fast gar nicht der Fall. Und wenn es doch passierte, dann gab es meistens Einsicht von allen Seiten. 
Von der Show habe ich beispielsweise auch total gelernt, Leute nicht immer direkt in Schubladen zu stecken.

Alica: Wer war deine persönliche Princess während der Dreharbeiten? 

Gea: Meine Bezugspersonen in der Villa waren Elsa und Wiki. Ob Irina am Ende meine Princess wurde oder jemand anderes bleibt abzuwarten. 

Alica: Zum Abschluss, viele aus der Community machen sich Gedanken über dein Datingleben. Was hältst du von Tinder – bist du auf Dating Plattformen unterwegs? 

Gea: Vor der Show war ich schon immer auf Tinder und OkCupid. Ich hab echt sau viele Freund*innen auf Tinder kennengelernt oder auch Beziehungen. Ich feier Tinder deshalb schon sehr, weil wenn es nichts wird, dann wird es eine Freund*innenschaft. Ich muss aber dazu sagen, dass Instagram Nummer 1 Flirtportal geworden ist, weil man dort so ungezwungen in die Direct Messages sliden kann. Dort ist es meistens etwas ungezwungener. 

Vielen Dank für das Interview!

Ein Interview von .divers Redakteur*in Alica
Fotos ©Kathinka Schroeder.

Alica ist .divers Redakteur*in und studiert im Master Gender Studies in Berlin.

Kathinka studiert Szenische Künste in Hildesheim und ist als freiberufliche Fotografin tätig. 

Lust auf mehr Princess Charming Input? Die .divers Redaktion empfiehlt das Podcast-Format „Princess Charming Aftertalk“ von Julia Buchberger und Tatjana von der Beek. Zuletzt mit Mine Wenzel. Den Podcast gibt es wöchentlich via Telegram Channel: https://t.me/joinchat/SKZIMSSY0JlhYmEy

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