Don’t fear the anger!

Wut Empowerment – über die Wichtigkeit vom wütend Sein! 

Deine Geschwister haben, ohne zu fragen deinen Lieblingssnack weggegessen. Die Socke rutscht schon den ganzen Tag im Schuh. Deine Oma fragt schon wieder, was du denn als Veganer*in überhaupt essen kannst. Dein Crush antwortet seit zwei Wochen nicht mehr auf deine Nachricht, aber guckt deine Instagram Stories. Menschen tragen ihre Maske in der Bahn unter der Nase. Die diskriminierenden Parolen der AfD. Dein Kumpel findet die Idee der „Pinky Gloves“ eigentlich ganz cool.

Uff, alles richtig nervig und ätzend! Traurigkeit, Enttäuschung, Unverständnis, Verwirrung, Eifersucht – das sind alles Gefühle, die in diesen Situationen hochkommen können. Doch gucken wir genauer hin, erkennen wir vielleicht eine große, aber vielleicht nicht immer direkt erkennbare Emotion: die Wut. 

Die gesellschaftliche Aushandlung von Wut

Theoretisch sind Gefühle erstmal geschlechtsneutral. Doch gesellschaftlich werden Gefühle und der Ausdruck von Gefühlen ständig bewertet. Wie Personen ihre Gefühle ausleben und welche Reaktionen sie darauf bekommen, hängt von der gesellschaftlichen Sozialisation und bestimmten Normvorstellungen ab. Zusammen mit den Kategorien Klasse und race, nimmt die Kategorie Geschlecht Einfluss darauf, wie unsere Gefühle bewertet und verhandelt werden – auch von uns selbst. Das innere Empfinden von Wut wird durch äußere, kulturelle Umstände beeinflusst und durch gesellschaftliche Erwartungshaltungen und Tabus an das Individuum herangetragen.

Weibliche Wut zum Beispiel wird mit Frustration und Wahnsinn in Verbindung gebracht. Die Autorin Soraya Chemaly schreibt in ihrem Buch „Speak out! Die Kraft weiblicher Wut“, dass weiblich sozialisierte Personen und weiblich gelesene Personen schon früh lernen, dass Wut als unattraktiv, egoistisch und lästig gilt. Soraya Chemaly erklärt: „Als Mädchen wird uns nicht beigebracht, wie wir unserer Wut einen Raum geben oder wie wir mit ihr umgehen sollen. Wir lernen […] sie zu fürchten, zu ignorieren, zu verbergen und in andere Gefühle umzuverwandeln.“ Bei männlich sozialisierten/männlich gelesenen Personen wird Wut hingegen als Teil ihrer Männlichkeit verstanden. Die Wut wird hier als beschützend, durchsetzungsfähig, verteidigend und führend interpretiert.

Mädchen wird früh beigebracht zu lächeln und ihrem Umfeld ein freundliches Gesicht zu zeigen. Soraya Chemaly schreibt, das Lächeln sei die Anpassung des Gesichtsausdrucks an die Erwartung, dass Frauen es immer zuerst den anderen recht machen, dass sie somit den sozialen Zusammenhalt gewährleisten und die eigenen Enttäuschungen und Frustrationen, den eigenen Zorn und Ängste verbergen.

Ein weiterer Aspekt in der intersektionalen Betrachtung von Wut ist, dass Schwarze weiblich gelesene Personen, als Bedrohung wahrgenommen werden: „Schwarze Frauen und Mädchen […] wird regelmäßig vom Klischee der ‚zornigen Schwarzen Frau‘ der Mund verboten, wenn sie ihrer gerechtfertigten Wut Ausdruck verleihen.“

Unterdrückte Wut macht krank

Wut ist die Emotion, die am stärksten zu Entstehung von Schmerzen beiträgt. Wenn wir Stress oder Schmerzen empfinden, denken wir nicht direkt an einen Zusammenhang mit Wut, aber wenn sie nicht erkannt und ihr kein Raum gegeben wird, kann das krank machen. „Nicht verarbeitete Wut wirkt sich auf unser Nerven-, Hormon-, Nebennieren- und Gefäßsystem […] aus“ schreibt Chemaly weiter. Wut löst im Körper bestimmte Stresshormone aus, welche sich auf Dauer negativ auf unser Immunsystem, unser Herz, unsere Verdauung, unsere Motivation und/oder unser Selbstvertrauen auswirken können. Weltweit sind Frauen im Vergleich zu Männern deutlicher von akuten und chronischen Schmerzen betroffen. Die wissenschaftliche Forschung im Bereich Geschlecht und Emotionen geht davon aus, dass Patient*innen mit chronischen Schmerzen den Zusammenhang von Wut nicht erkennen können, da vor allem weiblich sozialisierte Menschen gelernt haben dieses Gefühl abzustreiten. „Frauen mit Schmerzsymptomatik sind oft zornig, können dies aber nicht konstruktiv kommunizieren“ hält Soraya Chemaly fest.

Wut kann was

„Nicht wütend zu sein ist ein Privileg. Denn Wut ist eine angemessene Reaktion auf eine existierende Ungerechtigkeit.“ schreibt die Journalistin Teresa Bücker in ihrer Kolumne „Ist es radikal, wütend zu sein?“. Wut zu unterdrücken ist nicht nur schlecht für unsere Psyche und unseren Körper. Wut nicht rauszulassen, unterdrückt wahrscheinlich auch kreatives und aktivistisches Potenzial. Viele feministische Kämpfe wurden und werden immer noch aus Wut geführt (Ja, das kann auch wieder wütend machen). Wut kann Energie und Kraft zum Handeln schaffen; helfen eigene Grenzen zu ziehen, um die eigenen Bedürfnisse zu schützen und die eigene Selbstbehauptung zu üben. Teresa Bücker schreibt: „Es ist eine Frage des Respekts gegenüber sich selbst, die eigenen Gefühle ernst zu nehmen und sie für etwas zu nutzen. Wut kann das. […] Wir können Wut als Teil von uns akzeptieren, denn sie ist nicht das Böse, sondern erzählt uns davon, was wir brauchen und was uns ganz macht.“

Was uns wütend macht

Teresa Bücker schreibt also, dass Wut Bedürfnisse transparent und sichtbar machen kann. Vielleicht fallen euch auch schon viele Situationen ein, wo Wut bereits sichtbar ist? Vielleicht auf Demonstrationen, in geteilten Instagram-Slides, bei deiner besten Freundin, wenn sie sich über ihre Eltern ärgert, im Gespräch mit deinen Mitbewohner*innen über die ungerecht verteilte Care Arbeit?

Nicht nur Frauen sind von der gesellschaftlich sexistischen Verhandlung von Wut betroffen. Der Umgang mit Wut ist für alle Geschlechtsidentitäten wichtig, deswegen muss die Wut von FLINTA* Personen stärker in den Vordergrund rücken. Die wissenschaftliche und auch die popkulturelle Auseinandersetzung mit dem Thema reproduziert leider dauerhaft das binäre Geschlechtersystem. Es gibt bisher nur sehr wenige wissenschaftlich gestützte Erkenntnisse zu nicht cis-geschlechtlichen Personen und deren Emotions- bzw. Wutempfinden. 

Don’t fear the anger!

Mit diesem Artikel soll die binäre Aushandlung von Wut kritisiert und auf den lückenhaften Umstand der Wissenschaft aufmerksam gemacht werden. Deswegen fragen wir, ein Zusammenschluss von Studierenden, die diesen Text geschrieben haben, euch wie ihr zu eurer Wut steht, wie ihr sie empfindet und wie euer Umfeld darauf reagiert. Vielleicht habt ihr auch schon Strategien gefunden, wie ihr mit eurer Wut umgeht?

Wir studieren an der Universität zu Köln Gender & Queer Studies im Master. In diesem Rahmen arbeiten wir gerade an einem Videoclip, der sich mit der gesellschaftlichen Aushandlung des Emotionsspektrums Wut beschäftigt. In unserem Projekt nehmen wir eine intersektionale und queerfeministische Perspektive ein, um die vergeschlechtlichte Aushandlung von Wut zu beleuchten. Dafür haben wir eine Umfrage erstellt, um diverse Perspektiven in den Blick zu bekommen.

Jetzt kommt ihr ins Spiel: Werdet Teil unseres Projekts! Nehmt gerne an unserer Umfrage teil, sendet uns am liebsten Sprachnachrichten oder einen Text und erzählt uns über eure Wut! Alles Weitere zur Umfrage findet ihr auf unserem Instagram-Account: @dont.fear.the.anger

Wenn ihr mögt, schreibt auch gerne ein paar Worte zu eurer Person. Die Sprachnachrichten und Texte werden wir für die inhaltliche Gestaltung des Videos nutzen. Für die Verwendung der Sprachnachrichten gibt es zwei Optionen:

  • Mit eurer Einwilligung kommen eure Original-Sprachnachrichten mit ins Video (ohne namentliche Nennung).
  • Wir nehmen nur den Inhalt aus euren Sprachnachrichten und lassen sie von unseren Performer*innen einsprechen. Schreibt hierfür bitte „anonym“ dazu.

Also hier ein Aufruf zum wütend Sein: Macht eurer Wut Platz, hört auf euer Gefühl und verurteilt euch nicht für eure Wut! Don’t fear the anger!

Ein Artikel von don’t fear the anger Kollektiv
Titelbild mit freundlicher Genehmigung von @_samttt_

Wir, Marthe, Birte, Rike und Larissa studieren gemeinsam Gender & Queer Studies an der Universität zu Köln. Im Rahmen unseres Studiums beschäftigen wir uns aktuell mit dem Themenschwerpunkt vergeschlechtlichte Wut und arbeiten hierfür gerade an einem Videoprojekt. Informationen dazu findet ihr auf unserem Instagram-Account: @dont.fear.the.anger

In unserer Freizeit arbeiten wir am Sturz des Patriarchats, zeigen uns lustige Memes und trinken Kaffee.

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